Gruel's StorytimeA continuing story, one chapter at a time.
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Kapitel 061 — Das andere Tor

Am Samstagabend gehörte die Stadt den Zügen. Vor der Bude kam einer die Straße herunter, Trommeln zuerst, dann Blech, dann zweihundert Mann in Grün, und danach roch es nach Bier und nassem Filz.

Jeck legte den Ring auf den Beifahrersitz. Roter Plastikanhänger, mit Filzstift beschriftet.

„Donnerstag um acht“, sagte er.

„Ich weiß.“

„Und wenn Wilms anruft, geht einer ran.“

„Auch um vier?“

„Auch um vier.“

Kerstin steckte den Schlüssel weg. „Ich bin da, wenn es hell ist.“

„Willst du jemanden mit?“

„Nein.“

„Und wenn der andere kommt?“

„Heute ist die einzige Nacht, in der uns das nichts kostet.“ Sie zog die Tür zu.

Die Fahrt nach Nierst dauerte vierzig Minuten statt zwanzig, weil in drei Orten die Hauptstraße gesperrt war. Sie stellte den Wagen an der Sporthalle zwischen zwanzig andere. An diesem Wochenende parkte überall jemand, der woandershin wollte.


Das Tor, das sie von der Deichkrone aus gesehen hatte, war zugeschweißt, zwei Nähte, alt und rostbraun. Das andere lag hundert Meter weiter nördlich, da, wo die Rampe herunterkam: ein Flügel aus Rohr, drei Meter breit, mit Draht bespannt, in zwei Angeln, die im Beton saßen. Kette und Schloss waren das Einzige daran, was jünger war als der Zaun.

Der Schlüssel ging schwer, und er ging.

Kerstin hängte die Kette ab und zog. Der Flügel kam eine Handbreit und stand. Die untere Ecke hatte sich in den Boden gearbeitet, davor eine Kante aus festgefahrener Erde. Im Juni war hier zuletzt jemand durchgefahren; der Bogen davon stand noch im Boden, grau und ausgewaschen, und der August hatte alles wieder hart werden lassen.

Sie ging in die Knie, fasste unter das Rohr und hob. Der Flügel gab nach. Sie lief ihn auf, zwei Schritte, drei, bis an den Anschlag. Ein Mensch ging da aufrecht durch. Zwei nebeneinander auch, wenn sich einer am anderen festhielt.

Beim zweiten Mal maß sie mit. Vierzig Sekunden auf, dreißig zu. In diesen vierzig Sekunden hatte sie beide Hände am Rohr und nichts auf der Schulter.

Viermal rein, viermal raus. Beim letzten Mal würde sie einen Mann tragen, und dann musste jemand anderes am Tor stehen, dessen Hände frei waren. Die Frau war Anfang siebzig. Der Mann war die Last. Blieben zwei, und beide hatten auf dieser Fläche nichts verloren.

Das würde ein Gespräch geben. Sie hakte es ab und machte weiter.

Sie schloss ab und zog einmal an der Kette. Unter der unteren Kante lag jetzt ein zweiter Bogen im Boden, frisch aufgekratzt, in dem alten drin. Im Dunkeln sah das nach nichts aus.


Sie ging sechzig Meter nach Norden und legte sich oben ins Gras. Die Schafe waren seit Freitag weg; der Deich war kurz gefressen und voller Köttel, und der Hund fehlte auch.

Über dem Wasser stand der Bass aus dem Festzelt, ohne Melodie, nur der Takt. Um elf schoss jemand in der Stadt Böller, und die Möwen gingen hoch. Um eins hörte die Musik auf. Danach lag über dem Rhein nichts als das Schieben eines Frachters, zweimal in vier Stunden.

Ein Reh kam um halb drei über die Wiese, blieb am Zaun stehen und ging wieder. Ein Hase saß eine Weile auf der Rampe. Sonst passierte bis zehn nach vier gar nichts.

Dann kam die Wärme am Wasser entlang.

Kerstin sah sie, bevor sie eine Form hatte: ein aufrechter Fleck, der sich langsam nach Süden schob, und neben ihm, tiefer, ein Stück, das dunkel blieb und trotzdem mitging. Kein zweiter Mensch. Etwas Kaltes, das er trug, und kalt war um vier Uhr morgens nur, was nicht von hier kam.

Sie schaltete um, und im Restlicht wurde ein Mann daraus. Nicht groß. Eine Jacke, die zu warm war für August, eine Mütze, in der linken Hand ein Kanister, über der rechten Schulter ein Sack, der nicht schwer aussah, aber sperrig.

Er ging nicht am Tor vorbei. Er ging bis zu der Stelle, an der der unterste Draht an den selbstgebogenen Haken hing, setzte den Kanister ab, hob den Draht an, schob den Sack durch, ging gebückt hinterher und ließ den Draht herunter. Es dauerte lange. Er machte es in Teilen, und zwischen den Teilen richtete er sich jedes Mal wieder auf.

Auf dem Pfad ging er schneller. Auf dem Pfad kannte er jeden Schritt.

Kerstin sah ihm fünfzig Minuten zu.

Er kniete sich hin, nicht in einem Zug, sondern in dreien, eine Hand auf dem Oberschenkel. Er schnitt zuerst — eine kurze, gebogene Klinge, dicht über dem Boden, um das Quadrat herum, nicht darin — und legte das Schnittgut neben sich auf ein Tuch. Dann nahm er ein Holz, kaum länger als sein Unterarm, und stach damit Löcher in den Boden, eins neben dem anderen, in einer Reihe. Aus einem zweiten Tuch auf seinem Schoß nahm er etwas Kleines und setzte es in jedes Loch, eins nach dem anderen, und drückte die Erde mit zwei Fingern nach. Zum Schluss goss er. Nicht mit dem Kanister, sondern mit einer kleinen Kanne, die er dreimal füllte, und er goss nah am Boden, damit nichts spritzte.

Kerstin verstand nichts davon. Sie verstand, dass es niemand zum ersten Mal tat.

Die neue Reihe endete nicht da, wo die alte geendet hatte. Sie ging sechs Löcher weiter nach Westen, in das Gras hinein, auf die Hälfte, die trocken lag und trug.

Um fünf packte er zusammen. Das Schnittgut kam in den Sack, das Tuch obenauf, die Kanne in den Kanister. Er ging über den Pfad zurück, unter dem Draht durch, hängte ihn ein und nahm dann nicht den Weg am Wasser, sondern außen am Zaun entlang nach Norden, auf die Rampe zu.

Er kam zwanzig Meter unter ihr vorbei.

Ihre Hände waren schon da, wo sie hingehörten, bevor sie es entschieden hatte. Sie ließ sie liegen und atmete flach in das Gras, und der Mann ging vorbei und hörte nichts, weil da nichts zu hören war.

Am Tor blieb er stehen.

Er stellte den Kanister nicht ab. Er sah auf den Boden. Der frische Bogen lag im ersten Grau hell in dem alten, grauen drin, ein sauberer Halbkreis vor einem Tor, an dem seit dem Juni nichts passiert war.

Kerstin zählte mit. Acht Sekunden.

Dann ging er weiter, die Rampe hoch und den Feldweg entlang, und er ging nicht schneller als vorher.

Sie blieb liegen, bis das Gras auf dem Deich Farbe bekam und er zwischen den Pappeln nicht mehr zu sehen war. Dann ging sie hinunter, streute trockene Erde über den hellen Bogen und strich sie mit dem Stiefel flach. Es dauerte zwei Minuten.

Danach war das die einzige Stelle am ganzen Tor, an der überhaupt nichts zu sehen war.