Gruel's StorytimeA continuing story, one chapter at a time.
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Kapitel 053 — Der Zettel

Sie schliefen vier Stunden. Um halb elf saß das Team in Weckhoven am Tisch, und Jeck hatte schon einen Plan, weil er ohne Plan nicht wach wurde.

„Bongartz“, sagte er. „Ich fahre noch mal hin. Der Mann braucht nur einen Weg, auf dem er die Auflage selbst zurückgenommen hat. Dann steht die Thelen bis Mittwoch wieder an der Straße.“

„Und der Graben?“ Kerstin stand am Fenster und sah nicht heraus.

„Kommt trotzdem.“

„Dann hat sie ihren Platz und die haben ihr Loch.“ Kerstin drehte sich um. „Nächstes Jahr stehen die vier Alten wieder hinten. Diesmal ohne dass jemand dafür bezahlt, dass wir hingucken.“

Mox hatte den Becher noch nicht angefasst. Er dachte an ein Blechdach, unter dem kein Taubendreck lag, und an ein Kabel in sauber gesetzten Schellen.

„Der Graben ist die Sache“, sagte er. „Die Reihe ist der Vorhang.“

Jeck sah ihn an und wartete.

„Wer gräbt am Montag?“

„Terhardt. Vater und Sohn, vierzig Jahre für die Stadtwerke, nie eine Beanstandung.“ Jeck zuckte mit der Schulter. „Ehrliche Leute. Die wissen nicht, für wen sie schaufeln.“

„Was haben die, was ihnen keiner nehmen kann?“

„Den Namen.“

„Der hängt seit Freitagnacht gefälscht an einer Tür, die der Stadt gehört“, sagte Mox. „In deiner Handschrift.“

Am Tisch wurde es still. Kerstin machte ein kurzes Geräusch, das kein Lachen war.

„Handgeschrieben“, sagte sie.

„Ich hatte um zwei Uhr nachts keinen Drucker im Kofferraum.“ Jeck legte die Hände flach auf den Tisch und ließ sie da. Er rechnete es durch, und man sah ihm an, wo er ankam. „Wenn Terhardt den Zettel meldet, meldet er ihn den Stadtwerken. Und die schicken jemanden an ihr eigenes Häuschen.“

„Bevor der Bagger da ist.“

„Und finden einen aufgeschnittenen Riegel, ein fremdes Kabel im eigenen Boden und ein Loch, das in ihrem Plan nicht existiert.“ Jeck sah auf seine Hände. „Und einen Vordruck, den ich geschrieben habe.“

„Ja.“

„Kalscheuer ist dann verbrannt. Nicht abgelegt. Verbrannt, mit Anlage, in einem Vorgang, den man aufheben muss.“

„Ja“, sagte Mox.

Jeck nahm die Hände vom Tisch. „Dann fahre ich hin.“

„Nein.“ Mox stand auf. „Dein Gesicht heißt Kalscheuer. Wenn du dem Polier den Zettel zeigst, zeigst du ihm dich.“ Er nahm die Jacke vom Stuhl. „Mich kann keiner nachschlagen. Das ist das Einzige, was ich habe.“


Der Betriebshof von Terhardt Netztechnik lag in Grimlinghausen zwischen einer Spedition und einem Schrottplatz, und am Samstagmittag stand fast nichts darauf. Fast. Auf dem Tieflader vorne am Tor saß ein Kettenbagger, festgezurrt, mit einem Zettel unter dem Scheibenwischer. Daneben rollte ein Mann in Warnhose eine Kabeltrommel zurecht und schrieb mit einem Fettstift eine Nummer auf die Wange.

Mox blieb drei Schritte vor ihm stehen und wartete, bis der Mann von selbst hochsah.

„Wenn Sie was verkaufen wollen, ich kaufe nichts.“

„Sie graben am Montag auf dem Kirmesplatz.“

„Sieben Uhr.“ Der Mann richtete sich auf. Nettekoven stand auf seiner Jacke, links über der Brust, aufgestickt und ausgeblichen. „Und?“

„An der Tür vom Pumpenhaus hängt ein Aushang. Kabelarbeiten, Zutritt gesperrt. Ihr Firmenname steht drauf. Er hängt da seit Freitagnacht.“

Nettekoven legte den Fettstift auf die Trommel. „Das Häuschen ist nicht in unserem Los. Wir gehen an der Kastanie vorbei, nicht ran.“

„Ich weiß.“

„Dann hängt da auch nichts von uns.“

„Nein“, sagte Mox. „Deshalb stehe ich hier.“

Der Mann sah ihn zum ersten Mal richtig an. Kein Kunde, keine Warnhose, keine Mappe. Er brauchte einen Moment, um den Satz zu Ende zu denken, und er brauchte ihn wirklich.

„Der Riegel ist auf“, sagte Mox. „Am Montag stehen Ihre Leute davor, und dann hängt der Zettel schon zwei Tage. Sie bauen seit vierzig Jahren für die Stadtwerke. Ich würde nicht wollen, dass die ihn vor mir finden.“

„Wer sind Sie?“

„Keiner.“

Mox drehte sich um und ging zum Tor. Hinter ihm blieb es still, und die Stille war die Antwort. Als er auf die Straße trat, sah er noch einmal zurück. Nettekoven stand nicht mehr an der Trommel. Er stand vor dem Tieflader und sah den Bagger an.


Am Montag um sieben kam kein Bagger.

Sie saßen zu zweit im Wagen an der Böschung, dreihundert Meter weit weg, und Dobs war zum ersten Mal seit Freitag wieder wach genug, um beleidigt zu sein, dass ihn niemand geweckt hatte. Um Viertel nach sieben stand ein Kombi der Stadtwerke an der Kastanie. Um halb acht waren es zwei Männer am Häuschen, einer mit einer Kamera. Um neun kam ein dritter Wagen, und danach kam niemand mehr weg.

„Vorgang steht drin“, sagte Dobs. Er hatte die Augen zu und die Finger auf dem Oberschenkel. „Liegenschaft, Pumpwerk Furth. Unbefugte Baumaßnahme, unbefugter Anschluss. Trassenfreigabe ausgesetzt bis zur Klärung.“ Er machte eine Pause. „Der Zettel ist als Anlage drin. Eingescannt.“

„Ganz?“

„Ganz. Man kann die Schrift lesen.“

Mox sagte nichts dazu. Es war bezahlt, und es war bewusst bezahlt worden.

Er sah ein einziges Mal hin, kurz, über die leere Fläche zur Platte hinüber, und rechnete damit, dass ihn etwas ansah.

Da war nichts.

Kein Wächter, keine gebundene Kleinigkeit, kein waches Ding über einer Fuge. Nicht verbraucht, nicht zerfallen. Weggenommen, sauber, von jemandem, der wusste, wo er hinfassen musste.

„Sie sind raus“, sagte Mox. „Seit gestern, spätestens heute Nacht.“

Dobs machte die Augen auf. „Und die Kisten?“

„Was tragbar war, ist weg.“ Mox sah zu den zwei Männern am Häuschen. „Das Kabel liegt in deren Boden. Das kriegen sie nicht in einer Nacht wieder raus, ohne dasselbe Loch zweimal zu graben.“


Am Mittwochabend brannte im Wintersitz am hinteren Hafenzaun Licht, und das Aggregat lief. Rosi Thelen kam die drei Stufen herunter, ohne sich am Geländer festzuhalten, und hatte einen Umschlag in der Kittelschürze.

„Acht“, sagte sie. „Hab ich gesagt, acht. Ausschuss war heute. Auflage gestrichen, Zuweisung neu, wir stehen wieder vorne. Der Bongartz hat eine Rede gehalten, dass hier alles seine Ordnung hat.“ Sie lachte kurz und trocken. „Zweiundzwanzig Minuten.“

„Und der neue Betrieb?“

„Hat zurückgezogen. Von selbst. Montagmittag, per Fax.“ Sie sagte es ohne Genugtuung, in demselben Ton, in dem sie Jahreszahlen sagte. „Standplatz zurück, Anmeldung zurück, alles zurück. Da war einer schneller als der Ausschuss.“

Sie zog vier Karten aus der Schürze und hielt sie hoch, Pappe, an einer Ecke gestanzt.

„Damit steht ihr auf meiner Belegschaftsliste. Frühjahr Venlo, Herbst Dortmund. Wer auf der Liste steht, fährt mit, und wer mitfährt, hat einen Grund, in dem Wagen zu sitzen.“ Sie sah ihn an. „Ich hab nicht gefragt, was in dem Loch war.“

„Nein.“

„Ich frag auch nicht.“ Sie schob die Karten in seine Richtung. „Ich sag den Leuten nur, dass ich meinen Platz habe.“

Mox nahm sie. Auf der obersten war ein Feld für einen Namen, und das Feld war leer.

„Wie heißt du?“

„Mox.“

„Ist das dein richtiger?“

„Er reicht.“

Rosi holte einen Kugelschreiber aus der Brusttasche und schrieb es hinein, drei Buchstaben, in großer, störrischer Handschrift, ohne zu fragen, wie man das schreibt.

Die Karte war noch feucht von der Mine, als er sie in die Innentasche schob, neben den Kassenzettel vom Frühjahr, auf dem eine Adresse stand: Ostermann, Wochenmarkt Furth, freitags.