Kapitel 062 — Was nichts kostet
Ostermann wartete am Bordstein, die Kiste zwischen den Füßen, und stand auf, bevor der Wagen ganz hielt. Anorak, Gummistiefel, ein zusammengerolltes Bündel unter dem Arm.
„Hinten links ist frei“, sagte Kerstin.
Ostermann schob die Kiste zu Mox auf die Rückbank, stieg vorne ein und zog den Gurt über. „Fahren Sie über Uedesheim. Durch die Stadt kommen Sie heute nicht.“
Sie kamen über Uedesheim. In Grimlinghausen stand ein Zelt auf dem Sportplatz, davor drei Reihen Autos im Gras, und ein Mann in Grün winkte sie mit einer Taschenlampe an der Kreuzung vorbei, ohne hinzusehen.
Mox hatte die Kiste neben sich. Zwei Gläser, mit Zeitungspapier gegeneinander gestopft. Vier flache Bündel in Tüchern, jedes einzeln gebunden. Ein Handspaten. Eine Wolldecke, alt und schwer. Er sah es mit den Augen an und ließ es dabei bewenden.
Jeck saß in Weckhoven neben einem Telefon, das klingeln konnte. Dobs war bei Gesa und schob die erste von drei Nächten. Damit waren sie drei.
Kerstin stellte den Wagen an der Kapelle in Nierst ab, zwischen einem Wohnwagen und einem Anhänger voller Bierbänke.
Am Tor ging Kerstin in die Knie, fasste unter das Rohr und lief den Flügel auf. Ostermann ging hindurch, ohne stehen zu bleiben, ohne den Kopf einzuziehen und ohne das Tor anzusehen. Ihr war die Bedingung wichtig gewesen, nicht das Blech.
Auf der Fläche nahm sie ihm die Kiste ab und ging voraus. Sie hielt sich weit westlich, mit Abstand zu der geschnittenen Stelle in der Mitte, und blieb erst stehen, als der Deich hinter ihnen eine Kante war und sonst nichts.
„Hier.“
Sie schnitt zuerst. Eine kurze Sichel, dicht über dem Boden, ein Stück von der Größe einer Tür, und das Schnittgut kam in einen Sack, den sie zuknotete. Dann stach sie mit dem Spaten eine flache Mulde aus, kaum tiefer als eine Hand, und legte die Soden neben sich in einer Reihe ab, mit dem Gras nach oben.
„Decke drüber, Kopf dahin. Jacke aus.“
Mox legte sich hin. Die Erde in der Mulde war kühler als die Luft und feiner, als er erwartet hatte. Sie nahm seine rechte Hand, drehte sie um und legte sie mit dem Rücken nach unten hinein, bis der Handrücken auf blankem Boden lag. Dann packte sie ein Bündel aus, strich den Inhalt auf ein Tuch und legte das Tuch über die offene Stelle, Erde darüber, bis auf einen Finger breit.
„Sie dürfen schlafen“, sagte sie. „Sie dürfen nicht aufstehen. Wenn Ihnen kalt wird, sagen Sie es, dann kriegen Sie die zweite Decke.“
„Wie lange?“
„Bis ich es sage.“ Sie setzte sich neben ihn ins Gras, zog die Kiste heran und fing an, die restlichen drei Bündel neu zu binden. „Und Sie machen nichts.“
„Ich weiß.“
„Auch nichts, was nichts kostet.“
Er sah zu ihr hoch. Sie arbeitete weiter und sah nicht zurück.
„Auch das nicht“, sagte er.
Bis Mitternacht war es der Bass aus der Stadt, weit weg und ohne Melodie. Um Viertel nach zwölf schlug in Nierst eine Kirchturmuhr, und danach schlug sie jede Viertelstunde, und irgendwann zählte er die Schläge nicht mehr mit, sondern hörte nur noch, dass sie kamen.
Zwanzig Jahre lang war das Nichtstun ein Werkzeug gewesen. Er hatte in Hauseingängen gestanden und nichts getan, in Kellern gelegen und nichts getan, und jedes Mal war das Nichtstun etwas gewesen, das er machte. Hier machte er es nicht. Er lag auf dem Rücken auf einer Wolldecke, hatte eine Hand in der Erde und war ein Gegenstand, an dem gearbeitet wurde.
Über ihm stand der Himmel offen, und irgendwo darin und um ihn herum war die zweite Ebene, die ihn seit dem Frühjahr nichts kostete, die einzige Tür, die ihm noch offenstand. Er brauchte sie nur aufzumachen. Es würde niemand merken. Ostermann würde es nicht merken.
Er machte sie nicht auf. Nach der dritten Stunde hörte das Ziehen im Nacken auf, mit dem er sie zuhielt.
Kerstin kam zweimal herunter, beim ersten Mal um eins, beim zweiten Mal um halb drei. Sie sagte beide Male dasselbe, drei Wörter, und ging wieder hoch.
Ostermann redete nicht. Sie band die Bündel, dann sortierte sie die Gläser um, dann saß sie einfach da und hatte die Hände im Schoß. Zweimal stand sie auf und ging zwanzig Schritte, und beim zweiten Mal hörte er, dass sie beim Hinsetzen die Luft anhielt. Sie war Anfang siebzig und saß seit vier Stunden auf einem Acker, und es gab drei Nächte davon noch, und niemand hatte sie gefragt, ob sie das konnte.
Um zwei ging das Gras.
Erst nur das Gras, ein Streichen von Westen her, das kam und wieder aufhörte. Ostermann drehte den Kopf. Beim zweiten Mal blieb es, und dann fingen oben auf dem Deich die Pappeln an.
Sie war schneller auf den Knien, als er es ihr zugetraut hätte. Sie beugte sich über die Mulde, stützte sich links neben seiner Schulter ab, brachte den Oberkörper über seine Hand und blieb so.
„Soll ich —“
„Nein.“
Sie hielt es. Der Wind kam in Stößen über die Fläche, und jedes Mal drückte er ihr den Anorak in den Rücken. Mox lag darunter und sah eine alte Frau von unten, in einem Winkel, in dem Gesichter nichts hergeben, und hörte, wie ihr Atem kürzer wurde und blieb, wo er war.
Die Pappeln hörten nach elf Minuten auf. Sie wartete noch zwei und setzte sich zurück.
Das Tuch hatte an einer Ecke gelegen. Sie zog es weg, sah es an, klopfte es aus und warf es beiseite. Dann nahm sie eines der drei fertig gebundenen Bündel, machte es wieder auf und strich die Hälfte davon in die Mulde.
„Das war das für Mittwoch“, sagte Mox.
„Das war das für Mittwoch.“ Sie band den Rest neu zu. „Mittwoch wird dünner. Das geht noch.“
Um zehn nach drei sagte sie es.
Er nahm die Hand aus der Erde. Sie kam trocken heraus, das war das Erste. Das Zweite kam eine Minute später, als das Blut in die Finger zurücklief: die offene Stelle brannte nicht mehr obenauf. Sie zog tiefer, unter dem Handrücken, in der Handwurzel, ein dumpfes, langsames Ziehen, das mit jedem Herzschlag kam.
„Das tut jetzt woanders weh.“
„Das soll so.“ Sie legte die Soden zurück in die Mulde, Gras nach oben, und trat sie mit dem Absatz fest. „Wenn es nach vier Nächten immer noch obenauf wehtut, war es umsonst.“
Auf dem Rückweg blieb sie stehen.
Die geschnittene Stelle in der Mitte lag hell im Gras. Ostermann ging an die Reihe heran, in die der Fremde gesetzt hatte, ließ sich in die Hocke, hielt sich am Knie fest und legte zwei Finger neben eines der Löcher. Sie zählte nicht laut. Sie roch an den Fingern und wischte sie am Anorak ab.
„Der war heute Nacht noch nicht hier.“
„Nein.“
„Dann kommt er nachher.“ Sie richtete sich in zwei Etappen auf. „Was er da reingesetzt hat, braucht jeden Tag Wasser. Sonst hätte er nicht jede Nacht einen Kanister durch den Zaun geschoben.“
„Und morgen?“
„Morgen fangen wir früher an.“
„Es ist um zehn noch hell.“
„Dann bin ich eine alte Frau mit einer Kiste.“ Sie ging weiter zum Tor, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Kerstin sagte nichts dazu. Sie ging in die Knie, hob den Flügel an und lief ihn auf, vierzig Sekunden, und in diesen vierzig Sekunden sah sie nicht auf den Boden vor dem Tor, sondern die Rampe hoch.