Kapitel 076 — Die Vierzehn
Dobs saß seit sieben am Gerät, und um halb zehn war er damit fertig, dass es nichts mehr gab.
„Das Hafenamt führt einen Liegeplatzvorgang”, sagte er. „Der Leichter lag Becken eins, Kai vier, bis zum dritten Februar. Danach Becken zwei, abgestellt. Sechs Zeilen, zwei Unterschriften.”
„Ladepapiere”, sagte Jeck.
„Gibt es nicht. Schrott im Werksverkehr kriegt keine. Die Brückenwaage wiegt, der Platz schreibt es auf seinen eigenen Zettel, und der Zettel bleibt auf dem Platz.” Dobs schob den Ausdruck über den Tisch. „An Kai vier lädt genau einer. Metallhandel Küppers, sechzehn Leute, eigener Greifer.”
„Und weiter?”
„Nichts weiter. Ab da ist es Papier, das keiner schreibt.” Er lehnte sich zurück und nahm die Hände vom Gerät. „Ich kann dir sagen, wo das Schiff lag. Ich kann dir nicht sagen, wer in der Nacht danebengestanden hat.”
Jeck nickte. Vor einem halben Jahr hätte der Junge noch zwei Stunden weitergegraben und ihm danach dieselbe Auskunft in längeren Sätzen gebracht.
„Dann reden wir mit Leuten.”
„Am Hafen?”
„Nicht am Hafen.” Becken zwei war gesperrt, an der Absperrung standen Uniformen, die dort sonst nicht standen, und in drei Akten lag eine Zeile über einen Anruf, der acht Minuten zu früh gekommen war. Wer diese Woche in Neuss am Kai Fragen stellte, stellte sie neben einem Aktenzeichen. „Wir gehen dahin, wo man die Kolonne sieht, ohne auf dem Platz zu stehen.”
Kerstin fuhr. Reuschenberg, hinter der Bahn, eine Halle mit offenem Tor, aus dem es warm herausschlug. Drinnen lief eine Trommel, und es roch nach heißem Stoff und Bleiche.
Rieke Wenzel stand an der Stange und hängte Kittel um. Sie sah einmal auf und arbeitete weiter.
„Zwanzig”, sagte sie.
„Ich hab noch nichts gefragt.”
„Du hast nichts an, was hier hingehört, und du guckst auf die Nummern. Zwanzig.”
Jeck legte den Schein auf den Tisch neben der Presse. Sie sah ihn nicht an, sie sah, dass er dalag.
„Küppers”, sagte er. „Becken eins. Waschen Sie für die?”
„Sechzehn Kittel, jede Woche, seit neun Jahren. Der Vormann bringt sie selbst, weil er dem Fahrer nicht traut.” Sie zog einen Bügel über die Stange, hakte ihn ein, nahm den nächsten. „Namen krieg ich keine. Ich krieg Nummern. Die Nummer ist im Nacken eingenäht, und die bleibt am Kittel, nicht am Mann.”
„Ich brauche einen Mann, der im Februar aufgehört hat.”
„Dann brauchst du den Vormann.”
„Den frage ich nicht.”
Rieke hielt zum ersten Mal an, einen halben Atemzug lang, und hängte dann weiter um. „Sechzehn raus, sechzehn rein. Wenn einer geht, kommt sein Kittel zurück und geht nicht wieder raus. Der hängt dann hier, bis der Betrieb ihn neu vergibt.” Sie ging drei Schritte nach hinten, zu einer Stange an der Wand, an der nichts hing außer Staub. „Der hier hat sieben Monate gehangen. Nummer vierzehn.”
„Seit wann?”
„Erste Februarwoche. Küppers hat ihn nicht neu vergeben und nicht abgeholt. Ist mir egal, hängen kostet nichts. Waschen kostet.”
Sie ging zurück an die Presse, zog ein Wachstuchheft unter dem Tisch hervor und schlug es auf, ohne zu suchen.
„Und diese Woche ist er weg”, sagte sie.
„Küppers hat ihn abgeholt.”
„Küppers holt am Freitag, mit dem Bündel, und schreibt einen Beleg. Das hier war kein Bündel.” Sie drehte das Heft um, damit er die Zeile lesen konnte, und drehte es sofort zurück. „Einer in Privatsachen. Hat nach der Vierzehn gefragt, nicht nach einem Kittel. Der Kittel war seit Februar dreckig, so ist er zurückgekommen, und sauber wollte er ihn haben. Ich hab die Trommel für ein Stück angeworfen. Das mach ich sonst nicht.”
„Und er ist gegangen und hat ihn später geholt?”
„Er hat danebengestanden. Bis er trocken war.”
„Wie sah er aus?”
„Zweiundfünfzig, kurz in den Armen. Fünfzig, wenn er sich hinstellt, aber er stellt sich nicht hin.” Sie strich den Kittel auf der Presse glatt. „Mehr guck ich mir an einem Mann nicht an.”
„Und was hat er gesagt?”
„Dass er die Vierzehn braucht. Dann hat er bezahlt. Dann hat er gefragt, ob Küppers noch dienstagnachts lädt.”
„Und?”
„Lädt er. Seit neun Jahren dienstags und donnerstags.” Sie klappte die Presse zu, und der Dampf zischte unter dem Deckel heraus. „Ich hab ihm gesagt, was jeder in Neuss weiß. Dafür nehm ich nichts.”
Jeck legte trotzdem einen zweiten Schein neben den ersten. Sie schob ihn mit zwei Fingern zurück.
„Eine Frage, ein Preis. Das war dieselbe Frage.”
„Ich hätte noch eine.”
„Dann kostet die.”
„Warum holt sich einer nach sieben Monaten seinen alten Kittel zurück?”
Rieke nahm den Schein nicht. Sie öffnete die Presse, zog den Kittel heraus, hängte ihn auf und begann mit dem nächsten.
„Ich wasche keine Gründe, Junge.”
Kerstin wartete im Wagen, den Arm im offenen Fenster.
„Und?”
„Er hat einen Kittel für einen Platz geholt, auf dem er seit Februar nicht mehr arbeitet.” Jeck zog die Tür zu. „Wer sich in Neuss einen Kittel besorgt, will irgendwo stehen, wo Kittel stehen. Er will dienstagnachts auf den Platz von Küppers.”
„Um zu laden?”
„Um dabei zu sein, wenn geladen wird. Das ist nicht dasselbe.” Er sah auf das Tor der Halle, auf die Stange dahinter, an der jetzt zwei Kittel weniger hingen. „Er hat sieben Monate lang ein Ding nass gehalten und nichts damit gemacht. Und jetzt besorgt er sich einen Weg auf den Platz zurück. Das tut keiner, der weitermachen will. Das tut einer, der abgeben will.”
„Dann fahren wir zu Küppers.”
„Nicht heute. Heute steht da ein Bagger und sonst niemand.” Jeck rechnete es im Kopf durch: Samstag. Sonntag, Montag, Dienstag. Drei Nächte, in denen jemand einen Kasten aus dem Wasser nehmen und trocknen lassen konnte. Sechs Tage, hatte die Frau gesagt, und das hatte sie über einen halben gesagt, der in einem geschlossenen Zimmer stand.
Er dachte an das Heft unter der Presse und an die Zeile darin, die er einen halben Augenblick lang gesehen hatte. Datum, Nummer, Betrag. Nichts sonst.
„Kerstin.”
„Ja.”
„Der Leichter hat am Donnerstagmorgen gebrannt.”
„Ja.”
„Er hat seinen Kittel am Mittwochabend geholt. Halb sieben. Es steht in ihrem Heft.”
Sie ließ die Hand vom Fenster sinken und legte sie aufs Lenkrad. Eine Weile sagte keiner von beiden etwas. Aus der Halle kam das schwere, gleichmäßige Umschlagen der Trommel.
„Dann hat es ihm einer vorher gesagt”, sagte sie.
„Einer hat ihm gesagt, dass es losgeht. Nicht was.” Jeck schob den Ausdruck vom Hafenamt in die Innentasche. „Sonst hätte er ihn am Mittwoch weggebracht statt einen Kittel zu holen.”
„Und wenn er es doch weiß?”
„Dann sind wir zu langsam und es wird sehr laut in Neuss.”
Kerstin drehte den Schlüssel. Vorne im Tor kam Rieke Wenzel mit einem Korb heraus, sah den Wagen, sah durch ihn hindurch und ging zur nächsten Halle.
„Dienstag”, sagte Jeck. „Bis dahin finden wir das Wasser. Danach finden wir nur noch den Kasten.”
Sie fuhr an.