Kapitel 079 — Neun Stunden
Der Wagen kam um zehn nach sechs in die Durchfahrt, und Mox hatte das Tor schon offen.
Dobs stieg als Erster aus und sagte die Zahl, bevor die Heckklappe oben war.
„Fünf. Ich hab zweimal gezählt.”
Der Kasten stand hinten auf zwei Brettern, und um die Bretter herum war das Blech dunkel. Mox kippte ihn einen Finger breit an und hörte es innen laufen.
Vorn saß ein kleiner, breiter Mann und sah durch die Scheibe geradeaus.
Mox blieb stehen und sah ihn an. Der Mann bewegte sich nicht. Er hielt die Hände auf den Knien und sah nicht nach hinten, obwohl hinten das Einzige stand, worüber an diesem Tag geredet wurde. Sieben Monate lang hatte er jede Woche eine Arbeit gehabt, und seit dem Mittag hatte er keine mehr. Durch eine Scheibe, ohne Ton, war das leichter zu lesen als von daneben.
Oben saß Kerstin am Tisch und hielt den linken Arm angewinkelt vor sich, ohne ihn abzulegen.
„Acht”, sagte Jeck. „Brandt hat es durchgegeben. Sie kommt mit einem Fahrzeug.”
„Hierher.”
„Sie war schon mal hier.”
„Deshalb sag ich es.” Mox stellte den Wasserkessel auf. „Zweimal ist eine Gewohnheit.”
„Ich weiß.” Jeck legte den Autoschlüssel auf die Anrichte. „Es ist trotzdem der einzige Hof in Neuss, in den man das Ding fahren kann, ohne dass einer aus dem Fenster guckt.”
Er zog sich einen Stuhl heran und setzte sich verkehrt herum darauf.
„Sie sieht nasses Blech und fünf Blöcke. Die fünf sind nicht unsere. Was heute Morgen in der Laube war, sieht sie nicht.”
„Nein”, sagte Mox.
„Dann lassen wir es.”
Dobs sah von der Tür her herüber. Kerstin sah auf ihren Arm. Mox antwortete nicht. Er hatte den halben Sonntag allein in einem leeren Haus gesessen und in der ganzen Zeit keinen Satz gefunden, der dagegen aufkam.
Sie kam um acht, diesmal von der Straße. Ein alter Pritschenwagen, auf der Ladefläche ein blaues Kunststofffass, oben aufgeschnitten, halb voll.
Nowak stieg aus und ging an dem Wagen des Teams vorbei. Auf Höhe der Beifahrertür wurde sie langsamer.
Odenthal drehte den Kopf. Sie sah ihn an, drei Sekunden lang, und er sah zurück. Gesagt hat keiner von beiden etwas. Dann ging sie weiter zum Laderaum und sah nur noch das Blech an.
Mox stellte sich so, dass er beide im Blick behielt.
Sie fasste den Kasten an einer Ecke, hob ihn einen Zentimeter an und setzte ihn wieder ab.
„Der ist zu leicht.”
„Fünf”, sagte Jeck. „Nicht sechs.”
Sie drehte die beiden Schrauben heraus, nahm den Deckel ab und griff hinein. Was sie heraushob, tropfte. Sie drehte den Block einmal in der Hand, sah auf die obere Kante und setzte den Daumennagel dagegen.
Danach sah sie hoch.
„Wie lange hat der trocken gestanden?”
„Er war heute Morgen kurz an der Luft”, sagte Jeck.
Nowak sah ihn nicht an. Sie sah auf die Kante.
Da sagte Mox es.
„Neun Stunden. In einer Laube aus geteerter Pappe, bei Sonne, auf einem Jutesack. Wir haben ihn gegen halb vier wieder untergesetzt. Vier Kannen, bis das Blech überlief.”
Jeck bewegte sich nicht. Kerstin sah kurz auf und dann wieder weg.
Nowak legte den Block zurück ins Wasser.
„Gut.”
„Ändert es was?“, fragte Mox.
„Ja.” Sie setzte den Deckel auf und drehte die Schrauben handfest, jede zwei Umdrehungen. „Er kommt nicht mehr in eine Wanne. Er geht heute Nacht weg, und er geht woandershin als vorher.”
Wohin, sagte sie nicht, und gefragt hat auch keiner.
„Und der sechste?”
„Der ist nicht hier”, sagte Mox. „Aber es steht einer neben Ihnen, der weiß, wo er ist.”
Die Beifahrertür ging auf.
Odenthal kam heraus, langsam, eine Hand am Dach, und blieb zwei Schritte vor der Pritsche stehen. Er sah das Fass an und dann sie.
„Ich hab einen mitgenommen”, sagte er. „Im Februar, gleich am Anfang. Ich wollte wissen, was ich da habe.”
„Zu wem?”
„Der Mann meiner Schwester. Ludger. Instandhaltung, drüben auf dem Chemiepark.”
„Nass?”
„Im Eimer, mit Deckel. Ich hab ihm gesagt, er soll ihn nass halten.”
„Und?”
„Er hat gesagt, er guckt sich das an.” Odenthal hielt sich am Kotflügel fest. „Er hat nie wieder davon angefangen. Ich auch nicht.”
Nowak stand still.
„Sieben Monate”, sagte sie. Dann, leiser: „Nein. Läge der trocken, wüsste ich es. Vier Kilo merkt man.”
„Also hält ihn einer nass”, sagte Jeck.
„Wer nass hält, weiß, was er hat.”
Mox sah Odenthal an und stellte die Frage nicht, die dazugehörte. Am Mittwochabend hatte der Mann sich seinen alten Kittel geholt, weil ihm jemand gesagt hatte, dass es losgeht. Am Samstagabend hatte jemand bei ihm geklingelt und nach dem Werk gefragt. Dazwischen lagen drei Tage und einer, der seit Februar wusste, was in einem Eimer stand.
Nowak zog das Bündel aus der Innentasche und zählte ab. Sie legte es Jeck in die Hand, nicht auf eine Fläche.
„Fünf statt sechs”, sagte Jeck.
„Er ist nass, und ich stehe davor. Das war die Abmachung.”
Dobs und Jeck hoben den Kasten auf die Pritsche und ließen ihn in das Fass. Das Wasser stieg bis unter den Rand und stand dann.
Nowak sah noch einmal zu Odenthal, der immer noch am Kotflügel hing.
„Nehmen Sie den mit?”
„Ja”, sagte Kerstin.
Nowak stieg ein und zog die Tür zu. Durch das offene Fenster kam noch ein Satz.
„Dann behalten Sie ihn auch.”
Der Pritschenwagen fuhr rückwärts aus der Durchfahrt und nahm die erste Straße nach links.
Jeck sah ihm hinterher und zählte dabei das Geld in seiner Hand durch, ohne hinzusehen.
„Sie hätte es nicht gemerkt.”
„Sie hatte den Daumen schon auf der Kante”, sagte Mox.
Jeck steckte das Bündel weg.
Kerstin fuhr Odenthal weg und war um zwanzig nach zehn zurück. Pension am Bahnhof, drei Wochen bar im Voraus, Zimmer nach hinten raus, sein Name kam auf keinen Zettel. Von den zehn waren damit knapp neun übrig.
Sie setzte sich an den Tisch und legte den linken Arm darauf. Das Geschirrtuch war steif geworden und an einer Stelle wieder dunkel.
Mox holte den Karton von Halm aus dem Schrank, stellte ihn auf den Tisch und schnitt das Klebeband auf. Dann schob er ihn über die Platte, statt hineinzugreifen.
Kerstin sah den Karton an. Dann sah sie ihn an.
Dann hielt sie ihm den Arm hin.
Er machte den Knoten auf, nahm das Tuch ab und legte die Kompresse auf, und es dauerte lange, weil er jede Lage einzeln zog. Sie hielt den Arm still, bis er fertig war. Sie zog ihn kein einziges Mal weg.