Kapitel 065 — Eine Linie
Weckhoven, kurz nach acht. Auf dem Tisch lagen ein Autoschlüssel, der Blechring mit dem roten Anhänger und eine Thermoskanne, die noch keiner aufgemacht hatte.
„Sag es noch mal“, sagte Kerstin.
„Vom Tor bis zur Mulde.“ Jeck stand, weil er nach zwei Stunden Latte nicht mehr sitzen wollte. „Dreihundert Meter. Zweimal hin, einmal zurück. Am Ende liegt das Gras dunkler und anders herum. Von der Rampe aus konnte ich es mit dem Finger nachziehen.“
„Um neun.“
„Um neun. Nachts ist da nichts.“
Gras, das einmal gelegen hat, steht nicht wieder auf. Man konnte nichts wegnehmen. Man konnte nur aufhören, dazuzulegen.
„Dann gehen wir heute genau da.“
Jeck sah sie an. „Genau da.“
„Wer daneben geht, macht zwei Striche. Wer drin geht, macht keinen neuen.“ Sie zog den Autoschlüssel zu sich. „Ostermann in der Mitte, ich hinten. Sie tritt in meine, ich in ihre.“
„Und übermorgen früh?“
Damit war es da, mitten auf dem Tisch, ohne dass es jemand hingelegt hatte.
Mox saß am Kopfende und hatte die Hand vor sich liegen, den Verband nach oben. „Ich kann laufen“, sagte er.
„Ich will nicht wissen, ob du kannst.“ Sie sah ihn nicht an. „Ich will es nicht drauf ankommen lassen. Nach vier Nächten auf dem Boden hol ich dich raus, und dabei hab ich keine Hand frei.“
„Das Tor braucht beide“, sagte Jeck.
„Ja.“
„Ich weiß.“ Er nahm die Kanne und stellte sie wieder hin, ohne sie aufzumachen. „Ich hab es gehoben.“
Sie hob den Kopf. Er hatte es nicht in ihre Richtung gesagt, sondern zum Fenster, und er hatte nicht ich habe es gesehen gesagt.
„Dann steh ich Donnerstag früh am Tor“, sagte Jeck.
Kerstin ließ den Schlüssel liegen.
„Ich hole jeden wieder raus, den ich reinbringe. Das ist keine Haltung, das ist der Grund, warum ich vorher rechne. Bis heute waren es drei auf der Fläche. Ab Donnerstag bist du der vierte, und du kommst nicht dazu, weil ich Hilfe brauche. Du kommst dazu, weil ich dich sonst gegen einen von den beiden tausche.“ Sie schob den Ring über den Tisch zu ihm hinüber. „Ich lasse keinen liegen.“
Es war das Längste, das sie an diesem Tisch am Stück gesagt hatte. Jeck sagte nichts darauf, was ihm hoch anzurechnen war. Mox sah auf seine Hand.
Jeck blieb beim Telefon, Dobs bei Gesa, die letzte von drei Nächten. Danach schuldete er ihr nichts mehr.
Sie fuhren über Uedesheim. Auf der Landstraße kam ihnen ein Zug entgegen, der schon nach Hause ging, drei Reihen breit, die Fahnen über der Schulter.
Um Viertel nach neun standen sie am Zaun. Zwanzig Minuten im Restlicht, eine alte Frau mit einer Kiste, ein magerer Mann und eine Frau, die aufschloss. Vom Feldweg kam niemand.
Auf der Fläche ging Ostermann vor, und Kerstin sagte ihr, wo sie treten sollte. Sie setzte die Gummistiefel in die niedergedrückte Spur und ging sie ab, Schritt für Schritt, mit der Kiste vor dem Bauch, und dreihundert Meter weiter war es ein Strich geblieben.
Die Mulde lag, wo sie lag. Ostermann nahm die Soden heraus und legte sie in einer Reihe ab, Gras nach oben, und Mox legte sich hin und zog die Jacke aus, ohne dass sie es sagen musste.
Dann ging sie nach Osten, zu der geschnittenen Stelle in der Mitte, und blieb dort.
Kerstin war oben auf dem Deich und sah, dass die Alte nicht wiederkam. Sie ging herunter.
Die Reihe war gewachsen. Sechs Löcher weiter nach Westen, und das letzte lag nicht mehr in der geschnittenen Fläche, sondern draußen im hohen Gras, keine dreißig Meter von der Stelle, an der Mox auf dem Rücken lag.
Ostermann kniete am Ende der Reihe. Im Wärmebild waren ihre Hände das Kälteste an ihr, kälter als die Erde, in der sie arbeiteten; den halben Abend draußen und kein einziges Mal in einer Tasche.
„Er war heute schon hier“, sagte Kerstin.
„Heute Morgen.“ Ostermann legte zwei Finger neben eines der neuen Löcher, dann den Daumen darauf, und drückte es zu. Sie nahm nichts heraus. Sie strich die Erde mit der flachen Hand darüber glatt, rückte auf den Knien weiter und machte das nächste. „Der Boden trägt einen. Zwei trägt er nicht.“
„Das sieht er.“
„Ja.“
„In viereinhalb Stunden.“
„Dann sieht er es.“ Sie drückte das dritte Loch zu. „Er weiß es sowieso. Er hat nur noch keinen gehabt, der es ihm sagt.“
Kerstin sah ihr dabei zu, bis sie fertig war, und sagte den einen Satz, der ihr zustand.
„Bis übermorgen früh muss ich wissen, wo er ist. Ab jetzt sucht er einen.“
„Ich weiß.“ Die Alte stand in zwei Etappen auf und wischte sich die Hände am Anorak ab. „Der Boden trägt einen. Zwei trägt er nicht.“
Sie ging zurück zur Mulde, setzte sich neben Mox ins Gras und band das dünne Bündel für Mittwoch neu. Kerstin ging wieder hoch.
Bis Mitternacht war die Stadt noch da, weit weg, ein Grundton ohne Kanten. Kurz nach zwölf hörte er auf, und was danach kam, hatte es in den drei Nächten davor nicht gegeben: nichts. Kein Bass, keine Böller, keine Schiffe. Jeder Schritt auf der Fläche lag jetzt offen da.
Um zehn nach eins kamen zwei über den Deich, von der Stadt her, zu Fuß und laut. Der eine hatte den Rock über dem Arm, der andere sang etwas Halbes und hörte mittendrin auf. Sie waren neunzehn oder zwanzig und sahen nichts, was weiter weg war als drei Meter.
Kerstin war unten, bevor der Erste am Zaun stand. Sie ging nicht in Deckung. Sie ging in die Linie zwischen die beiden und das Tor, blieb im hohen Gras stehen und ließ die Arme hängen. Der eine pisste an den Pfosten, dreißig Sekunden, der andere wartete und sah dabei auf den Fluss.
Dann gingen sie über die Rampe und die Straße hoch, und ihre Stimmen waren noch vier Minuten zu hören.
Auf dem Deichweg blieb ein nasser Fleck am Betonfuß des zweiten Pfostens. Bis vier war der weg.
Um halb zwei sagte Ostermann es.
Mox nahm die Hand aus der Erde und setzte sich auf. Kerstin stand neben ihm, bevor er die Beine unter sich hatte.
„Heute nicht“, sagte sie. „Heute trag ich dich.“
Er sah zu ihr hoch. Dann hob er den Arm, damit sie darunter kam.
Sie nahm ihn hoch, einen Arm im Rücken, einen unter den Knien, und ging los. Er hielt still und machte sich nicht leichter, was die meisten machen und was alles schwerer macht. Sein Kopf lag an ihrem Schlüsselbein. Vier Kilo, hatte Halm gesagt, vier bis fünf.
Er wog weniger, als er sollte. Sie sagte nichts dazu.
Dreihundert Meter in der eigenen Spur, hinter Ostermann her, die vorging und die Kiste trug. Am Tor legte Kerstin ihn ins Gras, links neben den Angelpunkt, ging in die Knie, fasste unter das Rohr und hob so hoch, dass es den Boden nicht berührte, und lief den Flügel auf. Dann hob sie ihn wieder auf, trug ihn hindurch, legte ihn draußen ab und ging zurück, um zuzumachen.
Während sie zumachte, lag hinter ihr ein Mann im Gras vor einem offenen Zaun, und sie sah ihn nicht.
Sie hatte es seit Samstag gewusst. Jetzt wusste sie es mit ihm auf dem Boden, und der Unterschied zwischen beidem war der ganze Grund für den Satz am Küchentisch.
Am Wagen setzte sie ihn auf die Rückbank. Ostermann schob die Kiste hinterher und stieg vorne ein.
Er saß, die Füße noch draußen, und ließ die Hand, mit der er sich abgestützt hatte, auf ihrem Unterarm liegen, länger als er sie brauchte. Kerstin nahm den Arm nicht weg. Sie stand mit der offenen Wagentür in der anderen Hand da, auf einem Feldweg, den seit Mitternacht keiner mehr benutzt hatte, und ließ ihm die Zeit.
Dann machte sie die Tür zu und fuhr sie nach Hause.