Kapitel 063 — Der vierte Weg
Der Hafen merkte vom Fest nichts. Zwei Kilometer weiter standen die Buden, und bis nach eins spielte irgendwo eine Kapelle. Hier lagen die Kräne still, und das Lauteste war ein Schubverband, der gegen die Strömung nach Süden ging.
Töle holte ihn an der Ecke ab und lief die letzten hundert Meter neben ihm her, die Hände in den Taschen, ohne ein Wort. Eine Regel war eine Regel, und dem Buchstaben nach war sie damit eingehalten.
In der Halle brannten zwei Lampen. Unter der einen saß Gesa und sortierte Kabel nach Länge.
„Drei laufen“, sagte sie. „Der Erste bis zwei. Der Zweite hat für zwei Stunden bezahlt und wird vier brauchen, das ist seine Sache. Der Dritte kommt nach eins oder gar nicht.“
„Und wenn einer hängt?“
„Dann hängst du ihn woanders ein.“ Sie legte ein Bündel weg und nahm das nächste. „Vier Wege. Drei sind belegt. Der vierte bleibt frei.“
„Wofür?“
„Dafür, dass er frei ist.“
Durchleitung war das Einzige, was die Uferkinder verkauften, ohne dafür irgendwo hineinzugehen. Wer nicht wollte, dass eine Abfrage von seinem eigenen Anschluss kam, schickte sie durch den Hafen. Sie ging bei den Kindern hinein, lief über Knoten, die niemandem gehörten, und kam am anderen Ende aus einer Leitung, die auf eine Spedition lief, die es seit elf Jahren nicht mehr gab. Bezahlt wurde die Nacht, die einer davorsaß.
Dobs saß davor. Buchse, Wandler, ein Klappstuhl, eine Thermoskanne, die Gesa dagelassen hatte. Um zwanzig vor zwölf hing der Zweite, und er hängte ihn um. Um halb zwei kam der Dritte doch noch und war nach zwanzig Minuten fertig. Dazwischen war es Warten, und Warten war das, wofür bezahlt wurde.
Um eins dachte er das erste Mal an Nierst.
Seit halb zehn lagen sie da draußen. Angefangen hatten sie bei Licht, mit einer alten Frau und einer Kiste am Zaun, und dann hatte fünf Stunden lang ein Mann auf dem Rücken gelegen und nichts gemacht, und eine andere hatte oben auf dem Deich gelegen und alles gesehen. Von hier aus konnte er dabei nichts tun. Es gab genau eine Sache, die er tun konnte.
Das Ingenieurbüro Sassen hatte vier Leute, zwei Wagen und einen Anschluss, durch den er letzte Woche eine laufende Behördenakte gelesen hatte, damit der Zugriff nicht an seiner eigenen Tür hing. Die Tür von letzter Woche stand noch offen. Genau das war die schlechte Nachricht darin: niemand hatte nachgesehen. Wer als Erster nachsah, sah zwei.
Er nahm den vierten Weg.
Es war kein Konzern. Es war ein Büro mit einem Rechner, auf dem eine Terminverwaltung lief und daneben eine Datei, die jeden Montag überschrieben wurde und die bei anderen Firmen als Zettel am Schrank hängt. Niemand schützte so etwas. Es stand da, weil vier Leute wissen mussten, wer wann wo war.
Sassen zurück am Zweiten. Zwei Aufmaße in Grevenbroich. Erörterungstermin im Oktober, Unterlagen bis September. Und darüber, in derselben Zeilenbreite und seit Mittwoch nicht mehr angefasst:
Di 7.00 Nierst, Pegel, 2. Aufnahme — Wi + Prakt.
Dobs las es dreimal.
Es war Dienstag. Es war zehn nach drei in der Nacht. In weniger als vier Stunden würde ein freundlicher, lauter Mann aus Grimlinghausen an einem Tor am Fuß der Rampe stehen, das er nicht aufbekam, weil das Blech dazu unter einer Diele in Weckhoven lag. Und er würde nicht allein davorstehen. Prakt. war ein zweiter Mensch, neu genug, um nichts von den Gewohnheiten des Hauses zu wissen, und wach genug, um sich zu merken, wer wovon nichts sagte.
Der Eintrag war zwei Tage älter als der Freitag, an dem Wilms den Schlüssel aus der Ablage genommen und weggegeben hatte. Entweder hatte er den Termin vergessen, oder er hatte ihn nicht mit dem Ding in seiner Hand zusammengebracht. Beides lief auf dasselbe hinaus.
Dobs ging heraus und ließ nichts liegen, was nicht schon vorher dagelegen hatte.
Mox hatte ihm vor vier Tagen etwas über das zweite Mal gesagt. Während er drin war, dachte er nicht daran. Danach schon.
Um zwanzig vor fünf hängte er den letzten Kunden aus und rollte die Kabel auf.
Gesa kam mit zwei Bechern und stellte einen neben ihn, ohne ihn hinzuschieben. „Der vierte Weg war eine Stunde und zwölf Minuten belegt.“
„Ich weiß.“
„Dann weißt du’s.“
„Ich zahl das.“
„Du kannst das nicht zahlen, Kind.“ Sie trank und sah dabei in die Halle, nicht ihn an. „Das zahlt der, der heute Nacht durchmuss und keinen freien Weg findet. Der weiß nur nicht, dass er zahlt, und deshalb beschwert sich keiner, und deshalb ist es die billigste Art, jemanden zu bestehlen.“
Sie stellte den Becher ab und sammelte die Schalen ein.
„Morgen die dritte“, sagte sie. „Um zehn.“
Weckhoven, zwanzig nach fünf. In der Küche brannte Licht.
Kerstin saß am Tisch, die Stiefel noch an, den Kaffee vor sich, an dem sie nicht trank. Die Tür zum hinteren Zimmer stand einen Spalt offen; darin schlief Mox, und auf der Decke lag eine Hand mit einem Verband, der jetzt kleiner war als vor einer Woche.
„Zweite Nacht durch“, sagte sie. „Halb zwei raus. Nichts.“
„Und am Zaun?“
„Zwanzig Minuten bei Licht. Ein Radfahrer ist über den Feldweg gekommen. Die Frau hat gegrüßt, er hat zurückgegrüßt, und dann war er weg.“ Sie drehte den Becher einmal um sich selbst. „Sie kann das besser als wir.“
Jeck saß im Nebenraum neben dem Telefon, in Hemd und Socken, und hatte einen Block auf dem Knie, auf dem nichts stand.
„Es hat nicht geklingelt“, sagte er. „Zwei Nächte lang.“
Dobs sagte es ihm. Die Zeile, die Uhrzeit, den zweiten Mann, das Datum des Eintrags.
Jeck legte den Block weg. „Wer weiß, dass du das gelesen hast?“
„Keiner.“
„Und wenn einer hinsieht?“
„Dann sieht er zwei Zugriffe. Beide über dieselbe Leitung, beide von außen, beide nachts.“
„Und beide zeigen auf das Büro. Nicht auf dich.“ Jeck stand auf und nahm den Ring mit dem roten Plastikanhänger vom Tisch. „Er fährt um halb sieben los, wenn er um sieben am Pegel sein will. Dann muss ich vorher bei ihm sein.“
„Und dann?“
„Dann gebe ich ihm ein Blech zurück, das ich noch drei Nächte brauche, und finde bis dahin einen Grund, warum ich es ihm heute Abend wiederhole.“ Er zog die Jacke vom Haken. „Oder ich finde keinen.“
An der Tür blieb er stehen.
„Du bleibst am Apparat.“
Der Wagen fuhr an. Dobs hörte ihn bis zur Ecke.
Dann klingelte das Telefon.