Kapitel 078 — Waagerecht
In Weckhoven hielt der Wagen keine ganze Minute. Mox stieg aus, Dobs stieg ein, und dazwischen standen sie einen Atemzug lang nebeneinander in der Durchfahrt.
„Sie ist verletzt”, sagte Mox. „Sie redet nicht darüber. Du auch nicht.”
Dann war die Tür zu.
Kerstin fuhr mit rechts. Der linke Ärmel hatte zwei Schlitze, darunter lag etwas Weißes, und die Hand kam nur ans Lenkrad, wenn eine Kurve es verlangte. Jeck saß vorn mit einem gefalteten Stadtplan auf den Knien. Papier, kein Gerät.
Neben Dobs auf der Rückbank saß ein kleiner, breiter Mann und hielt sich mit beiden Händen an der Sitzfläche fest.
„Odenthal”, sagte Jeck nach hinten. „Das ist Dobs. Der trägt.”
Odenthal drehte den Kopf nicht. Er sah Dobs von der Seite an, lange genug, dass es unangenehm wurde.
„Bist du von der Frau?”
Niemand hatte Dobs gesagt, was er darauf antworten sollte. Vorn wurde nichts gesagt, und in dem Schweigen hörte er, dass es Absicht war.
„Ich weiß nicht, wie sie heißt”, sagte Dobs. „Sie hat die Kästen geschweißt. Drei Stück. Sie will den, den Sie haben, und sie will ihn nass.”
Kerstin sah in den Spiegel. Jeck faltete den Stadtplan an einer Kante um, die schon gefaltet war.
Odenthal atmete zweimal ein.
„Drei”, sagte er. „Ich hab sieben Monate gedacht, ich hätte den einzigen.” Er legte die Hände auf die Knie. „Selikum. An der Bahn, hinter dem Sportplatz. Die Gärten. Dreiundsechzig, es steht auf dem Pfosten.”
„Warum heute Morgen?“, sagte Jeck.
„Die schreiben mir seit Mai. Zweimal. Hecke, Gras, ordnungsgemäßer Zustand.” Odenthal sah aus dem Fenster. „Wenn ich nicht komme, machen die es selbst. Dann steht einer vom Verein mit der Sense in meinem Garten und guckt unter die Bretter.”
„Und Samstagabend hat einer geklingelt.”
„Ja.” Er sagte eine Weile nichts. „In der Wanne liegt er unter Brettern. In der Laube ist ein Schloss.”
Dobs rechnete es sich zusammen und bekam dabei ein flaues Gefühl in den Armen. Der Mann hatte das Ding versteckt, und Verstecken hieß hier: aus dem Wasser nehmen.
„Wie haben Sie ihn bewegt?“, fragte er.
„Ich hab ihn nicht getragen”, sagte Odenthal. „Ich hab ihn gezogen.”
Die Anlage lag zwischen Bahndamm und Sportplatz, sechzig Parzellen hinter einem Drahttor, und der Sonntagnachmittag war voll besetzt. Irgendwo lief ein Radio mit Fußball. Zwei Straßen weiter innen verbrannte jemand Grünschnitt und stand daneben, die Hände in den Taschen. Kinder fuhren auf Rädern durch die Wege und mussten anhalten, damit der Wagen vorbeikam.
Es war die beste Nachricht des Tages. Vor vierzig Zeugen mit Bier tat niemand irgendwas.
Odenthal hatte den Schlüssel für das Tor an einer Schnur um den Hals. Er brauchte für die zwölf Meter vom Wagen bis zu seinem Pfosten so lange, dass Kerstin zweimal stehen blieb und wartete, ohne ihn anzusehen.
Dreiundsechzig war seit Monaten nicht gemäht worden. Das Gras stand kniehoch und grau, die Hecke war in den Weg gewachsen, und die Laube war aus geteerter Pappe und Brettern, mit einem Vorhängeschloss, das offen in der Öse hing.
Dobs sah die Spur, bevor er die Laube sah.
Sie ging von einer gusseisernen Badewanne quer durchs Gras, fünf Meter, und das Gras lag in einer einzigen Richtung flach. An einer Stelle war es aufgerissen, da hatte etwas gehakt und war weitergezogen worden. Die Wanne selbst war zu drei Vierteln voll, dunkel, mit Entengrütze am Rand, und daneben lagen vier Bretter, die nichts mehr abdeckten.
Fünf Meter. Dobs sah auf die Hände des Mannes und auf sein Kreuz und fragte nicht, wie lange das gedauert hatte.
In der Laube stand der Kasten auf einem Jutesack, sechzig auf vierzig, graues Blech, kein Aufdruck. Der Deckel war nicht verschweißt. Vier Löcher, zwei Schrauben, handfest, mehr nicht — jemand hatte hier sieben Monate lang jede Woche Wasser hineinkippen müssen.
Jeck drehte beide Schrauben heraus.
Sechs Blöcke, hatte Jeck am Freitagabend gesagt, vier Kilo das Stück. Dobs hatte das geglaubt, ohne es je gesehen zu haben.
Innen lag die Blechwanne, und in der Blechwanne standen zwei Finger Wasser. Der untere Teil dessen, was darin lag, war dunkel und schwer und nass. Oben, über der Wasserlinie, waren die Kanten hell geworden. Nicht feucht, nicht getrocknet. Hell.
Kerstin sah einmal hinein und ging sofort wieder raus, zur Ecke der Hecke, von wo aus sie den Weg und das Tor hatte.
„Wasser”, sagte Jeck. „Jetzt. Erst dann anfassen.”
Odenthals Gießkanne stand neben der Tür, verzinkt, mit einem Riss im Griff. Dobs rannte damit. Er tauchte sie in die Badewanne, bis die Luft ausgeblubbert war, ging zurück, kippte sie in den Kasten, ging wieder. Beim dritten Mal begannen die hellen Kanten dunkel zu werden, und er sah dabei zu und merkte, dass er die Luft anhielt. Es dauerte vier Kannen, bis das Blech überlief.
„Reicht”, sagte Jeck.
Sie machten den Deckel drauf und drehten die zwei Schrauben ein.
Kerstin kam an die Tür, sah auf den Kasten, sah auf ihren linken Arm und sagte: „Ich hab einen.”
„Dann geh vor”, sagte Jeck.
Sie ging vor. Kein weiteres Wort, keine Diskussion, und Dobs merkte erst zwanzig Meter später, dass er zum ersten Mal auf einer Arbeit war, weil jemand einen Rücken brauchte und keinen Kopf.
Vierzig Kilo auf vierzig Meter. Der Kasten hatte zwei angeschweißte Ringe als Griffe, und die schnitten. Sie mussten ihn waagerecht halten, sonst lief das Wasser hinten aus dem Deckelspalt, und waagerecht heißt, dass keiner von beiden das Tempo allein bestimmt. Sie setzten ihn dreimal ab. Beim zweiten Mal stand ein Mann an seinem Zaun, sah von seinem Radio auf, sah den Kasten, sah weg und drehte das Fußballspiel lauter.
Beim dritten Mal hatte Dobs keine Finger mehr, nur noch Haken. Er hätte gern etwas gesagt, irgendetwas Kurzes, damit es leichter wurde. Er ließ es.
Am Tor stand Kerstin und hielt den Flügel mit dem Fuß auf.
Sie schoben den Kasten in den Laderaum, auf zwei Bretter, und Odenthal setzte sich vorn hin, weil er hinten nicht mehr hochkam.
Als sie aus der Zufahrt fuhren, bog ein dunkler Kombi hinein. Zwei Männer vorn. Der Beifahrer sah nicht in ihren Wagen, er sah auf das Tor und auf die Nummern an den Pfosten.
„Nicht schneller”, sagte Jeck.
„Weiß ich”, sagte Kerstin.
Dobs kniete hinten neben dem Kasten und hielt die Kanne bereit, obwohl nichts mehr überlief. Er hatte die zwei Schrauben wieder herausgedreht, weil er das Wasser sehen wollte.
Es stand über dem Blech. Darunter lagen die Blöcke wieder ganz dunkel, gepresst, mit rauen Kanten. Es sah nach nichts aus. Nach Material in einer Blechwanne, mehr nicht.
Er zählte sie, weil er sie zum ersten Mal sah und weil ihm jemand eine Zahl gesagt hatte, bei der er nicht dabei gewesen war.
Er zählte mit dem Finger, einmal und noch einmal, und beide Male hörte er bei derselben Zahl auf.
Fünf.