Kapitel 072 — Wasserstand
Um zehn vor sechs fuhr der Taucherwagen durch das Hafentor, und von da an konnte Jeck gar nichts mehr tun.
Er stand dreihundert Meter weiter oben an der Ausfahrt zur Hafenstraße, den Wagen halb hinter einem Auflieger mit platten Reifen, und sah auf ein Tor. Vom Becken selbst war von hier nichts zu sehen. Das war der Preis dafür, dass auch vom Becken aus niemand ihn sah.
Für den Fall, dass ihn jemand ansprach, hatte er sich drei Sätze zurechtgelegt. Er brauchte keinen davon, und das ärgerte ihn ein bisschen.
Um Punkt sieben fuhr der Transporter von Bruns hinein.
Um fünfunddreißig nach sieben kam der Taucherwagen wieder heraus. Der Mann am Steuer hatte den Overall noch an und den Reißverschluss offen und bog Richtung Grimlinghausen ab, ohne zu blinken. Wer unten etwas findet, braucht länger. Wer unten etwas findet, steht danach oben am Kai und zeigt mit dem Finger und telefoniert. Der hier war fünfundzwanzig Minuten im Wasser gewesen und stieg ohne Umweg in seinen Wagen.
Um zehn vor acht kam der Transporter heraus. Auf der Ladefläche lag der Schlauch, aufgerollt und nass.
Kein Streifenwagen. Keine zweite Firma. Niemand, der am Tor stand und redete.
Jeck ließ noch zwanzig Minuten verstreichen, weil zwanzig Minuten billig sind. Dann fuhr er los.
Eine Tarnung, die jemand anderem gehörte, hatte gegen einen Fachmann mit einer Lampe gehalten. Das war der Gewinn des Vormittags, und Jeck nahm ihn mit.
Kerstin hatte Dobs morgens zur Halle gefahren und holte ihn abends wieder ab. Dazwischen setzte Jeck sich zu ihm auf die Rampe hinter dem Tor.
„Der steht seit dem elften Februar“, sagte Dobs. „Abgestellt, nicht liegengeblieben. Der Eigner hat ihn selbst da hingelegt und ist im April insolvent gegangen.“
„Und der Stahl?“
„Verwalter. Meuser hat im Juli den Zuschlag gekriegt.“ Dobs redete schneller, sobald er etwas auswendig hatte. „Hebetermin stand auf dem vierundzwanzigsten.“
„Und jetzt ist er morgen.“
„Vorgezogen. Vor zwei Wochen, eine Zeile, keine Begründung. Der Aufschlag für den Termin macht dreitausendzweihundert.“ Er wartete zwei Sekunden, weil er wusste, dass die zwei Sekunden ihm gehörten. „Bezahlt hat die nicht Meuser.“
„Sondern?“
„K 411 Verwaltungsgesellschaft, Duisburg. Bürohaus an der Ruhrorter Straße, vier Zeilen im Register, ein Geschäftsführer mit einer Adresse in Belgien.“
Jeck sah auf das Hallentor und ließ sich Zeit damit. Er kannte das Handwerk. Er baute selbst so etwas, wenn er etwas brauchte, hinter dem kein Mensch steht.
„Das kann jeder sein“, sagte er.
„Soll ich weitersuchen?“
„Dann findest du eine zweite Firma, der die erste gehört. Und danach eine dritte.“ Er stand auf und setzte sich wieder hin. „Was hat der Taucher gemeldet?“
Dobs grinste zum ersten Mal an diesem Morgen. „Doppelboden frei. Anschlagpunkte gesetzt. Freigabe erteilt, sieben Uhr acht.“
„Sag das noch mal.“
„Freigabe erteilt.“
„Gut.“ Es war besser als gut, aber Jeck sagte es nicht anders. „Und der Kran?“
„Sieben bis elf, dann zurück nach Duisburg. Die Brennerkolonne fängt an, sobald er auf dem Ponton liegt.“
Jeck stand auf. Dobs blieb sitzen und sah zu ihm hoch.
„Was ist da drin?“
„Weiß ich nicht.“
„In eurem oder in dem anderen?“
„In beiden.“
In Weckhoven stand der Kasten im hinteren Zimmer auf zwei Brettern, damit er keinen Abdruck im Estrich ließ. Sechzig auf vierzig, kein Griff, kein Scharnier, achtunddreißig Kilo. Seit halb drei in der Nacht hatte ihn keiner mehr angefasst.
Mox saß daneben auf einem Stuhl und hatte die Fragen schon fertig, als Kerstin hereinkam.
„Lag Schlick auf dem Deckel?“
„Auf beiden.“
„Gleich?“
Kerstin dachte nach. Sie war gut darin, Bilder wieder herzuholen, ohne etwas dazuzuerfinden. „Auf meinem lag er glatt“, sagte sie. „Auf dem anderen war er in der Mitte auf. Sternförmig, gut handgroß.“
„Dann ist er nicht seit gestern warm. Er ist warm, seit er trocken liegt.“
„Was heißt das?“, fragte Jeck.
„Dass etwas darin etwas verbrennt.“ Mox sprach langsamer als sonst, weil er selbst noch dabei war, es zu Ende zu denken. „Und dass es das im Wasser auch schon getan hat. Nur hat das Wasser es weggenommen, und seit gestern Nachmittag nimmt es keiner mehr weg.“
Kerstin sah den Kasten an, der vor ihr stand, und meinte den anderen.
„Ich kann morgen um fünf noch mal runter.“
„Nein.“
Sie sagte nichts dagegen, also sagte Jeck den Rest.
„Der Taucher hat um sieben Uhr acht freigegeben. Bis dahin war da unten ein Pumpentrupp, und alles, was wir liegen gelassen haben, gehört einem Pumpentrupp. Ab acht Minuten nach sieben gehört es keinem mehr.“ Er machte eine kurze Pause. „Wer nach der Freigabe da unten war, war nach der Freigabe da unten. Dafür gibt es keinen Absender, den wir uns leihen können.“
Kerstin nickte einmal.
„Dann sagen wir es ihm morgen früh.“
„Wir sagen ihm gar nichts.“ Jeck setzte sich auf die Fensterbank. „Er hat aufgeteilt. Er wusste von dem zweiten Kasten, bevor du ihn gesehen hast, und er hat es uns als Vorsichtsmaßnahme verkauft. Was einer weiß, braucht ihm keiner zu erzählen.“
„Und was er nicht weiß?“
„Dass wir es wissen. Das ist morgen früh das Einzige, was wir außer dem Kasten in der Hand haben, und ich gebe es nicht für ein gutes Gefühl aus.“
Kerstin blieb stehen, wo sie stand.
„Um sieben hebt der Kran“, sagte sie. „Danach schneiden sie ihn auf.“
„Ja.“
Mehr sagte keiner dazu, und Mox sagte am wenigsten.
Abends standen sie auf der Ostseite von Becken zwei, zwischen zwei abgestellten Aufliegern, zweihundert Meter Wasser zwischen sich und dem Schiff. Kerstin saß am Steuer und rührte sich nicht. Jeck hatte das Glas.
Um zwanzig nach sieben kam der Wagen.
Klein, dunkel, keine Beschriftung, ein privates Kennzeichen aus Wesel. Er rollte an den Kopf des Beckens und hielt genau da, wo bis gestern der Transporter von Bruns gestanden hatte. Die Scheibe ging herunter.
„Er wartet, dass ihn einer anspricht“, sagte Kerstin.
„Da ist keiner mehr.“
Vier Minuten lang passierte nichts. Dann stieg der Mann aus.
Mittelgroß, Jacke bis zum Hals zu, nichts in der einen Hand und eine kleine Rolle in der anderen. Er ging an Bord, ohne sich vorher umzusehen, und er suchte das Mannloch nicht, er ging direkt darauf zu.
„Er kniet sich hin“, sagte Jeck. „Er lässt was runter. Schnur.“
Kerstin sagte nichts.
„Er holt es hoch. Er hält es sich ans Gesicht.“ Jeck zog das Glas eine Spur schärfer. „Und noch mal. Diesmal länger.“
Der Mann blieb in der Hocke und tat eine ganze Minute nichts weiter. Dann stand er auf, ging vier Schritte nach achtern, blieb wieder stehen und sah auf das Deck hinunter, dahin, wo für ihn nichts zu sehen war und für Kerstin in der Nacht davor etwas gestanden hatte.
„Was misst er?“, fragte sie.
„Weiß ich nicht. Aber er misst es jeden Abend.“ Jeck ließ das Glas sinken. „Und gestern hat er dafür noch einen Mann von der Wasserhaltung gefragt, wie weit runter.“
Der Mann kam über das Süll zurück und war mit zwei Schritten auf dem Kai. An dem Deckel neben dem Mannloch war er vorbeigegangen, ohne ihn anzusehen.
Der Wagen wendete am Kopf des Beckens und stand danach mit der Schnauze zum Bug. Der Motor ging aus. Die Scheibe blieb unten.
Danach geschah auf dem Kai eine Stunde lang gar nichts, und der Mann saß die ganze Stunde darin.