Kapitel 080 — Frühstück bis neun
Am Montag hatte niemand etwas zu tun, und das hielt bis halb zehn.
Dobs schlief noch, quer über der Matratze in der hinteren Kammer, einen Fuß auf dem Boden. Kerstin stand am Fenster, weil man von dort die Durchfahrt sah. Mox hatte Kaffee gemacht, der zu dünn geraten war, und getrunken wurde er trotzdem.
Jeck legte die Quittung der Pension auf den Tisch, damit sie irgendwo lag.
„Drei Wochen sind bezahlt”, sagte er. „Bar. Auf dem Zettel steht kein Name.”
„Und danach?” Dobs stand in der Tür, barfuß, die Decke über der Schulter.
„Danach ist er ein Mann in einer Pension, für die keiner mehr zahlt.”
„Dann zahlen wir weiter”, sagte Kerstin.
„Bis wann?”
Sie drehte sich nicht um. Draußen rollte etwas durch die Straße, Diesel, langsam, und sie sah hinterher, bis es weg war.
„Weiß ich nicht.”
„Das ist der Punkt.”
„Ich weiß, was der Punkt ist.”
Mox stellte die Kanne zurück auf die Platte.
„Fahrt hin und fragt ihn.”
„Was?”
„Was er vorhat.” Mox setzte sich. „Ihr redet seit gestern Abend über den Mann, und seitdem war keiner von euch bei ihm.”
Zwischen ihnen stand noch etwas anderes seit gestern Abend. Neun Stunden, laut gesagt vor einer zahlenden Frau, ohne Absprache und ohne eine Erklärung hinterher. Jeck hatte die Frage nicht gestellt. Er stellte sie auch jetzt nicht, nahm den Autoschlüssel von der Anrichte und ging.
Die Pension lag in einer Seitenstraße hinter dem Bahnhof, zwischen einem Wettbüro und einem Laden, der seit Jahren dieselben Koffer im Fenster stehen hatte. Unten stand eine Frau hinter einer Theke und sah in einen kleinen Fernseher, auf dem nichts lief, was sie interessierte.
„Vier”, sagte Jeck. „Ich bin der Neffe.”
„Frühstück bis neun.” Sie sah nicht hoch. „Besuch bleibt nicht über Nacht.”
Das Treppenhaus roch nach Bohnerwachs und kaltem Rauch. Vier lag im ersten Stock nach hinten, mit einem Fenster auf die Gleise, und Odenthal saß auf der Bettkante, die Schuhe an. Das Bett war gemacht. Er hatte nichts auszupacken gehabt.
Jeck stellte eine Tüte neben ihn. Rasierzeug, zwei Paar Socken, ein Kamm, alles vom Kiosk unten am Bahnhof.
Odenthal sah hinein und stellte die Tüte auf den Boden.
„Waren die noch mal bei mir?”
„Wir wissen es nicht. Wir stehen da nicht.”
„Nein.” Er rieb sich mit dem Handballen über den Oberschenkel. „Kostet ja auch was.”
Jeck setzte sich auf den zweiten Stuhl.
„Ich kann Ihnen einen Namen machen. Das ist kein Gerede. Meldeadresse in Krefeld oder Duisburg, ein Zimmer, das keiner nachschlägt, Papiere, die eine Kontrolle aushalten. In zehn Tagen sind Sie jemand anders, und die beiden aus Ihrer Küche können suchen, solange sie wollen.”
Den Satz hatte er oft gesagt. Er stimmte auch fast immer.
Odenthal hörte ihn zu Ende an, was die wenigsten taten.
„Und die Rente?”
„Was für eine Rente?”
„Ich hab einen Vorgang laufen.” Der Satz gehörte zu seinen Personalien. „Seit März. Die Berufsgenossenschaft hat mich zweimal untersuchen lassen, und die dritte ist die, die zählt. Dienstag in zwei Wochen, morgens um halb neun, drüben in Düsseldorf.”
„Und wenn Sie nicht hingehen?”
„Dann ist es abgelehnt, und ich fang von vorne an.” Er sah auf seine Hände. „Ich fang nicht mehr von vorne an.”
Jeck ging es trotzdem durch, Stück für Stück, und an jeder Stelle stand dasselbe. Ein neuer Name hieß, dass der Vorgang starb. Mit dem Vorgang starb die Kasse, mit der Kasse der Arzt, und mit dem Arzt das, was in der Schachtel war.
„Wie viel haben Sie noch?”
Odenthal zog eine flache Schachtel aus der Hosentasche und legte sie neben sich, ohne sie aufzumachen.
„Bis Donnerstag. Ich teile sie seit Freitag.”
Er machte keine Geschichte daraus. Er sagte es und wartete, ob noch etwas kam.
„Das kriegen wir”, sagte Jeck. „Ohne Rezept, aber Sie kriegen es.”
„Von wem?”
„Von einem, der Sie nichts fragt.”
Odenthal sah die Schachtel an, dann steckte er sie wieder weg.
„Gut.”
„Und Geld können wir Ihnen mitgeben.”
„Wofür denn.” Es war keine Frage. „Ich sitz hier. Frühstück ist dabei.”
Jeck hatte in elf Jahren an die vierzig Leute zu jemand anders gemacht, und es hatte fast immer funktioniert, weil fast alle etwas hinter sich lassen wollten. Vor ihm saß einer, der nichts hinter sich lassen konnte. Alles, was der Mann in seinem Leben noch bekam, hing an einem Namen, den man nachschlagen konnte, und ablegen konnte er ihn nur, indem er sich selbst ausräumte. In Weckhoven saßen zwei Leute, die nirgends standen, und Jeck hatte das nie für einen Mangel gehalten. Jetzt sah er sich das andere Ende an.
Draußen fuhr ein Zug durch, ohne zu halten. Das Fenster klapperte in der Angel und wurde wieder still.
„Sie können hier nicht drei Wochen auf einer Bettkante sitzen”, sagte Jeck.
„Ich sitz auch zu Hause.” Odenthal drehte den Kopf zum Fenster. „Da liegt bloß die Post anders.”
Er ließ eine Weile vergehen.
„Haben Sie was zu schreiben?”
Jeck gab ihm den Stift. Odenthal nahm die Preisliste vom Nachttisch, drehte sie um und schrieb eine Nummer darauf, langsam, mit großen Ziffern, und setzte den Stift zwischen den Zahlen zweimal ab.
„Meine Schwester hat Freitag Geburtstag. Rufen Sie da an und sagen Sie, es ist nichts.”
„Und wer bin ich?”
„Ein Kollege.” Er hielt ihm das Blatt hin. „Sie fragt nicht weiter. Sie hat noch nie weitergefragt.”
Jeck nahm es. Die Vorwahl war nicht die von Neuss.
Zu dem Apparat, der bei dieser Nummer klingelte, gehörte ein Haus, und in dem Haus wohnte der Mann aus der Instandhaltung, der seit Februar wusste, was er da hatte, und der es sieben Monate lang niemandem gesagt hatte.
Odenthal hatte das nicht mitgedacht. Er hatte an einen Geburtstag gedacht.
„Freitag”, sagte Jeck.
„Abends. Vormittags ist sie einkaufen.”
Unten lief der Fernseher immer noch ohne Ton. Die Frau hinter der Theke sah kurz hoch und dann wieder weg, und damit war der Neffe abgehakt.
Auf dem Vorplatz war es hell und windig. Zwischen Bahnhof und Taxistand stand ein Mann und verkaufte gebratene Nüsse, und es roch bis zur Straße hinüber.
Jeck hatte eine Innentasche für alles, was zu einer Arbeit gehörte. Er benutzte sie seit Jahren, ohne darüber nachzudenken.
Die Preisliste steckte er in die andere.