Gruel's StorytimeA continuing story, one chapter at a time.
← All chapters

Kapitel 055 — Vier Nächte

Um zwanzig nach fünf lag der Marktplatz an der Furth noch im Dunkeln. Es roch nach nassem Karton, nach Diesel von den Transportern, die rückwärts an die Stände setzten, und nach dem Fett aus der Bude, die als Erste aufmachte und als Letzte zumachte.

Mox stand zwischen einem Rollladen und einem Stapel Obstkisten und wartete. Den Kassenzettel mit der Adresse hatte er seit vier Wochen in der Innentasche. An zwei Freitagen war er nicht gefahren.

Der Stand ganz hinten stand schon, bevor die anderen ihre Böcke abgeladen hatten. Zwei Böcke, ein Brett, sechs flache Kisten, eine Klemmlampe an der Dachstrebe. Keine Preisschilder. In den Kisten lagen Bündel, Papiertüten mit Bleistiftaufschrift, Schraubgläser, und vorne in einer Blechschale kleine Dinge, einzeln in Zeitungspapier gewickelt.

Die Frau dahinter war Anfang siebzig, wattierte Weste, kurze graue Haare, und arbeitete ohne Eile und ohne Pause.

Mox wartete, bis sie die letzte Kiste hingestellt hatte.

„Ich suche Frau Ostermann.“

„Dann haben Sie sie.“

Er legte den Kassenzettel auf das Brett. Sie drehte ihn um, las die Rückseite, drehte ihn zurück und schob ihn ihm hin.

„Der Halm schuldet mir nichts und ich ihm nichts. Das ist keine Empfehlung. Das ist eine Adresse.“

„Ich weiß.“

„Gut.“ Sie zog eine Kiste zwei Zentimeter nach links, bis die Kante mit der nächsten fluchtete. „Was essen Sie morgens?“

„Kommt drauf an.“

„Worauf?“

„Ob was da ist.“

„Wer kocht?“

„Keiner.“

„Wo schlafen Sie?“

„Wechselnd.“

Sie machte ein Geräusch, das nichts bedeutete, und rückte die nächste Kiste. Dann richtete sie sich auf.

„Zeigen Sie die Hand.“

„Welche?“

„Die, die Sie seit zehn Minuten nicht benutzen.“

Mox legte die rechte Hand aufs Brett. Ostermann drehte die Klemmlampe herum, sodass das Licht flach darüberlief, und sah sie an. Sie fasste nichts an. Nach einer Weile sah sie zwei Handbreit daneben, dorthin, wo nichts war, und blieb dort länger.

Ein Transporter setzte hinter ihr zurück und piepte. Sie wartete, bis er fertig war.

„Die Hand ist nicht das Problem“, sagte sie. „Die Hand ist die Quittung.“

„Das weiß ich auch.“

„Dann wissen Sie mehr als die meisten, die hier stehen.“ Sie schaltete die Lampe aus. Es wurde gerade hell genug, dass man ohne sie auskam. „Sie heilen über sich selbst. Sie machen alles über sich selbst. Woher denn sonst, werden Sie fragen.“

Mox fragte es nicht.

„Vom Boden“, sagte sie. „Was Sie tun, kommt von irgendwoher und geht irgendwohin. Bei Ihnen kommt es aus Ihnen und geht in Sie zurück, und dabei nutzt sich immer dasselbe ab. Dann macht man das eine Weile, und irgendwann ist die Naht durch.“

„Und der Boden hier?“

„Der ist platt.“ Sie sagte es ohne Bitterkeit, mit dem Ton, den sie auch für die Kisten gehabt hatte. „Seit hundert Jahren gefahren, gewalzt, zugeschüttet, wieder aufgemacht. Zwischen hier und Düsseldorf gibt es keine zehn Quadratmeter, auf die in einem Monat kein Mensch tritt. Sie stehen auf Beton und wundern sich, dass Sie aus der eigenen Tasche zahlen.“

„Und was macht man dagegen?“

„Vier Nächte.“ Sie nahm ein Bündel aus der zweiten Kiste und stellte es aufrecht. „Vier Nächte hintereinander auf Boden, auf den keiner geht. Nicht drei. Fällt eine aus, fangen Sie im Frühjahr neu an, und im Frühjahr sind Sie ein halbes Jahr weiter kaputt.“

„Wie viel kostet das?“

„Vierhundert für das, was ich mitbringe.“

Mox rechnete kurz. Vierhundert war nichts. Vierhundert war das, was ein zweiter Mann pro Nacht kostete, wenn man einen brauchte.

„Und der Rest?“

„Es gibt keinen Rest.“ Sie sah ihn zum ersten Mal richtig an. „Das Geld ist nicht der Preis. Ich bin siebzig und schlafe sowieso schlecht, also stehe ich die vier Nächte mit da. Aus der Ferne mache ich das nicht, das funktioniert nicht, und ich verkaufe Ihnen nichts, was nicht funktioniert. Der Preis ist der Boden. Solchen Boden gibt es hier noch an drei Stellen, und alle drei sind eingezäunt, weil sie sonst keiner mehr wären.“

„Was für Stellen?“

„Wasserschutz. Zone eins.“ Sie zog eine Papiertüte gerade. „Da wächst seit sechzig Jahren, was will, und keiner geht drauf. Deshalb taugt es. Wenn Sie an einer Stelle wären, an der jeder gehen darf, wäre sie nichts wert.“

Vom hinteren Ende des Platzes kamen die ersten Kunden, zwei alte Männer mit Netzen. Ostermann sah kurz hin und dann wieder zu Mox.

„Weiß das jemand?“

„Was?“

„Wie es um Sie steht.“

„Eine.“

„Hm.“ Sie nahm ein Glas aus der Kiste und stellte es nach vorn, mit der Aufschrift zur Straße. „Vier Nächte, in denen Sie nichts können. Gar nichts. Nicht am ersten Abend und am vierten Morgen erst recht nicht. Jemand muss dastehen.“

Mox nickte. Sie wartete, bis er damit fertig war, und sagte es dann noch einmal, langsamer und mit denselben Worten.

„Jemand muss dastehen.“

„Und danach?“

„Danach zahlen Sie wieder, wenn Sie arbeiten. Das hört nie auf.“ Sie wischte sich die Hände an der Weste ab. „Aber Sie zahlen aus einem anderen Beutel. Kommen Sie nächsten Freitag wieder und sagen Sie mir ein Datum, oder kommen Sie nicht. Beides ist in Ordnung.“

Einer der alten Männer war herangekommen und wartete mit Kleingeld in der Hand. Ostermann drehte sich zu ihm um und war fertig mit Mox, ohne dass sie sich verabschiedet hätte.


Abends in Weckhoven brannte nur die Lampe am Haken über der Spüle. Dobs war noch am Hafen. Kerstin war unterwegs, um sich einen Wagen anzusehen, den sie nicht kaufen würde.

Jeck saß mit dem Rücken zur Spüle und sortierte Papier in zwei Stapel. „Brandt hat was in der Leitung“, sagte er. „Klein. Ein Abend, eine Übergabe, jemand mit zu viel Geld und zu wenig Geduld. Wir könnten das mitnehmen, bevor die Kirmes anfängt und die halbe Stadt auf der Straße steht.“

„Nicht nächste Woche.“

Jeck sah hoch. Er hörte an Sätzen mehr als an Gesichtern, und er hatte lange gebraucht, um zu merken, dass das bei Mox nichts brachte, und noch länger, um es trotzdem weiter zu tun.

„Warum nicht?“

Mox setzte sich ihm gegenüber. Draußen fuhr ein Wagen vorbei und wurde leiser, und in der Wohnung darunter lief ein Trid, den man durch den Boden nur als Rhythmus hörte.

„Setz dich richtig hin“, sagte Mox.

Jeck legte den Stapel weg.

Mox legte die rechte Hand auf den Tisch, Rücken nach oben, und wickelte den Verband ab. Es dauerte, weil die innere Lage klebte. Er zog sie trotzdem ganz herunter, legte den Streifen neben die Papiere und ließ die Hand liegen, wo sie lag.

Im Licht war alles zu sehen. Die Stelle am Handrücken, vier Zentimeter lang, offen, mit Rändern, die seit dem Frühjahr nicht aufeinander zugewachsen waren. Zwei Finger daneben die zweite, kleinere, die er sich selbst gemacht hatte, an einem Abend, an dem er wissen wollte, woran er war. Ringsherum saubere, trockene Haut, die nichts damit zu tun hatte.

„Seit dem Zug ist es wieder auf“, sagte Mox. „Vorher war es fast zu. Wirken kostet mich Fleisch, nicht Kraft. Die kleinste Formel, die es gibt. Kerstin weiß es seit vier Wochen. Du nicht.“

Jeck sah hin, und er sah lange hin.

Dann stand er auf, nahm die Lampe vom Haken und stellte sie auf den Tisch, damit er es richtig sehen konnte.