Kapitel 060 — Kessels
Am Freitagmorgen lag auf dem Küchentisch alles, was der Auftrag besaß: ein Blatt mit einem Rechteck, ein Kugelschreiberstrich für die Rampe, vier Nächte und kein Schlüssel.
Mox machte es kurz. Die zwei Sätze in der Akte waren von Ostermann, sie hatte es weggelassen, sie hatte gesagt, warum, und sie hatte sich dafür nicht entschuldigt.
„Steht sie Sonntag am Deich?“, fragte Jeck.
„Ja.“
„Dann ändert es an heute nichts.“
Kerstin trank im Stehen. „Ich will das Tor einmal offen haben, bevor die Frau danebensteht. Nicht Sonntag um zehn zum ersten Mal.“
„Samstag.“
„Samstagabend.“ Sie stellte den Becher in die Spüle und war zur Tür raus.
Damit hatte er einen Tag und keine Nacht.
Die Waschhalle in Reuschenberg roch nach heißem Blech und Waschmittel. Rieke Wenzel stand zwischen zwei Rollwagen und hängte Kittel auf Bügel, nach Firmen sortiert, drei Reihen tief.
„Sassen“, sagte Jeck. „Ingenieurbüro. Grimlinghausen.“
„Kenn ich nicht.“
„Vier Mann, zwei Wagen, orange Jacken.“
„Vier Mann waschen zu Hause, Junge.“ Sie zog einen Bügel aus dem Wagen und hängte ihn um. „Ich fang bei zwölf Leuten an. Darunter lohnt die Tour nicht.“
„Wer fährt für das Kieswerk?“
„Nievenheim.“ Sie sagte es ohne Betonung. „Dreißig Mann, zwei Sätze, Wechsel dienstags und freitags.“
„Was kostet einer davon?“
Sie drehte sich um und maß ihn von den Schultern abwärts, mit einem Preis im Blick statt einer Frage.
„Hundertfünfzig. Mit Mappe hundertachtzig. Die Mappen sind alt, da steht noch die alte Vorwahl drauf.“
„Nehm ich.“
Sie hielt ihm einen Kittel an, tauschte ihn gegen einen anderen und legte ein Klemmbrett mit abgegriffenem Deckel obendrauf.
„Die vom Kies sind diese Woche nicht in der Stadt“, sagte sie. „Die haben ihr eigenes Fest, drei Wochen später, unten in Nievenheim. Hier läuft von denen keiner rum.“
„Das ist gut zu wissen.“
„Das ist nicht gut zu wissen, das ist nur so.“ Sie strich die Scheine glatt und schob sie in die Kitteltasche. „Was du damit anstellst, ist nicht meine Wäsche.“
Der Hof des Büros Sassen lag hinter einer Reihe Garagen: zwei Stellplätze, einer leer, ein Ölfleck darauf, der älter war als der Sommer. Im Büro lief ein Radio, eine Frau saß vor einem Bildschirm mit Belegen daneben. Jeck stellte das Klemmbrett auf die Theke und sagte, das Kieswerk wolle Montag früh mit dem Gutachter auf die Fläche in Nierst.
„Der Wagen ist bei Wilms zu Hause“, sagte sie, ohne aufzusehen. „Herr Sassen ist bis zum Zweiten weg.“
Mehr fragte er nicht. An der Wand hing ein gerahmtes Foto, sieben Männer in Uniform vor einer Gaststätte, ein Wimpel mit einem Zugnamen darüber, und daneben, mit einer Reißzwecke an die Tapete geheftet: Ab Samstag Fest. Notdienst über Handy.
Das Lokal lag zweihundert Meter weiter, und im Hof dahinter standen Bierbänke unter einer Kastanie. An einer Wäscheleine hingen zwei Uniformröcke. Neben der Küchentür bügelte ein Mann in Unterhemd eine Schärpe und ließ sich dabei von zweien beraten, die es besser wussten.
Am Kopf der Bank saß ein breiter Kerl mit rotem Gesicht und redete über den Tisch hinweg mit zwei Leuten gleichzeitig.
„Herr Wilms?“
„Der sitzt hier.“
„Kessels. Nievenheim, Betriebsbüro.“
„Setz dich. Trink erst mal.“
„Ich bin im Wagen.“
„Dann trink ein halbes.“ Er schob ihm ein Glas hin, das schon dastand, und Jeck nahm es, weil es weniger auffiel als ein Nein.
Es dauerte zehn Minuten, bis er die Fläche überhaupt nennen konnte, und die zehn Minuten kosteten ihn nichts: Wilms erzählte von sich aus, dass sie im Juni vier Tage dort gemessen hatten, zwei Wagen, vier Leute, Fluchtstangen bis in den Ostrand, und dass der Ostrand bis in den Juli abgesoffen war.
„Achtzehn Hektar“, sagte Wilms und hob zwei Finger. „Und die streiten sich um zwei Zentimeter am Pegel. Zwei. Zentimeter.“
„Deswegen sitze ich hier.“
„Ihr sitzt immer deswegen irgendwo.“
„Montag früh um sieben steht ein Gutachter am Deich, und wir kommen nicht durch das Tor. Euer Büro hat zwei Schlüssel quittiert. Euer Chef ist bis zum Zweiten weg.“
Wilms sah ihn an, und für einen Moment war er nüchterner, als sein Gesicht aussah.
„Eigentlich geb ich den nicht raus.“
„Weiß ich.“
„Der andere liegt im Schrank, und den Schrank hat der Alte. Der ist am Zweiten wieder da.“ Er stand auf, schwerer als nötig, und ging zum Tor. „Komm mit.“
Der Wagen stand halb auf dem Bürgersteig, ein Kombi mit Firmenschrift und einer Ablage voller Kaffeebecher. Wilms wühlte, fluchte, fand einen Ring mit einem roten Plastikanhänger, auf den jemand mit Filzstift Nierst geschrieben hatte.
„Donnerstag um acht steht der Wagen in Grevenbroich. Bis dahin liegt der wieder hier drin.“
„Donnerstag um acht.“
„Und ich muss selber noch mal raus. Nachmessung, die wollen den Pegel vor dem Erörterungstermin doppelt haben.“ Er kratzte sich am Nacken. „Diese Woche noch.“
„Wann?“
„Kommt drauf an, wie das Fest läuft.“ Wilms lachte kurz. „Dienstag sieht man mich, Mittwoch vielleicht nicht. Gib mir ’ne Nummer, dann ruf ich an.“
Jeck schrieb eine Nummer auf den Rand der Mappe, riss den Streifen ab und gab ihn her. Die Nummer klingelte an einem Apparat, der niemandem gehörte, aber sie klingelte.
Er hatte den Schlüssel in der Hand, und der Mann, der ihn hergegeben hatte, freute sich darüber, jemandem geholfen zu haben. Wenn das hier auffliegt, dachte Jeck, fliegt es bei Wilms auf, und Wilms wird bis dahin niemandem etwas Böses getan haben.
Hinter ihnen ging die Hoftür, und einer rief etwas über die Bänke.
„Ralf! Kommste?“
Jeck drehte sich um, bevor er sich dafür entschied.
Wilms hielt den Schlüssel noch einen Moment fest, obwohl er schon in Jecks Hand lag.
„Pass mir auf das Ding auf. Wenn das weg ist, tauschen die das Schloss. Dann kommt da keiner mehr rein, wir auch nicht.“
„Mach ich.“
Er ging über den Hof zurück zur Straße, und zwei von der Bank klopften ihm im Vorbeigehen auf die Schulter, weil er zum Zug gehörte, für die Dauer eines Abends und eines halben Glases. Er hatte an diesem Abend viel geredet. Der einzige Satz davon, der stimmte, war Mach ich gewesen.