Kapitel 071 — Trockenraum
Um zwölf nach zehn kam der Wachdienst am Kopf von Becken zwei entlang, leuchtete zweimal ins Wasser und ging weiter zu den Kränen.
Jeck hielt den Finger am Ohr, bis nichts mehr zu hören war. „Durch. Der Nächste um zwei.“ Er hörte noch einen Moment zu. „Dobs sagt, bis Mitternacht kommen drei Verbände hoch. Danach wird es dünn.“
Der Leichter lag hoch. Deck und Kaikante standen fast auf einer Höhe, und es brauchte keine Planke, nur einen Schritt und eine Hand. Oben an der Schütte stand der Wagen, und das Einzige, was Mox in dieser Nacht tun konnte, war darin sitzen.
Auf dem Deck hatte seit dem Feierabend der Wasserhaltung niemand etwas angefasst. Der Schlauch ging über das Süll und ins Mannloch hinunter. Der Deckel lag daneben, die sechzehn Schrauben in einem Plastikeimer, und in dem Eimer stand Wasser vom Vormittag.
Kerstin setzte sich auf den Rand und ließ die Beine hinunter.
„Zweimal auf dem Deck heißt: jetzt“, sagte sie. „Einmal heißt: keiner rührt sich.“
Jeck nickte und ging in die Hocke.
Der Raum war knapp einen Meter hoch, und er war dunkel ohne jeden Rest.
Restlichtverstärkung verstärkt Restlicht. Wo keines ist, gibt es nichts zu verstärken. Das Wärmebild schaltete sich dazu und zeigte ihr genau das, was ein geschlossener Stahlraum hergibt, in dem seit Stunden dasselbe Wetter herrscht: eine graue Fläche nach vorn, ohne eine einzige Kante darin. Zwei Cyberaugen, bezahlt und eingesetzt, und sie sah weniger als der Junge von der Wasserhaltung mit seiner Stirnlampe.
Sie machte die Handlampe an. Über dem Glas klebte Tape mit einem Schlitz darin, und der Schlitz reichte.
Der Schlick lag zwei Finger hoch und war an den Rändern schon aufgerissen. Mitten hindurch lief die Spur der Gummistiefel, hin und zurück, hin und zurück, und daneben die breite Schleifbahn des Schlauchs. Sie ging in der Stiefelspur. Wo die anderen gegangen waren, durfte sie gehen.
Im dritten Spantenfeld stand der Kasten. Sechzig auf vierzig, keine Beschriftung, kein Griff, kein Scharnier. An jeder Ecke hielt ihn eine Kehlnaht am Boden.
Sie fuhr eine Klinge aus und setzte sie an die erste Naht. Nach zwanzig Sekunden fuhr sie sie wieder ein. Sporne sind für Menschen und für dünnes Blech. Eine Kehlnaht ist keines von beidem.
Also der Winkelschleifer. Vier Trennscheiben, ein Akku, elf Minuten Schnitt darin, und ein leerer Rumpf, der jedes Geräusch nach außen weitergibt, über Wasser bis zur anderen Seite des Beckens.
Sie legte sich auf die Seite und wartete.
Zweimal auf dem Deck.
Sie schnitt. Der Ton füllte den ganzen Raum aus und stand ihr im Kiefer, und irgendwo über ihr schlug die Welle eines Schubverbands gegen die Kaimauer und schlug wieder und wieder. Zwei Nähte in dieser Welle. Dann war es still, und sie war es auch.
Danach passierte lange nichts. Der Rhein schickte niemanden. Die Luft schmeckte nach Fluss und nach etwas, das lange darin gestanden hatte, und die Kälte kam von unten durch die Plane und durch die Hose.
Zweimal auf dem Deck.
Beim dritten Schnitt zerlegte sich die Scheibe. Ihr Kopf war zur Seite, bevor sie wusste, warum — das war das Chrom, und das Chrom war schneller als sie. Ein Stück ging über ihr gegen den Stahl und fiel in den Schlick. Sie setzte die neue Scheibe ein und nahm die vierte Naht mit derselben Welle.
Der Kasten kam mit einem kurzen, hässlichen Laut frei.
Achtunddreißig Kilo, hatte Weiler gesagt, und Weiler hatte an dieser Stelle nicht gelogen. Für seine Größe war das zu viel. Er war überall gleich schwer; was darin lag, lag fest.
Sie zog ihn auf der Plane. Deshalb dauerte es zwanzig Minuten statt fünf, und deshalb blieb der Schlick daneben unberührt.
Vier Felder weiter achtern stand der zweite.
Er war länger, er war höher, und er saß auf demselben Boden. Kerstin ging in die Hocke und leuchtete die Ecken ab.
Dieselbe Handschrift. Dieselbe Nahthöhe, derselbe zu kurze Ansatz am Anfang jeder Naht, dieselbe Stelle, an der der Schweißer die Hand nachgesetzt hatte, weil ihm das Feld zu eng war. Über Magie hatte sie kein Urteil. Über Handwerk hatte sie eins, und es war gut.
Sie legte beide Hände darauf und drückte. Er gab keinen Millimeter.
Finden Sie da unten etwas Schwereres, ist es nicht meins, und dann lassen Sie es liegen.
Sie ließ ihn liegen.
Das Loch war ein Oval, sechzig auf achtzig. Der Kasten ging durch, aber nicht in einem Stück Bewegung; sie hob ihn auf die Schulter, ging zwei Stufen der Leiter hoch, setzte ab, hob wieder. Oben nahm Jeck ihn mit beiden Händen und stellte ihn hin, ohne ihn abzusetzen. Er machte kein Geräusch dabei. Dafür konnte man ihm einiges verzeihen.
Sie ging noch einmal hinunter und räumte auf, was zu räumen war. Der Schlauch kam zurück auf seinen Platz, Meter für Meter, in derselben Kurve. Zum Schluss zog sie das Schlauchende einmal quer über die Stelle, an der sie von der Stiefelspur abgewichen war. Ein nachgezogener Schlauch wischt breit und unordentlich. Danach sah es genau so aus.
Oben war es zwanzig vor zwei.
„Da liegt noch einer“, sagte sie. „Vier Felder weiter achtern. Länger, schwerer, sitzt fest.“
„Weilers?“
„Dieselben Nähte. Derselbe Mann, dieselbe Woche.“
Jeck sah eine Weile aufs Wasser. „Dann hat er uns nicht gewarnt“, sagte er. „Er hat aufgeteilt. Und wir wissen jetzt, wofür der Kerl abends nach dem Wasserstand fragt.“
„Nicht wir. Du.“
„Ich formuliere es später schöner.“
Sie zog den Reißverschluss der Tasche zu und blieb dann in der Bewegung stehen.
Die halbe Trennscheibe lag noch unten im Schlick.
Sie rechnete es nicht durch. Es gab nichts durchzurechnen. Bruns pumpte. Bruns schliff nicht, Bruns brachte nichts mit, was Funken macht, und der Taucher stieg um sechs mit einer Lampe in dieses Loch. Alles da unten hatte einen Absender, und dieses eine Ding hatte keinen.
„Zwei Uhr“, sagte Jeck.
„Ich weiß.“
Sie fand die Scheibe im dritten Feld, zwei Handbreit neben der Stiefelspur, und schob sie in die Jackentasche.
Dann kam über ihr das Licht.
Es lief zweimal über das Deck, blieb am Mannloch stehen und fiel als schräger heller Streifen bis auf den Schlick vor ihren Knien. Schritte, langsam, Gummisohlen auf Stahl. Ein Mann, der sich nichts dachte und trotzdem hinsah.
Kerstin machte die Lampe aus und legte sich flach.
Das Licht stand vier Minuten am Mannloch. In diesen vier Minuten stand es einmal genau auf dem Deckel, einmal auf dem Schlauch, und einmal ging es weg und kam zurück. Dann ging es weg und kam nicht zurück, und die Schritte gingen übers Deck und über die Kante und den Kai hinunter Richtung Kräne.
Sie blieb liegen, bis auch das weg war. Kein Puls im Hals, kein Zittern. Nur eine Frau, die im Dunkeln lag und wartete, dass ihre Augen etwas fanden.
Und diesmal fanden sie etwas.
Nach achtern hin war die graue Fläche nicht mehr leer. Vier Felder weiter stand eine Form darin, heller als der Stahl um sie herum. Nicht viel. Ein paar Grad, und nach einem halben Jahr unter Rheinwasser durfte da gar nichts ein paar Grad haben.
Beim ersten Mal hatte sie die Lampe angehabt und mit den Augen gesehen statt mit dem Bild.
Und Handschuhe hatte sie auch angehabt, als sie beide Hände daraufgelegt und gedrückt hatte.
Sie machte die Lampe nicht wieder an.