Kapitel 057 — Wer da geht
Am Sonntag um eins stand Kerstin zwanzig Minuten in der Küche und redete, ohne sich zu setzen. Danach schlief sie weiter. Was übrig blieb, lag auf dem Tisch: ein Blatt mit einem Rechteck darauf, ein Strich quer hindurch, ein Kreuz am Ende des Strichs, und an der linken Kante drei Punkte, dort, wo der unterste Draht aus den Krampen genommen war.
„Ich brauche einen zweiten Weg rein“, war ihr letzter Satz gewesen, „oder die Erlaubnis für den ersten. Wenn wir uns einen eigenen Pfad treten, haben wir nach der zweiten Nacht genau das, weswegen wir die anderen beiden Flächen weggeworfen haben.“
Für das Papier brauchte Dobs zwei Sätze. Zaun und Feld gehörten dem Wasserverband. Kein Pachtvertrag, kein Wartungsvertrag, kein Schlüssel, der irgendwo verbucht war, keine Rechnung außer der einen Probenahme im März.
„Auf dem Papier geht da keiner rein“, sagte er. „Auf dem Papier geht da seit einundsechzig keiner rein.“
Mox stand in der Tür zum Flur, angezogen, ohne irgendwohin zu wollen.
„Wenn da seit Jahren jemand draufgeht“, fragte Jeck, „taugt der Boden dann überhaupt noch für das, was sie vorhat?“
„Weiß ich nicht.“
„Schätz.“
„Nein.“
„Wer weiß es?“
„Eine.“ Mox sah auf die Zeichnung. „Freitag.“
Fünf Tage. Und wenn die Frau am Freitag ein Datum bekam, dann fingen die vier Nächte an dem Abend an, an dem in der Stadt das Schützenfest losging.
Den Rest seines Berufs kannte Jeck auswendig. Wer nichts kaputt macht und sein Schnittgut mitnimmt, kommt wieder. Wer wiederkommt, hat dort etwas liegen. Wer etwas liegen hat, ist ansprechbar. Am Ende dieser Kette hatte bisher immer ein Name gestanden und hinter dem Namen ein Konto, eine Firma, ein Verein, eine Frau, die ihn morgens weckte. Hier stand nichts. Ein Mensch, den man nicht nachschlagen kann, ist in diesem Beruf kein Gegner, sondern ein leeres Feld — und Jeck kannte genau einen davon, und der stand in der Tür zum Flur und wartete darauf, dass ihm jemand die Entscheidung abnahm.
Nachschlagen fiel also aus. Blieben die Leute, die sowieso immer da sind.
Auf dem Deich bei Nierst standen am Sonntagnachmittag zweihundert Schafe in einem breiten, langsam wandernden Band unterhalb der Krone. Ein Hund lief in flachen Bögen an ihrer oberen Kante entlang und schob alle paar Minuten eine Handvoll Tiere zurück, die es anders wollten. Der Mann dazu stand auf halber Höhe und tat gar nichts. Sein Stock steckte neben ihm im Gras, und seine Hände hingen leer herunter.
Jeck ging schräg den Hang hoch. Der Mann sah ihn kommen und drehte den Kopf nicht.
„Sind Sie vom Verband?“
„Nein.“
„Hm.“
Jeck hatte drei Anfänge im Mund, mit denen er sonst in ein Gespräch ging. Zwei davon brauchten einen Ausweis, den er nicht dabeihatte, der dritte brauchte einen Namen, der etwas taugte, und den hatte er seit dem Frühjahr auch nicht mehr. Er ließ alle drei liegen.
„Ich suche jemanden, der da unten reingeht.“ Er zeigte über den Zaun.
Der Mann sah nicht zum Feld. Er sah weiter auf seine Tiere.
„Der geht da rein, ja.“
„Wie oft?“
„Wenn ich oben bin.“ Es dauerte. „Wenn ich unten bin, nicht.“
Jeck ließ den Satz stehen und drehte ihn zweimal um. „Er weiß, wo Sie sind.“
„Das hab ich nicht gesagt.“
„Nein.“
„Ich sag nur, wo ich war.“
„Wann kommt er?“
„Vor dem Hellwerden.“
„Von welcher Seite?“
„Am Wasser lang. Über die Straße kommt hier keiner.“
„Was hat er dabei?“
„Einen Sack. Rein ist der voll. Raus nicht.“
„Wie lange bleibt er drin?“
„Weiß ich nicht. Ich steh nicht daneben.“
„Mann oder Frau?“
„Eine Person.“
„Sie wollen es nicht sagen.“
„Ich hab’s nicht gesehen.“ Der Hund kam die Kante hoch, setzte sich zwei Schritte neben den Stock und sah ebenfalls auf die Tiere. „Ich sag nichts, was ich nicht gesehen hab.“
Jeck sagte etwas über den trockenen August. Der Mann sah ihn nicht an.
„Ich hätte gern, dass Ihre Tiere nächste Woche hier unten stehen. Ab Freitag, vier Nächte. Was kostet das?“
Zum ersten Mal drehte der Mann den Kopf.
„Das Gras steht oben.“
„Ich zahle für das Gras, das sie hier unten nicht kriegen.“
„Sie zahlen mir kein Gras.“ Er sagte es ohne Ärger, ohne Spott, als Auskunft. „Freitag gehen die hoch. Danach ist hier drei Wochen nichts.“
Jeck rechnete es nicht laut. Freitag lag der Deich leer, und dahinter lagen vier Nächte, in denen ein Magier nichts konnte und eine Frau von siebzig neben ihm stand.
„Und der da unten weiß das auch.“
„Der weiß, wo ich bin“, sagte der Mann. „Hab ich nicht gesagt.“
Es war kein Witz, und trotzdem war es einer. Jeck ließ ihn liegen, weil ihn keiner aufheben würde.
„Wie kommt man hier hoch, wenn man siebzig ist?“
Der Mann zeigte mit dem Kinn nach Norden. „Rampe. Hundert Meter. Da geh ich mit den Tieren hoch. Mit einem leeren Wagen kommen Sie auch drauf.“
„Und drüben, im Feld?“
„Am Ostrand steht Wasser bis in den Juli, manchmal länger. Die Westhälfte trägt.“
Er sagte es ohne Umschweife, und er sagte es umsonst, und Jeck merkte, dass er in fünf Minuten mehr Gelände geschenkt bekommen hatte als sonst in einer ganzen Verhandlung mit Leuten, die etwas von ihm wollten.
„Im Juni waren welche da“, sagte der Mann.
„Wer?“
„Zwei Wagen. Orange Jacken. Stangen mit Zahlen dran.“ Der Blick ging zurück zu den Tieren. „Die sind quer durchgegangen. Alle vier.“
„Vom Verband?“
„Die fragen mich nicht.“
„Haben die was dagelassen?“
„Ein Band am Pfosten. Hängt noch dran.“
Jeck sah es von hier oben, unten am dritten Winkeleisen: ein Streifen Kunststoff, verknotet, an der Unterkante eingerissen, ausgeblichen bis fast auf Weiß.
„Und der, der da reingeht — kommt der seit Juni öfter?“
Der Mann brauchte lange dafür. Er sah nicht auf das Feld, sondern über die Tiere hinweg auf das Wasser, das man von hier nur als eine Linie ohne Ufer sah.
„Öfter.“
Jeck zog die Scheine schon halb heraus, bevor er es selbst merkte, und ließ es dann bleiben, weil es nichts gab, was er hätte kaufen können.
„Wofür?“, sagte der Mann trotzdem.
„Für gar nichts.“
„Hm.“ Er zog den Stock aus dem Gras und steckte ihn zwei Handbreit weiter wieder hinein. „Sie sind der Erste, der fragt.“
„Und er?“
„Der fragt auch nicht.“
Die Rampe lag hundert Meter weiter nördlich, Beton auf halber Länge, dann Gras, mit einem Gefälle, das ein Traktor mochte und niemand sonst.
Jeck ging sie hoch. Er ging kurze Schritte und setzte den Fuß jedes Mal ganz auf, und da, wo der Beton aufhörte und das Gras anfing, sackte der Absatz zwei Zentimeter weg und kam schief wieder heraus.
Oben blieb er stehen. Er war außer Atem. Er hatte nichts getragen, es war hell, und er hatte vorher gewusst, wo er hintritt.
Die Rampe ging. Alles andere nicht.