▌ Gruel's StorytimeA continuing story, one chapter at a time.
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Kapitel 077 — Der zweite Februar

Kerstin stellte den Wagen zwei Straßen vor dem Haus ab. In der Siedlung hinter dem Friedhof gehörte jeder Wagen dem Haus, vor dem er stand. Einer, der falsch stand, fiel hier schneller auf als zwei Leute zu Fuß.

„Odenthal”, sagte Mox. „Manfred. Vierundfünfzig.”

„Und das ist er.”

„Das ist ein Mann, den Küppers in der Nacht zum zweiten Februar bei der Berufsgenossenschaft gemeldet hat. Verladung, Wirbelsäule, ausgeschieden zum siebten.” Mox schob den Ausdruck in die Innentasche. „Eine Unfallanzeige schreibt ein Betrieb, weil sie ihn sonst später das Doppelte kostet. Es ist das einzige Papier, auf dem einer aus dieser Kolonne mit Namen steht.”

„In derselben Nacht ist der Kasten weggegangen.”

„Ja.”

Sie gingen. Mox hielt mit, aber er hielt es auf halbem Tempo, und Kerstin ging halbes Tempo, ohne etwas dazu zu sagen. Sonntagmittag, Fernseher hinter zwei Fenstern, irgendwo ein Rasenmäher, der nach vier Metern wieder ausging. Ein Reihenhaus aus den Fünfzigern, Klinker, ein Vorgarten aus Kies.

Vor der Nummer neunzehn stand ein dunkler Kombi mit einem Mann darin.

Mox blieb an der Hecke stehen und band sich den Schuh, den er nicht aufhatte.

„Der Motor läuft”, sagte er. „Er hat die Scheibe oben bei achtundzwanzig Grad. Er sieht nicht auf die Straße und nicht auf die Uhr. Er sieht auf die Haustür, und er sitzt so, dass er die Tür mit dem Spiegel hat, ohne den Kopf zu drehen.”

„Wie lange schon?”

„Der Kies vor dem Wagen liegt zusammengeschoben. Ein paar Minuten. Nicht eine Stunde.” Mox richtete sich auf. „Die Haustür ist eine Handbreit offen.”

Kerstin sah zwei Sekunden hin. Dann ging sie los, nicht schneller.

„Bleib beim Wagen”, sagte sie. „Nicht bei dem. Bei unserem.”


Die Tür gab nach, ohne zu quietschen. Flur, Linoleum, ein Schirmständer, in dem kein Schirm stand. Rechts eine Küche, und aus der Küche kam das Geräusch von Schubladen, die zu schnell aufgezogen wurden.

Sie sah um den Türrahmen.

Zwei. Der Erste stand an der Spüle und hielt einen Mann mit der flachen Hand an der Brust gegen die Kante gedrückt. Der Mann war klein, breit in den Schultern, und er stand auch im Gedrücktwerden schief. Der Zweite ging die Hängeschränke durch und warf jedes Mal die Tür zu.

„Wo?“, sagte der an der Spüle. Ruhig, fast freundlich. „Du sagst es, wir fahren hin, du bleibst hier.”

Odenthal sagte nichts. Er atmete flach und sah auf den Boden.

Der Zweite drehte sich mit einer Dose Kaffee in der Hand um und sah Kerstin in der Tür stehen.

Danach ging alles in der falschen Reihenfolge.

Kerstin war schon halb durch die Küche, als der Gedanke bei ihr ankam, dass sie sich bewegte. Vier Schritte, ein Tisch dazwischen, und der Tisch war kein Hindernis, sondern eine Höhe. Der Zweite hatte die Dose noch in der rechten Hand und griff mit der linken hinter sich in die Schublade, die offen stand. Er bekam etwas zu fassen. Es war ein Schraubendreher.

Sie nahm ihm den Arm. Nicht die Hand, den Arm, über dem Ellenbogen, und drehte ihn nach außen und nach unten, und der Schraubendreher ging von seiner Hand in ihre linke Unterarmseite hinein und wieder heraus, weil sie ihn in dieselbe Richtung mitzog, in die er ohnehin fiel. Es brannte spät. Sie merkte es erst, als sie ihn schon gegen die Arbeitsplatte gesetzt hatte.

Der an der Spüle ließ Odenthal los und kam.

Kerstin ließ die Sporne kommen.

Sie waren draußen, bevor er den halben Weg hatte, und sie schnitt ihm nicht in den Hals und nicht in den Bauch, sie schnitt ihm den rechten Unterarm auf, von der Innenseite des Handgelenks bis fast zum Ellenbogen, und ließ ihn stehen. Er machte einen Laut, der eher überrascht war als laut. Dann sah er auf seinen Arm, und dann setzte er sich hin, weil ihm nichts anderes einfiel.

Der Zweite kam von der Arbeitsplatte hoch und ging. Nicht zur Tür, durch die sie gekommen war. Nach hinten, durch die offene Terrassentür, über einen halben Meter Beton und durch die Lücke zwischen zwei Garagen, und er war schnell für einen Mann, der eben noch gestanden hatte.

Kerstin ließ ihn.

Der auf dem Boden drückte sich den Arm zu und rutschte auf dem Hintern rückwärts bis zur Heizung. Er sah sie an. Er sah auf ihre Unterarme, wo nichts mehr war außer zwei Schlitzen im Ärmel, und er sah lange genug hin, um sich das zu merken.

Draußen ging eine Wagentür. Der Motor, der die ganze Zeit gelaufen war, wurde laut, und dann wurde er leiser.

„Steh auf”, sagte sie. „Halt den Arm hoch und geh.”

Er brauchte zwei Anläufe. Er ging durch den Flur, an dem Schirmständer vorbei, und er ließ auf dem Linoleum eine Spur, die keiner mehr wegbekam. An der Haustür drehte er sich um.

„Du warst nicht bestellt”, sagte er.

„Nein”, sagte Kerstin. „Ihr auch nicht.”


Sie machte die Tür zu und schob den Riegel vor. Dann ging sie zurück in die Küche.

Odenthal saß auf einem Stuhl, den er sich selbst hingezogen hatte, und hielt sich mit beiden Händen an der Sitzfläche fest. Aus der Nähe war er zweiundfünfzig und kurz in den Armen. Die Beschreibung aus Reuschenberg stimmte bis auf das letzte Stück: er hielt sich nicht gerade, und er hielt sich nicht gerade, weil er es nicht konnte. Sein Kittel hing sauber und gebügelt über der Stuhllehne daneben. Im Nacken, eingenäht, eine Vierzehn.

Er sah den Kittel an und dann sie.

„Sind Sie von denen?”

„Nein.”

„Von der Frau?”

Kerstin nahm ein Geschirrtuch vom Haken und wickelte es sich um den linken Unterarm. Das Blut kam gleichmäßig und nicht viel. Der Ärmel war teurer als die Wunde.

„Welche Frau?”

Er antwortete nicht. Er sah wieder auf den Boden, auf die Stelle, wo der andere gesessen hatte, und atmete zweimal ein, ohne dass viel dabei ankam.

„Die kommen wieder”, sagte er.

„Ja.”

„Gestern Abend war einer hier. Der hat geklingelt und nach dem Werk gefragt. Ich hab gesagt, ich bin krank.” Er ließ die Sitzfläche los und legte die Hände auf die Knie. Die Unterarme waren bis zum Ellenbogen weiß und rissig, eine Haut, die zu oft nass gewesen war und nie richtig getrocknet. „Dann sind sie zu zweit gekommen.”

Kerstin zog den Knoten fest.

„Wo ist der Kasten?”

Odenthal sah sie an, und zum ersten Mal war in seinem Gesicht nicht Schmerz, sondern etwas anderes.

„Im Wasser”, sagte er. „Bis heute Morgen.”