Kapitel 068 — Wer durchmuss
Am Sonntag schlief Kerstin bis vier, und die Stiefel standen neben dem Sofa statt an ihren Füßen. Das war das Erste, was Dobs auffiel, als er in den vorderen Raum ging, und es gefiel ihm.
Jeck hatte am Freitag eingekauft. Richtig eingekauft, mit Eiern und Speck und einem Brot, das nicht in Folie lag. Dobs stand seit halb zwei in der Küche und machte Rührei für vier, obwohl nur drei da waren, weil Jeck seit dem Morgen unterwegs war und niemand gesagt hatte, wohin.
Mox saß am Tisch. Aufrecht, seit Mittag, und auch das war neu. Er hatte ein Glas zwischen die Knie geklemmt und versuchte, den Deckel mit der linken Hand aufzubekommen. Dobs nahm es ihm ab, drehte auf, stellte es zurück. Keiner von beiden sagte etwas dazu.
Zwischen ihnen lag der Durchschlag der Belegschaftsliste. Vier Kästen, Raupenbahn Thelen, Vordruck von neunundfünfzig. In zweien standen Namen. Der eine war Mox’ Handle, der andere seiner, in seiner eigenen Handschrift, und daneben zwei Kästen, die seit Wochen leer waren.
„Warum schreiben die zwei nichts rein?“
Mox sah nicht mal hin. „Frag sie.“
Kerstin kam um vier in die Küche, roch das Fett und setzte sich, bevor sie guten Tag sagte. Dobs stellte ihr den Teller hin und schob das Blatt hinterher.
„Deine Karte.“
„Ich weiß.“
„Seit vier Wochen.“
Sie aß erst mal. Dann tippte sie mit dem Gabelrücken auf die zwei leeren Kästen. „Zwei leere Karten sind zwei Karten, nach denen keiner fragt. Zwei volle sind zwei Namen, die einer nachschlagen kann. Ich hab Papiere. Wenn die hochgehen, geht die Liste mit hoch, und dann steht ihr zwei auch nicht mehr drauf.“
„Und wenn wir mehr bräuchten?“
„Mehr als was?“
„Mehr als vier.“
Kerstin legte die Gabel hin. Sie sah ihn an, und sie sah ihn lange genug an, dass er wusste, dass sie ihn nicht falsch verstanden hatte.
„Für vier reicht die Liste“, sagte sie. „Für vier.“ Dann nahm sie die Gabel wieder auf. „Ich fahr dich um acht.“
Der Hafen war leer. Sonntagnacht kam kein Schubverband, kein Kran ging, und die Halle roch nach kaltem Beton und dem Öl von irgendwas, das seit Jahren nicht mehr lief.
Gesa saß unter der Lampe und beklebte Steckverbinder mit Streifen aus einer Rolle, jeden mit einem Buchstaben drauf. Sie sah nicht hoch.
„Sonntag“, sagte sie. „Es läuft keiner.“
„Ich sitz trotzdem.“
„Umsonst.“
„Genau.“ Er zog den Klappstuhl heran und setzte sich, bevor sie etwas sagen konnte. „Eine Stunde und zwölf Minuten. Ich sitz sie ab, und dann noch mal so viel, und dann ist es weg.“
Gesa klebte den nächsten Streifen. Sie ließ sich Zeit damit, und das war ihre Art, jemandem zu sagen, dass er gerade Unsinn geredet hatte.
„Die Stunde und zwölf hab ich nicht verloren, Kind. Ich hab sie gar nicht gehabt. Verloren hat sie einer, der in der Nacht durchmusste und keinen freien Weg gefunden hat. Du kannst nicht bei mir bezahlen, was du bei dem geholt hast.“
„Dann bezahl ich für einen, den ich nicht kenne.“
Sie hörte auf zu kleben.
„Das kannst du“, sagte sie.
Die Bedingungen kamen ohne Pause hinterher, in ihrer üblichen Reihenfolge: Der Nächste, der kommt und die Zeit nicht voll bezahlen kann, kriegt sie trotzdem. Den Rest legt Dobs aus seiner eigenen Tasche drauf, bar, vorher. Es wird nirgends notiert, und der Kunde erfährt es nicht.
„Warum nicht?“
„Weil er sonst wiederkommt und drauf baut.“ Sie schob die Rolle weg. „Einmal ist bezahlt. Zweimal ist ein Gefallen.“
Um zwanzig nach elf kam eine Frau mit einem Kopftuch und einer Plastiktüte, in der etwas Rechteckiges steckte. Sie zählte Scheine auf den Tisch, während sie noch stand, und Dobs sah beim Zählen, dass es für eine Stunde reichte und sonst nichts.
„Wie lange brauchen Sie?“
„Weiß ich nicht. Zwei Stunden. Drei.“
„Drei“, sagte Dobs. „Setzen Sie sich.“
Er legte den Rest nach, während sie mit dem Rücken zu ihm ihre Schuhe auszog, und schob die Scheine unter die Kante der Kiste, wo Gesa sie fand, ohne hinzusehen. Dann hängte er die Frau auf den vierten Weg.
Um Viertel nach zwölf hing sie fest. Nicht ihretwegen — der Knoten am anderen Ende ging weg, und was aus der toten Spedition herauskam, kam nicht mehr heraus.
Töle war da. Er hatte in der Ecke auf zwei Kissen geschlafen und stand jetzt neben dem Stuhl, ohne dass Dobs ihn hatte kommen hören.
„Der hängt.“
„Ja.“
„Machst du’s?“
Dobs nahm die Hände von den Knien und legte sie auf die Oberschenkel. „Mach du’s.“
Es dauerte. Töle brauchte drei Anläufe für etwas, das Dobs in einem gemacht hätte, und beim zweiten wurde er zu schnell und riss die Frau fast ganz heraus. Dobs sagte nichts. Er sagte auch nichts, als es beim dritten Mal saß, und er sagte vor allem nichts darüber, was man daraus lernen konnte.
Töle setzte sich auf den Boden neben den Stuhl, die Ellenbogen auf den Knien, und guckte auf die Halle.
„Und der Weg raus“, sagte er. „Aus der Stadt. Wann?“
Dobs zog den Durchschlag aus der Jacke und faltete ihn auf dem Knie auseinander.
„Guck.“
Töle guckte. Er las schlecht auf Papier — im Netz war er schneller als die meisten, aber Buchstaben mit Tinte waren etwas anderes, und er ging sie mit dem Finger ab.
„Vier Kästen.“
„Ja.“
„Da stehen zwei drin.“
„Ja.“
„Dann sind zwei frei.“ Er zählte noch mal, von links, mit dem Finger. Dann sah er hoch. „Das sind nicht mehr als vier.“
„Nein“, sagte Dobs.
Er hätte etwas dazusagen können. Er hatte auf der Fahrt hierher zwei Sätze gehabt, die gut geklungen hatten, und beide hatten damit angefangen, dass irgendwas eben Zeit braucht. Er ließ sie liegen. Der Junge hatte richtig gezählt, und daran war nichts zu erklären.
Töle nahm ihm den Filzstift aus der Brusttasche, ohne zu fragen. Er zog unter die vier Kästen einen fünften, schief und zu groß, und schrieb seinen Namen hinein, mit dem Ö als zwei einzelnen Punkten über dem O, weil er es anders nicht hinbekam.
„Das ist ein Durchschlag“, sagte Dobs. „Der gilt nirgends.“
„Jetzt noch nicht.“
Töle legte den Stift auf die Kiste zurück. Er fragte nicht, ob das abgemacht sei, und er ließ es sich auch nicht ein zweites Mal sagen — es stand jetzt da, und das war offenbar genug.
Um zwanzig vor drei war die Frau fertig, zog ihre Schuhe an und ging, ohne sich zu bedanken, weil sie bezahlt hatte.
Dobs faltete das Blatt einmal in der Mitte und steckte es wieder ein.