Kapitel 056 — Zone eins
Kerstin kam um kurz nach acht zurück und sah als Erstes die Lampe. Sie stand auf dem Tisch statt am Haken über der Spüle. Daneben lagen zwei Stapel Papier, die seit dem Abend nicht bewegt worden waren, und ein Becher, aus dem niemand getrunken hatte.
Jeck saß dahinter, im Hemd von gestern.
„Seit wann weißt du es?“
„Seit gestern Abend.“ Er schob den zweiten Becher unter die Kaffeemaschine. „Er hat sich hingesetzt und den Verband abgemacht. Ich habe nichts gefragt.“
„Ich hatte ihm vier Wochen gegeben.“
„Das hat er dazugesagt.“
Kerstin blieb stehen und wartete darauf, dass er ihr das vorhielt. Vier Wochen waren vier Wochen, und sie war die Einzige gewesen, die es gewusst hatte, und in diesen vier Wochen hatte Jeck zwei Aufträge angenommen, ohne zu ahnen, wie dünn seine hintere Reihe stand. Er goss ein, stellte den Becher auf den Tisch und fing stattdessen an zu erzählen.
Eine Frau auf dem Wochenmarkt an der Furth. Vier Nächte hintereinander, nicht drei. Vierhundert für das Material, und das Geld war ausdrücklich nicht der Preis. Der Preis war Boden, auf den kein Mensch trat, und davon gab es zwischen Neuss und Düsseldorf noch drei Stellen, alle drei Wasserschutz, Zone eins, alle drei eingezäunt.
„Und in den vier Nächten kann er nichts“, sagte Jeck. „Gar nichts. Am vierten Morgen am wenigsten.“
„Wie alt ist die Frau?“
„Anfang siebzig.“
Kerstin trank einen Schluck und stellte den Becher hin.
„Dann fällt Klettern aus. Sie muss viermal rein und viermal raus, im Dunkeln, über nasses Gras. Wir brauchen eine Stelle, an der man aufrecht durchgeht.“ Sie rechnete die zweite Hälfte gleich mit. „Und wir brauchen einen Weg, auf dem ich Mox raustrage, wenn er am vierten Morgen nicht mehr läuft. Das ist derselbe Weg. Das ist die ganze Aufklärung.“
„Wer steht?“
„Ich stehe.“
Dobs kam eine halbe Stunde später mit zwei Bögen Papier, die er aus einem städtischen Vorgang gezogen hatte, und legte sie auf den Tisch, ohne sich zu setzen.
„Holzheim ist am Netz. Das läuft, da ist einer drauf.“ Er tippte auf die zweite Zeile. „Rheinbogen bei Grimlinghausen — Zone eins, aber verpachtet. Steht als Nebennutzung drin.“
„Verpachtet an wen?“
„Jagd.“
„Und die dritte?“
„Nierst. Reservefeld, hinter dem Deich. Seit einundsechzig nicht mehr am Netz, das Wasserrecht hat nie einer aufgehoben, deshalb ist es Zone eins geblieben. Kein Wartungsvertrag. Einmal im Jahr eine Probenahme, im März.“
Kerstin sah auf die Zeile und dann aus dem Fenster, wo es schon zu warm für den Vormittag war.
„Es ist August.“
Holzheim erledigte sich in vier Minuten. Neuer Zaun, Kamera über dem Tor, ein Bereitschaftswagen auf dem Hof, und der Rasen zwischen den Brunnenköpfen war so kurz, dass jemand ihn regelmäßig mähte. Kerstin fuhr einmal am Zaun entlang, ohne langsamer zu werden, und weiter.
Der Rheinbogen bei Grimlinghausen brauchte länger, weil er von der Straße aus aussah, als hätte ihn seit Jahren keiner betreten. Sie ging die Pachtgrenze ab. Nach dreihundert Metern stand ein Hochsitz aus verzinktem Winkeleisen, neu genug, dass die Schrauben noch blank waren, und von ihm zog sich eine gemähte Schneise durch das hohe Gras. Am Fuß des Hochsitzes lag ein Salzstein, angeleckt. Weiter hinten stand ein Traktor mit abgeklapptem Mähwerk unter einer Pappel.
Menschen gingen hier. Nicht viele, nicht oft, aber sie gingen.
Sie war um halb vier wieder im Wagen und rief niemanden an. Es gab nichts zu melden, was sich in einem Satz gelohnt hätte.
Nierst lag hinter dem Deich, und der Deich lag zwischen dem Feld und allem anderen. Um halb elf stellte Kerstin den Wagen an einem Feldweg ab, ging die letzten sechshundert Meter zu Fuß und stieg oben auf die Krone.
Von da sah sie es zum ersten Mal ganz. Ein Rechteck, vielleicht zweihundert auf dreihundert, eingefasst von altem Stacheldraht auf Winkeleisen, die Pfosten schief, aber alle da. Das Tor war zugeschweißt, zwei Nähte, alt und rostbraun. Auf dem Schild daneben war nur noch der Rand einer Schrift zu erkennen. Dahinter stand Gras, das seit sechzig Jahren machte, was es wollte, und dazwischen Weiden, die keiner geschnitten hatte.
Kerstin schaltete die Augen um. Das Restlicht zog die Fläche flach und grau, und in dem Grau lief eine Linie.
Sie lief von der Rheinseite herein, quer über das Feld, einen Menschen breit.
Kerstin ging außen am Zaun entlang, bis sie an die Stelle kam, an der die Linie anfing. Der unterste Draht war an drei Pfosten aus den Krampen genommen und hing an zwei Haken, die jemand selbst gebogen hatte. Man hob ihn an, ging gebückt durch und ließ ihn wieder herunter. Kein Loch, kein Schnitt, nichts, was von zehn Schritten zu sehen war. Unter dem Draht war das Gras nicht gebrochen. Es war gebogen.
Sie stand eine Weile davor.
Es war der einzige Zugang, an dem eine Frau von siebzig aufrecht ins Feld kam, viermal hin und viermal zurück. Und er gehörte jemandem.
Kerstin hob den Draht an und ging durch, und ab da setzte sie jeden Schritt in den Pfad und keinen daneben.
Nach hundertfünfzig Metern hörte er auf. Vor ihr lag ein Quadrat, vier auf vier, in dem das Gras kurz war. Nicht niedergetreten — geschnitten, mit einer Klinge, dicht über dem Boden, und das Schnittgut war weggetragen worden. An den Halmen waren die Spitzen noch grün. Das war zwei Tage her, höchstens drei.
Am östlichen Rand des Quadrats standen kleine Löcher im Boden, fingerdick, in einer Reihe. Die meisten waren alt und schon wieder zugewachsen. Drei waren frisch.
Sonst nichts. Keine Feuerstelle, keine Flaschen, kein Papier, kein Geruch. Jemand kam hierher, machte etwas, das keine Spuren hinterließ außer der Ordnung selbst, und ging wieder.
Kerstin ging nicht auf die geschnittene Fläche. Sie blieb am Rand des Pfades stehen, so lange, bis sie sicher war, dass sie alles hatte, und drehte dann auf dem Pfad um.
Am Zaun hakte sie den Draht in derselben Reihenfolge zurück, in der sie ihn ausgehängt hatte, und zog die Schlaufe nach. Der Draht hing wieder auf seiner alten Höhe, ein Stück über dem gebogenen Gras.
Auf dem Deich war die Luft schon anders. Es wurde hell um halb sechs, und um Viertel nach fünf lag über dem Rhein ein Streifen, der noch keine Farbe hatte.
Es gab drei Stellen. Zwei waren keine. Auf der dritten stand schon jemand.
Am Ortseingang stand sie an der Kreuzung und kam nicht weiter. Von der Landstraße bog eine Kolonne ein, Zugmaschinen mit Tiefladern und flachen Packwagen darauf, Aufbauten unter Planen festgezurrt, Warnblinker im Takt. Sie waren eine Woche zu früh dran, und das hieß, dass sie genau richtig lagen.
Der letzte Wagen war eine Raupenbahn. An der Bordwand stand ein Name, den sie kannte, und darunter eine Jahreszahl, die älter war als alles, was das Team besaß.
Kerstin ließ die Kolonne durch und hängte sich hinten dran. Schneller kam sie ohnehin nicht in die Stadt.