Gruel's StorytimeA continuing story, one chapter at a time.
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Kapitel 066 — Sieben

Um Viertel nach neun lag über Dormagen noch ein heller Streifen, und Ostermann brauchte für die dreihundert Meter vom Tor zur Mulde vier Minuten länger als am Sonntag. Mox ging hinter ihr, in ihren Tritten, in seinen eigenen von gestern. Er zählte die Minuten nicht mit. Er sah es an den Schultern.

Kerstin schloss hinter ihnen ab und ging auf den Deich.

Die Mulde nahm ihn auf, ohne dass jemand nachstechen musste. Ostermann kniete daneben und wickelte das Bündel für diese Nacht auf dem Knie auseinander. Es war die Hälfte. Sie teilte es nicht in vier Häufchen, sondern in zwei.

„Nur die Hand“, sagte sie. „Der Rest kommt allein zurecht.“

„Und wenn nicht?“

„Dann nicht.“ Sie strich das eine Häufchen in die Kuhle, in die der Handrücken kam, und schlug das andere in ein Tuch. „Es ist die vierte Nacht. Die zählt am meisten, und sie ist die dünnste. Das ist so.“

Er zog die Jacke aus und legte sich hin.

Die Stadt hatte am Dienstag aufgehört und nicht wieder angefangen. Es gab nichts mehr, woran sich die Zeit hängen ließ — kein Blech, keine Böller, kein Grundton von weit her. Nur den Rhein hinter dem Deich, der immer gleich klang, und ab und zu das Gras.

Drei Nächte lang hatte er nicht hingesehen. Es kostete nichts, es dauerte einen Atemzug, und niemand auf dieser Fläche hätte es bemerkt. Genau deshalb war es die Arbeit. Er hatte gelernt, den Gedanken kommen zu lassen und liegen zu lassen, ohne ihn wegzuschieben, und nach der zweiten Nacht kam er seltener.

In dieser Nacht kam er um halb eins zurück, und diesmal hatte er einen Grund.


Kerstin war neben der Mulde, bevor er sie den Deich herunterkommen hörte.

„Er ist am Zaun“, sagte sie. „Dreieinhalb Stunden zu früh.“

Ostermann band das Tuch zu. Sie stand nicht auf.

„Sie haben gesagt, dann gehen wir sofort.“

„Ja.“

„Und?“

Ostermann legte die Hand flach auf die Erde neben seinem Arm, dort, wo sie den ganzen Abend gelegen hatte, und ließ sie liegen. „Es ist die vierte Nacht“, sagte sie. „Eine fünfte gibt es nicht.“

Kerstin sagte nichts mehr. Sie ging drei Schritte nach Osten, blieb im hohen Gras stehen und wurde eine Form, die dunkler war als der Rest.

Der Mann kam nicht über die Rampe. Er kam durch den Draht, den er selbst aus den Krampen gebogen hatte, und er kam nicht leise. Der Kanister schlug ihm gegen das Bein. Bei seiner Reihe blieb er stehen, länger als in einer der Nächte davor, und dann kam er quer über die Fläche auf die Mulde zu und blieb sechs Schritte davor stehen.

„Da liegt einer“, sagte er.

Niemand antwortete.

„Wie viele Nächte?“

„Vier“, sagte Mox.

„Und heute ist die vierte.“

„Ja.“

Der Mann setzte den Kanister ab. Am Himmel war er ein Umriss ohne Gesicht, nicht groß, den Rücken schief von etwas, das er lange getragen hatte.

„Ich hab sieben“, sagte er.

Das war die Stelle, an der Mox hinsah.

Es dauerte einen Atemzug, und dann lag über allem eine zweite Ebene: der Boden, matt und weit und über der geschnittenen Stelle heller. Die alte Frau neben ihm, dünn und abgearbeitet, mit dem Rest, den sie noch für heute hatte. Kerstin drei Schritte weiter, hart und geschlossen, das Chrom als Löcher darin. Und der Mann.

Nichts an ihm. Kein Funke, keine Gabe, keine Schule, ein müder Mensch mit einem Kanister. Was leuchtete, war das Tuch in seiner Jackentasche, klein und schwach und von genau der Art, die seit vier Nächten unter Mox’ Handrücken lag.

Er sah wieder weg. Es hatte nichts gekostet.

„Sechs von meinen sind zu“, sagte der Mann.

„Ich war das“, sagte Ostermann.

Der Mann schwieg eine Weile. „Erklären Sie mir nichts.“

„Der Boden trägt einen. Zwei trägt er nicht.“

„Meins steht seit dem zwölften Juli.“ Er sagte es ohne Ärger, in derselben Lautstärke, in der er alles andere gesagt hatte. „Das ist der Boden. Der weiß nichts davon, dass Sie da liegen.“

„Wir sind heute Nacht das letzte Mal hier“, sagte Mox.

Der Mann drehte den Kopf zu ihm. Es war das erste Mal, dass er den Mann in der Mulde ansah statt die Frau, die daran arbeitete.

„Um halb zwei sind wir raus. Morgen früh ist das Tor zu und der Schlüssel weg, und danach kommt hier keiner mehr rein, der einen Schlüssel braucht. Ab morgen gehört die Fläche Ihnen allein.“

„Bis der Bagger kommt.“

„Bis der Bagger kommt.“

Der Mann nahm den Kanister wieder auf. „Ich brauch noch fünf“, sagte er, mehr zu dem Kanister als zu irgendjemandem. „Und was ist mit meinen sechs?“

„Die kriegen Sie nicht wieder“, sagte Mox.

Er hätte es weicher sagen können. Es wäre gelogen gewesen, und der Mann hätte es gemerkt, und dann hätte alles andere auch nicht mehr gegolten.

Der Mann nickte einmal, kurz. Dann ging er zwanzig Meter nach Westen, kniete sich hin und goss, nah am Boden, damit nichts spritzte, und es dauerte lange, weil er jedes Loch einzeln nahm. Kerstin stand die ganze Zeit da, wo sie stand.

Als er zurückkam, blieb er neben der Mulde noch einmal stehen.

„Terveer“, sagte er. „Damit Sie wissen, wem die Reihe gehört.“

Niemand sagte einen Namen zurück. Es fragte auch keiner.

Er ging schon, als er es sagte, und er sagte es nicht in ihre Richtung.

„Für meine Frau.“

Dann war er am Draht, und dann war er weg, und im Gras blieb die Spur eines Mannes, der sie nicht mehr zu verbergen versuchte.


Ostermann arbeitete weiter. Sie hatte nicht aufgehört, während er dastand, und sie hörte auch jetzt nicht auf. Die halbe Portion war nach einer Stunde fertig und musste bis zum Schluss reichen; sie schob nach, was sie hatte, und was sie nicht hatte, schob sie nicht nach.

Um zwanzig vor zwei sagte sie es.

Mox nahm die Hand aus der Erde. Er hielt sie eine Weile im Dunkeln vor sich, ohne den Verband anzusehen, und wartete darauf, dass der Schmerz dorthin ging, wo er seit Montag hingehörte, tief in die Handwurzel, ziehend und langsam.

Er ging nicht dorthin. Er saß obenauf und brannte, flach und breit und genau da, wo er in der ersten Nacht gebrannt hatte.

Wenn es nach vier Nächten immer noch obenauf wehtut, war es umsonst.

Er wusste nicht, ob es das Hinsehen gewesen war. Er wusste nicht, ob es die halbe Menge war oder die sechs zugedrückten Löcher oder der zwölfte Juli oder gar nichts von alledem, und außer ihm gab es niemanden auf dieser Fläche, der es hätte wissen können.

Ostermann machte die Kiste zu. Ihre Hände waren schwarz bis über die Gelenke, und sie wischte sie nicht ab.

„Wo ist es?“, fragte sie.

Auf dem Deich richtete sich Kerstin auf. In vierzig Minuten stand am Tor ein Mann, der die ganze Nacht nicht geschlafen hatte, und um acht musste ein Stück Blech in Grevenbroich in der Ablage eines Firmenwagens liegen, und keiner von beiden Terminen wurde besser davon, dass jemand jetzt etwas sagte.

„Unten“, sagte er.