Gruel's StorytimeA continuing story, one chapter at a time.
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Kapitel 058 — Kein Frühjahr

Am Montag um sechs war Kerstin schon weg. Auf dem Küchentisch lag noch das Blatt vom Sonntag, und über Nacht hatte jemand einen zweiten Strich dazugesetzt, hundert Meter oberhalb des Rechtecks, mit Kugelschreiber, und ein Wort daneben: Rampe.

„Die vier in den orangen Jacken“, sagte Jeck. „Wer sie geschickt hat. Warum. Ob sie wiederkommen.“

„Das ist eine Behörde.“

„Vermutlich.“

„Behörden sind kein Konzern.“ Dobs zog den kalten Becher zu sich und trank ihn trotzdem leer. „Da liegt nichts hinter Eis. Da liegt alles offen, und keiner räumt auf.“

„Dann bist du ja bis Mittag fertig.“

Er war es nicht. Er war es auch am Dienstagabend noch nicht ganz.

Den Zugang holte er sich am Hafen, weil er den Anschluss aus der Bude für einen laufenden Amtsvorgang nicht anfassen wollte. Jeck fuhr ihn hin und blieb im Wagen sitzen, und Dobs sagte nichts dazu. Er hatte es satt, jedes Mal dasselbe zu sagen.

Gesa hörte sich zwei Sätze an und rechnete.

„Kreisverwaltung ist billig“, sagte sie. „Ein Vorgang, an dem noch jemand arbeitet, ist nicht billig. Drei Nächte am Netz, wenn deine vier vorbei sind.“

„Geht klar.“

„Und du gehst nicht über deren Tür rein.“ Sie legte einen Stecker in die linke Blechschale statt in die rechte. „Wer an einer Tür klopft, an der sonst keiner klopft, ist der Einzige, der geklopft hat.“


Er brauchte nichts dafür außer der Buchse hinter dem Ohr und dem kleinen Wandler, den der Deckmeister ihm vor zwei Jahren angepasst hatte. Um zehn machte er die Augen zu, und die Werkstatt mit ihrem Lötgeruch fiel von ihm ab.

Die Kreisverwaltung war ein flacher, weiter Bau ohne Fenster, sortiert nach Ämtern, und die Ämter waren Gänge, und an den Türen hingen Schilder, die seit dreißig Jahren keiner ausgetauscht hatte. Alte Architektur, offen und geduldig. Man musste nur wissen, dass Wasser und Boden nicht im selben Gang lagen.

Der Läufer ging vor ihm her, ein halber Schritt Vorsprung, immer. Vor der Tür zum Amt für Wasserwirtschaft blieb er stehen und wollte nicht hinein. Dobs schickte ihn zweimal, bevor er selbst ging, und merkte sich das.

Der Vorgang war dick, und er war warm. Elf Tage her, dass ihn jemand aufgemacht hatte.

Abgrabung Nierst, Flur 12. Antragsteller: Kies- und Sandwerke Nievenheim. Eingegangen am dreißigsten Juni. Nassabgrabung, achtzehn Hektar, Laufzeit zwanzig Jahre, Wiederherstellung als Wasserfläche.

Die Anlagen las er der Reihe nach, weil man Anlagen der Reihe nach liest. Lageplan. Aufmaß und Höhenaufnahme, Ingenieurbüro Sassen, Neuss-Grimlinghausen, ausgeführt am sechzehnten Juni — zwei Fahrzeuge, vier Personen, Fluchtstangen, Tagesbericht mit Unterschrift. Beweissicherung Grundwasser: Probenahmen im März und im Juni, die nächste im September. Ein hydrogeologisches Gutachten, achtzig Seiten, von denen Dobs vier las.

Der ganze Antrag hing an einem Satz auf Seite vier. Die Schutzzone sei neu abzugrenzen; der Brunnen sei seit 1961 nicht am Netz, eine Wiederinbetriebnahme nicht vorgesehen. Der Wasserverband hatte dazu Stellung genommen. Die Stellungnahme war eine halbe Seite lang und enthielt keinen Widerspruch.

Ganz hinten, zwischen Gebührenbescheid und Schriftverkehr, lag der Zettel, den Jeck sich später am Küchentisch zweimal vorlesen ließ.

Zutritt zur Fläche: zwei Schlüssel, ausgegeben am elften Juni an das Ingenieurbüro Sassen. Quittiert. Rückgabe nicht vermerkt.

Und dann die Termine. Offenlage vom siebten Juli bis zum sechsten August, abgeschlossen. Erörterungstermin im Oktober. Darunter, in einer internen Notiz, die niemand für die Öffentlichkeit geschrieben hatte: Entscheidung nicht vor dem Frühjahr.

Dobs ging nicht über die Tür der Behörde wieder hinaus. Er ging über den Anschluss des Büros Sassen, weil er darüber hereingekommen war, und irgendwo in einem Protokoll stand jetzt, dass ein Ingenieurbüro am Dienstagabend seinen eigenen Antrag gelesen hatte. Das tun Ingenieurbüros. Es war die langweiligste Spur, die er legen konnte, und sie lag auf dem Namen, den Jeck als Nächstes tragen würde.


„Sag das mit den Schlüsseln noch mal“, sagte Jeck.

„Zwei. Elfter Juni. Quittiert, nicht zurückgegeben.“

Jeck sagte den Namen des Büros. Dann sagte er ihn noch einmal, langsamer, und Dobs sah ihm an, dass er dabei etwas anderes tat, als ihn auszusprechen.

„Ein Büro hat eine Adresse. Ein Büro hat Leute, die Papier tragen, und einen Wagen, der irgendwo gewaschen wird.“ Er stand auf und ging zum Fenster und kam wieder zurück. „Rieke.“

„Was?“

„Nichts. Ein Name, der mir was schuldet, weil ich ihr nie was schuldig geblieben bin.“ Er setzte sich wieder. „Zwei Schlüssel und ein Tor. Durch ein Tor geht eine Frau von siebzig aufrecht rein.“

„Und raus?“

„Und raus, mit einem Mann auf dem Arm. Das ist Kerstins zweite Bedingung, und die wäre damit auch erledigt.“ Jeck klopfte zweimal mit dem Knöchel auf das Blatt mit dem Rechteck, neben den Strich, den er nachts selbst hineingemacht hatte. „Das ist der beste Montag, den wir seit vier Wochen hatten.“

Dobs ließ ihn zwei Sätze weiterreden, bevor er es sagte. Er hatte es die ganze Fahrt über im Mund gehabt und keinen guten Platz dafür gefunden.

„Entscheidung nicht vor dem Frühjahr. Wenn die ja sagen, steht im Sommer ein Bagger drauf, und achtzehn Hektar sind hinterher ein See.“

Jeck hörte auf, auf das Blatt zu klopfen.

„Sie hat gesagt, wenn eine Nacht ausfällt, fangen wir im Frühjahr neu an.“

„Ja.“

„Es gibt kein Frühjahr.“

„Nein.“

Draußen hupte jemand zweimal, und aus dem Hof kam das Rasseln von einer Plane, die einer über ein Gerüst zog. In der Stadt bauten sie seit Montagmorgen die Buden auf.


Am Mittwoch früh ging er noch einmal hinein, weil er die langweilige Hälfte nicht gelesen hatte.

Elf Einwendungen waren zur Offenlage eingegangen. Zehn davon konnte er in zehn Minuten abhaken: Lärm, Staub, Lastwagen über den Kirchweg, Wertverlust, zweimal derselbe Textbaustein aus einem Formular, ein Anlieger, der seit 1998 gegen alles einwendet, was in Nierst beantragt wird.

Die elfte war zwei Sätze lang und handelte von keinem davon.

Die Fläche ist seit 1961 nicht betreten worden. Was dort wächst, wächst hier sonst nirgends mehr, und wenn es weg ist, ist es weg.

Kein Anwalt, kein Formular, keine Anschrift eines Verbandes. Ein Name, ein Ortsteil, eine Unterschrift, die zweimal ansetzte.

Ostermann. Furth.

Der Eingangsstempel stand daneben. Zwölfter Juli.

Dobs rechnete zurück und rechnete es noch einmal, weil er sich nicht vertan haben wollte. Knapp vier Wochen später hatte Mox mit der Hand in der Jackentasche an ihrem Stand gestanden und gefragt, was ihm fehlt, und sie hatte ihm gesagt, was er braucht, und dann hatte sie ihm eine Fläche genannt.

Er hatte nichts gefunden, was gegen sie sprach.

Er hatte die Reihenfolge gefunden.