Kapitel 059 — Die Hälfte
Am Donnerstagabend stand Dobs in der Tür der Bude, nass bis zu den Schultern, und sagte nicht Hallo.
„Ich hab was gefunden. Ich hab’s zwei Tage nicht gesagt.“
Mox schob ihm den Stuhl mit dem Fuß heraus.
Dobs brauchte drei Anläufe. Elf Einwendungen zur Offenlage, zehn davon Lärm, Staub, Lastwagen über den Kirchweg. Die elfte zwei Sätze lang, kein Anwalt, kein Formular, kein Verband. Ein Ortsteil und eine Unterschrift, die zweimal ansetzte.
„Ostermann. Furth. Eingangsstempel zwölfter Juli.“
Mox musste nicht zurückrechnen. Er wusste, an welchem Freitag er an ihrem Brett gestanden hatte, und er wusste, was dazwischenlag.
„Wer weiß es sonst?“
„Keiner.“
„Warum ich zuerst?“
„Weil du der bist, der da liegt.“ Dobs zog die Schultern hoch und ließ sie wieder fallen. „Und weil Jeck sonst zuerst überlegt hätte, ob er’s dir sagt.“
„Steht in den zwei Sätzen, was sie will?“
„Dass es bleibt. Mehr nicht. Kein Grundstück, kein Geld, kein Anspruch.“ Dobs sah auf die Tischplatte. „Es steht nichts drin, was gegen sie spricht. Es ist nur die Reihenfolge.“
Mox stellte Wasser auf, weil er etwas tun musste, das nichts kostete.
„Ich frag sie.“
„Und wenn sie lügt?“
„Dann lügt sie morgen um zwanzig nach fünf, und ich stehe einen Meter davor.“
Dobs wurde langsamer und trank irgendwann den Becher aus.
„Du hast zwei Tage gewartet“, sagte Mox.
„Ja.“
„Das erste Mal ist eine Entscheidung. Beim zweiten Mal ist es eine Gewohnheit.“
Dobs nickte, ohne aufzusehen, und nahm es mit.
Kerstin fuhr um zehn nach fünf los. In der Innenstadt hingen die Girlanden schon quer über die Straßen, und an der Niederstraße stand ein Kran zwischen zwei halben Buden, die noch keine Front hatten.
„Wenn sie Sonntag sagt, hab ich zwei Nächte für das Tor“, sagte Kerstin. „Wenn sie heute sagt, hab ich keine.“
„Sie sagt nicht heute.“
„Weißt du das, oder hoffst du das?“
„Ich hoffe es.“
An der Furth stellte sie den Wagen hinter einen Transporter mit offener Bordwand. Es war noch dunkel, und zwischen den Ständen brannten die ersten Lampen.
„Vier Nächte draußen“, sagte Mox. „Du musst das nicht.“
Kerstin sah geradeaus durch die Scheibe. Dann drehte sie den Zündschlüssel zurück, und der Motor ging aus.
„Ich hol dich um sechs.“
„Es dauert länger.“
„Dann warte ich.“
„Kerstin.“
„Geh rein.“
Ostermann zog Papiertüten gerade, eine nach der anderen, und richtete die Stapel an der Brettkante aus.
„Sie sind da“, sagte sie.
„Sonntag. Sonntag, Montag, Dienstag, Mittwoch.“
„Sonntag.“ Sie schob eine Kiste zwei Finger nach links. „Regen ist egal. Wind nicht. Bei Wind stehen wir tiefer, dann dauert es länger, aber es zählt.“
„Und wenn eine ausfällt und wir hängen hinten eine fünfte dran?“
Sie wurde langsamer, und die Tüten in ihren Fingern hörten auf.
„Vier Nächte hintereinander. Nicht drei.“
„Das ist keine Antwort.“
„Doch.“
Unter dem Brett stand eine Obstkiste, die nicht zum Verkauf gehörte, mit Zeitungspapier abgedeckt. Mox sah hin, und dann sah er richtig hin, zwei Sekunden lang, was ihn nichts kostete. Getrocknetes Kraut in einer Kiste, dazu Bindfaden und zwei Gläser. Kein Funke darin, nirgends. Genau das war die Auskunft: Sie verkaufte ihm nichts, das von allein arbeitete.
„Was da drin ist, steht seit Mittwoch“, sagte sie, ohne sich umzudrehen. „Wenn Sonntag nichts wird, ist es Donnerstag hin, und dann fangen Sie mit dem Ansetzen bei mir von vorne an, und das dauert.“
„Wo ich reingehe, wollten Sie wissen.“
„Ich wollte gar nichts wissen. Aber sagen Sie es.“
„Durch ein Tor. Nordende, an der Rampe. Aufrecht, zu Fuß, ohne Klettern.“
„Haben Sie den Schlüssel?“
„Sonntag.“
Sie richtete sich auf, zum ersten Mal.
„Ein Schlüssel, den Sie nicht haben, ist kein Schlüssel. Ich krieche nicht unter einem Draht durch. Nicht einmal, viermal erst recht nicht. Geht Sonntag kein Tor auf, stehe ich am Deich und fahre wieder nach Hause.“
„Das ist mir klar.“
„Dann ist ja gut.“
Er wartete, bis sie die nächste Kiste vorgezogen hatte.
„Da geht noch jemand.“
Sie arbeitete weiter, also erzählte er es der Reihe nach. Ein einzelner Pfad vom Wasser her. Der unterste Draht an drei Pfosten aus den Krampen genommen und wieder eingehängt. Mitten auf der Fläche ein Quadrat, vier Schritt auf vier Schritt, geschnitten und nicht niedergetreten, das Schnittgut mitgenommen. Und eine Reihe fingerdicker Löcher in einer Linie, die meisten zugewachsen, drei davon frisch.
Bei den Löchern hörten ihre Hände auf.
Sie standen still über den Tüten, und es dauerte, bis sie wieder anfingen.
„Geschnitten und mitgenommen ist in Ordnung“, sagte sie. „Das mache ich auch. Wer schneidet, nimmt oben was weg und lässt unten alles stehen.“
„Und die Löcher?“
„Wer Löcher macht, holt was raus oder tut was rein.“ Sie legte die Tüte hin. „Beides zieht.“
„Was heißt das für Sonntag?“
„Der Boden trägt einen. Zwei trägt er nicht.“ Sie sagte es ohne jeden Nachdruck und ohne die Stimme zu heben. „Was der Mann macht, geht mich nichts an. Ich sag Ihnen nur, was der Boden macht. Wenn der in einer von unseren vier Nächten kommt, gehen wir. Sofort, alle drei. Und dann fangen wir nicht neu an.“
„Weil es kein Frühjahr gibt.“
„Achtzehn Hektar. Zwanzig Jahre. Hinterher ein See.“ Sie sagte die Zahlen aus dem Kopf, ohne zu suchen.
„Seit wann wissen Sie das?“
„Seit Ende Juni.“
Zwei Stände weiter schob jemand eine Palette über den Asphalt.
„Am zwölften Juli hat die Kreisverwaltung zwei Sätze von Ihnen gestempelt“, sagte er. „Am achten August haben Sie mir die Fläche genannt.“
„Ja.“
„Warum haben Sie das weggelassen?“
Sie zog den nächsten Stapel gerade.
„Ich hab da dreißig Jahre gesammelt. Bis sechsundneunzig, dann haben sie das Tor erneuert und den Draht neu gespannt. Was da wächst, kenne ich nicht aus einem Buch. Deswegen hab ich denen geschrieben, und deswegen wusste ich, wohin ich Sie schicke. Das ist dieselbe Sache.“ Sie hob den Kopf und setzte ihn wieder ab. „Ich hab Ihnen keine zwei Geschichten erzählt. Ich hab Ihnen eine erzählt und die Hälfte weggelassen.“
„Welche Hälfte?“
„Meine.“
„Warum?“
„Weil Sie sonst gerechnet hätten, ob ich Sie brauche.“ Sie stellte die letzte Kiste an ihren Platz. „Ich brauche Sie nicht. Kein Amt fragt mich, ob da einer gelegen hat. Sie sind kein Zeuge, den man vorführt. Sie sind ein Mann mit einer Naht, die durch ist, und Sie hatten dafür bis eben genau eine Fläche in erreichbarer Nähe. Hätte ich Ihnen das Verfahren dazu erzählt, hätten Sie zwei Wochen überlegt, ob ich Sie benutze. Und dann wäre August vorbei gewesen.“
Mox legte die vierhundert auf das Brett, zusammengefaltet, ohne sie hinzuschieben. Sie ließ das Geld liegen, bis sie fertig war, dann nahm sie es und steckte es weg, ohne nachzuzählen.
„Freitag in einer Woche stehe ich hier nicht“, sagte sie. „Da schlafe ich.“
Dann kam Kundschaft, eine Frau mit einem Kind an der Hand, und Ostermann war fertig mit ihm, ohne sich zu verabschieden.
Zwischen den Ständen wurde es hell, und der Markt roch nach nassem Karton und dem Fett aus der Bude an der Ecke. Mox ging langsam, weil er das, was er mitnahm, erst sortieren musste, bevor es im Wagen jemand anders hörte.
Sonntag oder gar nichts. Ein Schlüssel, den Jeck noch nicht hatte. Und ein Mann, der irgendwann in diesen vier Nächten vor dem Hellwerden am Wasser entlangkommen konnte, mit einem vollen Sack, und der davon nichts wusste und nichts wissen musste, weil er nichts falsch machte. Es gab in dieser Rechnung keinen, den man aufhalten durfte, und keinen, der etwas Unrechtes tat, und trotzdem passte nur einer von beiden auf die Fläche.
Zwei Stände weiter lagen Eier in flachen Kartons. Er nahm zehn, dazu ein Brot, ein Stück Speck und eine Tüte Zwiebeln, weil Zwiebeln lange halten.
„Für die Woche?“, fragte die Frau am Stand.
Er nickte und zahlte. Es war der erste Einkauf seit dem Frühjahr, bei dem er nicht darauf geachtet hatte, dass nichts übrig bleibt.