Gruel's StorytimeA continuing story, one chapter at a time.
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Kapitel 064 — Zwei Zentimeter

Grimlinghausen, zwanzig vor sechs. Der Firmenwagen stand mit offener Heckklappe im Hof, daneben ein Stativ im Futteral und zwei Latten in Folie. In der Küche brannte Licht, die Hoftür stand offen, und Jeck hörte den Mann, bevor er ihn sah.

„…nein, nein, das ist ja nicht Ihr Fehler, junger Mann, das ist meiner.“ Pause. „Wann? — Schon unterwegs? Zu mir?“ Ein Lachen, das über den ganzen Hof ging. „Ja, dann. Ja. Dann leg ich auf.“

Der Hörer klackte. Jeck klopfte an den Rahmen und trat ein.

„Da ist er ja.“ Wilms stand in Socken in der Küche, das Hemd halb zugeknöpft. „Ich hab grad bei euch angerufen. Um halb sechs. Und da sitzt einer am Apparat. Um halb sechs!“

„Unser Praktikant.“ Jeck legte den Ring mit dem roten Anhänger auf den Küchentisch, bevor Wilms auf seine Hände sah. „Der schläft neben dem Telefon. Ich sag ihm dauernd, er soll nach Hause fahren.“

Wilms sah auf den Schlüssel. Dann sah er weg, und das war das Unangenehmste an diesem Morgen. „Ich hätt dich gar nicht…“ Er machte eine Handbewegung, die die Sache vom Tisch wischen sollte und sie nur verschob. „Der Termin steht seit Mittwoch drin. Seit Mittwoch. Und Freitag geb ich das Ding weg.“

„Jetzt liegt es da“, sagte Jeck.

„Jetzt liegt es da.“ Wilms nahm den Ring und steckte ihn ein und war schon wieder laut. „Setz dich. Kaffee ist durch.“

„Ich fahr mit raus.“

„Musst du doch nicht.“

„Wenn ihr um zwei Zentimeter streitet, will mein Chef wissen, wer danebengestanden hat.“

Das gefiel ihm. Er schenkte zwei Becher ein, ohne zu fragen, und schob einen über den Tisch. „Der Bastian kommt Viertel vor. Studiert. Dritte Woche bei uns. Der schreibt alles auf.“


Bastian Ruhnke war einundzwanzig, hatte eine Warnweste über dem T-Shirt und ein Klemmbrett unter dem Arm, das er auch dann festhielt, als er die Hand gab.

„Ruhnke. Vorpraktikum.“ Er sah Jeck an, dann den Wagen, dann wieder Jeck. „Sind Sie vom Bauherrn?“

„Betriebsbüro.“

„Dann trag ich Sie ein.“ Er schrieb es auf, ohne sich zu setzen. „Anwesend. Das gehört ins Protokoll.“

Das zugeschweißte Tor am Deichweg ließen sie links liegen. Hundert Meter weiter nördlich, am Fuß der Rampe, hielt Wilms an, ging vor und schloss auf, und der Schlüssel ging schwer und ging.

„Hilf mal.“ Wilms hatte beide Hände am Rohr, unten an der Ecke. „Der hat sich eingegraben. Anheben und mitlaufen, sonst kriegst du den nicht rum.“

Jeck fasste an.

Er hatte den Satz in seiner Küche gehört, aus dem Mund einer Frau, die keine Bilder benutzt: vierzig Sekunden auf, dreißig zu, beide Hände. Gehört hatte er ihn und abgehakt. Es war ihre Zahl gewesen, nicht seine. Jetzt lag das Rohr in seinen Fingern, kalt und viel schwerer als nötig, und der Flügel kam eine Handbreit und stand, und er musste die Schulter dagegensetzen und den Rücken durchdrücken und nebenherlaufen, und irgendwann waren es keine Sekunden mehr, sondern Meter. Zwei Männer brauchten dafür beide Arme. Einer, der etwas trug, hatte keine.

Neben dem Angelpunkt lag eine Stelle, an der überhaupt nichts zu sehen war. Bastian stellte das Stativfutteral einen halben Meter daneben ab, sah nicht nach unten und schrieb: 7.02 Uhr Zugang.

„Schreib nicht alles auf“, sagte Wilms.

„Doch“, sagte Bastian.


Die Messstelle stand dreihundert Meter östlich, ein Stahlrohr mit Kappe in einem Betonkragen, und daneben eine zweite für die Höhe. Bastian wollte quer über die Fläche.

„Da vorne durch ist kürzer.“

„Der Ostrand steht bis in den Juli unter Wasser“, sagte Jeck. „Oben am Zaun ist es trocken. Da lauft ihr euch die Latte nicht dreckig.“

Wilms drehte sich um. „Woher weißt du das denn?“

„Steht in eurem Bericht.“

„Liest das einer?“

„Einer.“

Sie gingen am Zaun entlang, und Jeck ging vorn, weil vorn niemand nachfragt, wohin man geht. Hinter ihm rasselte das Stativ, und rechts von ihnen lag die Fläche im flachen Licht und war einfach eine Wiese.

Das Lichtlot piepte bei vier Meter sechzig. Bastian las ab, Wilms las nach, dann bauten sie das Nivellier auf, und Jeck hielt die Latte. Zwei Stunden. Kein Kittel, keine Mappe, kein Satz, den man vorher zurechtlegen konnte — nur ein Stück Aluminium senkrecht halten und stillstehen, bis von hinten „Gut!“ kam.

„Zwei Zentimeter“, sagte Wilms beim dritten Punkt und wurde dabei so laut, dass eine Krähe aus der Pappel ging. „Der Verband rechnet auf einen Höhenbezug von zweiundsiebzig, wir rechnen auf den neuen. Zwei Zentimeter Unterschied. Und in der Einwendung steht, der Grundwasserstand sei falsch dargestellt. Ist er auch. Um zwei Zentimeter.“ Er schob die Mütze hoch. „Achtzehn Hektar, zwanzig Jahre, und im Oktober sitzen dreißig Leute in einem Saal und streiten sich über zwei Zentimeter, die keiner von denen je gesehen hat.“

„Und wer hat recht?“

„Wir. Leider.“ Wilms beugte sich wieder ans Okular. „Wär mir lieber, die hätten recht. Dann müsst ich das nicht noch dreimal messen.“

In der Pause holte er eine Thermoskanne aus dem Wagen und goss ein, bevor jemand nein sagen konnte. Bastian schrieb die Uhrzeit der Pause auf.

„Seit wann sind Sie bei Nievenheim?“, fragte er.

„Seit dem Frühjahr.“

„Und da kommt man rein? Ohne Studium?“

„Man kommt überall rein, wenn einer geht.“

Bastian nickte ernst und schrieb weiter, und Jeck sah drei Sekunden lang nach Westen, wo dreihundert Meter weiter eine Stelle im Gras lag, an der ein Mann fünf Stunden auf dem Rücken gelegen hatte, und sah dann wieder auf sein Klemmbrett.


Um zwanzig vor neun war es durch.

„Donnerstag muss ich Fotos machen“, sagte Jeck, während Wilms das Stativ einschob. „Für die Unterlagen. Der Chef will die Fläche drauf haben, bevor der Termin steht.“

„Dann nimm das Blech mit.“ Wilms zog den Ring aus der Hose und hielt ihn hin, ohne hinzusehen. „Donnerstag um acht steht der Wagen in Grevenbroich. Bis dahin ist mir das egal, ich hab Fest.“

„Soll ich das eintragen?“, fragte Bastian.

„Klar. Trag ein.“

Jeck sah zu, in Ruhe, ohne einen Muskel im Gesicht zu bewegen, und las von oben und seitenverkehrt mit, was der Junge in das dafür vorgesehene Feld schrieb: Schlüssel Nr. 2 an Fa. Nievenheim (Kessels) übergeben, Rückgabe Do 8.00.

Es gab genau einen Satz, der das hätte verhindern können, und der lautete schreib das lieber nicht. Von allen Sätzen dieses Morgens wäre das der einzige gewesen, an den sich der Junge in vier Wochen noch erinnert hätte.

„Das geht in die Unterlagen“, sagte Bastian und klappte das Klemmbrett zu. „Kriegen Sie auch. Eine Kopie geht immer an den Auftraggeber.“

„Schön“, sagte Jeck.


Er blieb, als sie wegfuhren. Ich guck mir das noch an, für den Chef. Wilms hupte zweimal an der Kastanie.

Oben auf der Rampe drehte Jeck sich um, und weil die Sonne noch flach stand, sah er es sofort: vom Tor aus lief eine Spur ins Gras, dreihundert Meter weit, nicht ausgetreten, nur zweimal gegangen und einmal zurück, und wo sie aufhörte, war das Gras dunkler und lag anders. Nachts war das nichts. Um neun Uhr morgens war es ein Strich, den man von der Rampe aus mit dem Finger nachziehen konnte.

Der Fremde ging jeden Morgen bei beginnendem Licht über diese Rampe.

Jeck ging wieder hinunter, schloss auf und nahm den Flügel. Er zählte im Kopf mit. Zweiundfünfzig. Beim zweiten Mal siebenundvierzig, und beim zweiten Mal sah er auch, was das Rohr dabei in den Boden zog: einen hellen Strich, kreidig, frisch, quer über die Stelle, an der überhaupt nichts zu sehen gewesen war. Beim dritten Mal hob er die Ecke höher an, so hoch, dass das Rohr den Boden nicht mehr berührte, und lief mit hängenden Schultern nebenher und kam sich dabei ausgesprochen dumm vor.

Der Boden blieb sauber.

Es dauerte einundsechzig Sekunden.