Kapitel 075 — Die Charge
Jeck kam um halb eins zurück und blieb in der Küchentür stehen, ohne die Jacke auszuziehen.
„Heute Abend, sieben. Eine Frau.”
„Hier?“, fragte Kerstin.
„Hier. Der Kasten geht nicht spazieren.” Er legte den Schlüssel auf die Anrichte. „Sie hat Brandt drei Sätze mitgegeben. Sechzig auf vierzig. Kein Aufdruck, keine Nummer. Und er muss auf Holz stehen.”
Mox sah vom Tisch aus zu den zwei Brettern hinüber. „Das haben wir uns selbst ausgedacht.”
„Ich weiß.”
„Und sie sagt es, bevor sie ihn gesehen hat.”
„Ja”, sagte Jeck. „Deshalb sieben.”
Es war Freitag, und seit dem Morgen saß in Weckhoven ohne Unterbrechung einer neben dem Ding. Mox hatte zwei Nächte auf dem Stuhl verbracht und am Donnerstag einmal mit der anderen Art zu sehen hineingesehen und nichts gefunden. Das Nichts war richtig gewesen. Es hatte nur mit der Sache nichts zu tun.
Kerstin arbeitete den Nachmittag über am Haus, ohne ein Wort darüber zu verlieren.
Sie schleifte die beiden Mülltonnen aus dem Hof in die Durchfahrt und stellte sie so, dass zwischen ihnen genau ein Mensch durchging. Sie nahm den Riegel vom Hoftor ab und hängte ihn wieder ein, lockerer als vorher, damit er schepperte. Auf der siebten Stufe stand danach ein Blecheimer mit vier Schrauben darin. Ab vier saß sie auf dem Fenstersims im Halbstock und sah in den Hof, und sie saß so, dass man sie von unten erst sah, wenn man schon drin war.
Sie fragte nicht, ob das nötig sei. Mox hätte auch nicht gewusst, was er darauf hätte sagen sollen.
Um zwanzig vor sieben kam sie die Treppe hoch.
„Sie ist seit zehn Minuten da. Über den Bahndamm gekommen, von hinten, nicht von der Straße. Sie ist einmal außen um den Hof gegangen und einmal zurück. Dann hat sie das Rad an den Zaun gestellt.” Kerstin zog die Jacke über die Hüfte. „Sie hat einen Handwagen dabei. Da steht ein Mörtelkübel drauf, und in dem Kübel ist Wasser.”
„Sie kommt mit Wasser”, sagte Jeck.
„Sie kommt mit Wasser.”
Kerstin ging wieder hinunter und stellte sich unten an den Treppenabsatz, in die Mitte, mit hängenden Armen. Mox hörte den Riegel scheppern und danach vier Schritte, die aufhörten.
Seit Wochen bestand Kerstins Arbeit aus Schlick, Nähten und Warten. Jetzt blieb unten jemand stehen, weil sie dastand.
Sie war Ende vierzig, breit in den Schultern, Arbeitshose, an den Fingern die kurzen Nägel von jemandem, der sie sich absichtlich kurz hält. Sie sah den Kasten an, bevor sie irgendwen ansah.
„Ich brauche einen Eimer Wasser”, sagte sie.
„Guten Abend”, sagte Jeck.
„Einen Eimer reicht erst mal.”
Dobs schlief hinten; er hatte die Nacht und den Morgen gemacht. Kerstin holte den Eimer und stellte ihn neben die Bretter, und die Frau ging in die Hocke und legte die flache Hand auf den Deckel, lange, an drei Stellen.
Dann stand sie auf.
„Sie kennen die Bedingung”, sagte Jeck. „Wer sagen kann, was drin ist, kriegt ihn. Wer fragt, kriegt nichts.”
„Sechs Blöcke, gepresst, vier Kilo das Stück. Grau, außen heller als innen. Sie stehen in einer Wanne aus demselben Blech, und in der Wanne war Wasser, elf Liter. Der Deckel ist innen nicht geschliffen.” Sie sprach ohne Betonung und ohne Pause. „An der Schmalseite habe ich neu angesetzt, weil mir die Elektrode ausgegangen ist. Und dicht ist er nicht. Er ist zu, damit keiner drangeht, nicht damit nichts rausläuft.”
Kerstin sah nicht vom Kasten weg. „Zwei Finger von der Ecke.”
„Drei.”
Kerstin sagte danach nichts mehr.
„Warum ist der andere warm geworden?“, fragte Jeck.
„Solange sie nass sind, sind sie nichts. Sobald sie trocken sind, fangen sie an.” Die Frau sagte es ohne jede Warnung darin, es war eine Auskunft über einen Zustand. „Der andere war voll. Voll fängt früher an.”
„Und dieser hier?”
„Halb. Der braucht länger.”
„Wie viel länger?”
„Acht Tage.” Sie sah wieder auf den Deckel. „Nein. Sechs.”
Mox rechnete es nicht laut nach. Seit Dienstagnacht stand das Ding trocken in diesem Zimmer, zwei Nächte davon hatte er auf dem Stuhl daneben gesessen, mit dem Rücken zur Wand und dem Kasten im Blick. Geschützt hatte ihn in der ganzen Zeit nur eines: dass hier weniger drin lag als in dem anderen.
Er merkte sich, dass sie kein einziges Mal sagte, was passierte, wenn es anfing. Sie sagte nur: es fängt an. Wer den Rest wissen wollte, hatte am Dienstag zum Hafen sehen können.
Die Frau kippte den Eimer über dem Deckel aus. Das Wasser lief über die Kanten, sammelte sich auf den Brettern, fand die Kante und ging von dort auf den Estrich.
„Deshalb Holz”, sagte sie. „Damit man sieht, wo es rausläuft. Auf Beton sieht man gar nichts.”
„Sie kriegen ihn”, sagte Jeck. „Das war ausgeschrieben, und wir halten, was ausgeschrieben ist.”
Sie nickte. Sie bedankte sich nicht.
„Ich hab drei geschweißt”, sagte sie.
In der Küche wurde es still. Unten schepperte der Riegel im Wind.
„Zwei sind aufs Schiff gekommen. Der dritte ist am zweiten Februar zwischen Werk und Kai weggegangen.” Sie stellte den leeren Eimer ab. „Wenn er trocken läge, hätte er im Februar angefangen. Er hat nicht angefangen.”
„Dann hält ihn einer nass”, sagte Jeck.
„Ja.”
„Der weiß also, was er da hat.”
„Der weiß, dass er ihn nass halten muss. Mehr weiß er wahrscheinlich nicht, sonst hätte er ihn längst weggebracht.” Zum ersten Mal machte sie eine Pause. „Nass halten ist eine Arbeit, die jemand jede Woche machen muss. Solange sie einer macht, ist nichts. Sobald einer krank wird, umzieht oder es leid ist, ist es etwas.”
„Und wenn er es leid ist, kommt es auf Ihre Rechnung.”
„Auf die Rechnung von einem, der über mir sitzt. Fragen Sie mich nicht, wer. Solange Sie es nicht wissen, können Sie es keinem sagen.”
Jeck lehnte sich zurück. „Preis.”
„Vier, wenn Sie anfangen. Zehn, wenn er nass ist und ich davorstehe.” Sie zog ein Bündel aus der Innentasche und legte den Teil davon auf den Tisch, den sie vorher abgezählt hatte. „Nichts, wenn er anfängt. Dann bin ich nicht mehr die, die zahlt.”
„Name?”
„Nowak.”
„Vorname?”
„Nein.”
Kerstin nahm den Kasten von den Brettern und trug ihn allein die Treppe hinunter, ohne ihn abzusetzen und ohne dabei zu reden. Unten ging er in den Mörtelkübel, und das Wasser stieg bis knapp unter den Rand und stand dann.
Nowak nahm die Deichsel auf.
„Nass halten”, sagte sie. „Wenn Sie ihn finden, fassen Sie ihn nicht trocken an. Nicht wegen der Hände. Wegen der Zeit.”
Dann ging sie mit dem Handwagen über den Hof, und der Riegel schepperte hinter ihr.
Oben standen die beiden Bretter noch da, dunkel und schwer vom Wasser. Daneben, auf dem Estrich, stand ein nasses Rechteck, sechzig auf vierzig.
Mox stellte sich davor. Der Rand kam ihm entgegen.