Kapitel 054 — Der Jüngste
Auf dem Tisch in Weckhoven lagen drei Karten, und seit Mittwochabend hatte sie keiner angefasst.
Dobs drehte die oberste zwischen den Fingern. Pappe, an einer Ecke gestanzt, ein alter Aufdruck mit ausgefransten Buchstaben: Raupenbahn Thelen — Belegschaft. Darunter zwei Felder. Eins für die Saison. Eins für den Namen.
Die vierte Karte lag nicht mehr auf dem Tisch. Auf der standen seit Mittwoch drei Buchstaben in großer, störrischer Handschrift, und Mox hatte sie eingesteckt, ohne etwas dazu zu sagen.
„Was schreibt man da rein?“, fragte Dobs.
Jeck stand an der Spüle und wusch zwei Becher aus, die er selbst benutzt hatte. „Nichts, was du behalten willst.“
„Das ist keine Antwort.“
„Doch.“ Jeck stellte den ersten Becher auf das Blech. „Was du aufschreibst, bist nicht du. Was du aufschreibst, ist das, was jemand nachschlagen kann. Eine Liste ist ein Ort, an dem ein Name wohnt, und Wohnungen kann man aufsuchen.“
Kerstin saß am Fensterende des Tisches und putzte etwas, das sie nicht hinlegte, wenn jemand hereinkam. „Ich schreib das, was in dem Wagen zu meinen Papieren passt“, sagte sie. „Sonst nichts.“
„Und wenn du keine hast?“
„Dann schreibst du das, was schon draußen ist.“ Jeck drehte sich um und trocknete sich die Hände an der Hose ab. „Deiner ist draußen, Dobs. Am Hafenzaun fragen Leute nach Dobs. Der Name kostet dich nichts mehr, den hast du schon bezahlt. Wenn du den zweiten dazulegst, hat einer beide, und dann hat er dich zweimal.“
Dobs sah auf die Karte. Stefan Frieler. Er hatte den Namen seit Jahren nicht laut gesagt und nicht einmal im Kopf ganz ausgeschrieben, und er hätte nicht sagen können, ob das etwas Trauriges war oder eine Ersparnis.
„Und du?“, fragte er. „Was schreibst du rein?”
Es war eine halbe Sekunde. Jeck stand da, mit dem Handtuch über der Schulter, und in dieser halben Sekunde war er weder freundlich noch unfreundlich, sondern gar nichts, und Dobs sah zum ersten Mal genau hin, statt darüber hinwegzuhören.
„Ich entscheide das im Frühjahr“, sagte Jeck. „Bis dahin bin ich vielleicht jemand Netteres.“
Kerstin sah kurz hoch und wieder auf ihre Arbeit.
„Ich fahr morgen zum Hafen“, sagte Dobs.
„Nicht allein.“
„Ich geh zu Gesa. Auf den Schotter. Da steht seit vier Jahren dasselbe Blech.“
„Nicht allein“, sagte Jeck noch einmal, in demselben leichten Ton, und schob den zweiten Becher neben den ersten. Er stritt nicht. Er verhandelte auch nicht. Er sagte es zweimal, und beim zweiten Mal war es keine Bitte mehr, und Dobs merkte, dass er nicht wütend wurde, sondern müde, und das war schlimmer.
Am Freitag war Mox’ Jacke schon vor der Dämmerung vom Haken, und sein Becher stand umgedreht auf dem Blech.
Dobs fragte nicht. Er hatte gelernt, dass Fragen bei Mox nichts kosteten und nichts einbrachten.
Auf der Fahrt zum Hafen, hinten im Wagen, mit geschlossenen Augen und den Fingern auf dem Oberschenkel, sah er sich an, wohin sein Name gehen würde. Es dauerte keine zwei Minuten. Die Raupenbahn Thelen stand beim Gewerbeamt seit 1959 unter derselben Nummer, die Belegschaftsliste war eine Anlage zur Standplatzanmeldung, und die Anlage war ein eingescanntes Blatt mit handgeschriebenen Zeilen und einem Stempel, auf das seit acht Jahren niemand zugegriffen hatte. Keine Abfrage. Keine Prüfung. Nichts, das gegen etwas anderes lief.
Sauber, weil keiner hinsah.
Er ging zurück und machte die Augen auf. Draußen zog der Rhein-Damm vorbei, und danach kam der Zaun.
Gesa saß auf einer umgedrehten Kiste vor dem hinteren Speicher, in Arbeitshose, das alte Handtuch im Nacken, und sortierte Stecker in zwei Blechschalen. Sie ließ ihn eine Weile stehen, bevor sie hochsah.
„Zeig her.“
Dobs gab ihr die Karte. Sie hielt sie ins Licht, drehte sie um, fuhr mit dem Daumen über die gestanzte Ecke.
„Das ist keine Karte, Kind. Das ist ein Grund.“ Sie legte sie auf ihr Knie. „Ein Blank in einem Wagen ist ein Problem. Ein Blank auf einer Belegschaftsliste in einem Wagen ist Personal. Das ist ein Unterschied von zwei Zentimetern Papier.“
„Die Liste liest keiner.“
„Eine Liste, die keiner liest, wird an genau einem Tag gelesen.“ Gesa nahm einen Stecker aus der linken Schale und legte ihn in die rechte. „Und an dem Tag steht da, wo ihr gewesen seid und wann. Das ist die Rechnung. Die läuft, oder sie läuft nicht. Du kannst sie nicht halb nehmen.“
Dobs setzte sich auf den Schotter, den Rücken gegen die Kiste.
„Jeck sagt, ich soll den Namen nehmen, den schon jeder hat.“
„Jeck hat recht.“ Sie sagte es ohne Betonung, mit der Zange in der Hand. „Den anderen hat dir jemand gegeben, der dich hier gelassen hat. Der ist von denen. Der hier“ — sie tippte einmal auf die leere Zeile — „ist von dir. Der hat vier Jahre gekostet.“
Sie strich die Karte auf ihrem Knie glatt, an der Stelle, an der Dobs sie geknickt hatte, und gab sie ihm zurück. Dann sortierte sie weiter.
Töle wartete zwischen den aufgebockten Wohnwagen und tat, als hätte er nicht gewartet.
„Ich hab was“, sagte er, bevor Dobs richtig stand. „Seit Dienstag. Halb zehn abends, das große Tor hinten. Zwei Männer, immer dieselben, und ein Wagen mit Plane rückwärts rein. Dienstag, Mittwoch, Donnerstag. Immer halb zehn.“ Er sagte es zu schnell und zu laut. „Ich hab nichts angefasst. Ich hab nur gezählt.“
Dobs hockte sich hin. „Wie lange drin?“
„Vierzig Minuten. Einmal fünfzig.“
„Licht an?“
„Nein.“ Töle zog die Schultern hoch. „Ist das was?“
Sie gingen zum Zaun, und Dobs hielt sich vor sich selbst zugute, dass er nicht allein ging. Am hinteren Tor stand ein Anhänger mit halb aufgezogener Plane, und darunter lagen zusammengelegte Zeltbahnen, gestapelte Kassenhäuschen-Teile und ein zerlegtes Geländer, das er in Weiß und Rot schon gesehen hatte, aufgebaut, an einer Raupenbahn. In einer Woche war Schützenfest. Rosi Thelens Leute räumten den Wintersitz.
„Und?“, sagte Töle.
„Es ist nichts.“
Der Junge sah ihn an, und der Mund wurde schmal.
„Es ist trotzdem gut“, sagte Dobs. „Hör zu. Die Hälfte von dem, was du zählst, bedeutet nichts. Die Hälfte. Wer das nicht aushält, redet sich irgendwann ein, dass es was bedeutet, weil er drei Abende dafür wach war. Und dann sagt er es weiter, und dann fährt jemand hin, und dann ist einer tot wegen deiner Zeltbahnen.“ Er stand auf. „Du hast richtig gezählt und es kam nichts raus. Das ist die Arbeit. Nicht der Rest.“
Töle dachte darüber nach und war offensichtlich nicht zufrieden damit. Dann zeigte er auf Dobs’ Hand. „Was ist das?“
Dobs sah auf die Karte. Er nahm den Stift aus der Jackentasche und schrieb die vier Buchstaben in das leere Feld, im Stehen, gegen den Zaunpfosten, und die Pappe gab dabei nach.
„Ein Platz in einem Wagen, der aus der Stadt fährt. Frühjahr Venlo. Herbst Dortmund.“
„Krieg ich auch einen?“
„Nicht so einen.“ Dobs steckte den Stift weg. „Es gibt nur vier.“
„Und dann?“
„Dann besorg ich einen, auf den mehr draufpassen.“
Töle sah ihn an, ohne zu blinzeln.
„Sag das noch mal.“
Dobs sagte es noch mal.