▌ Gruel's StorytimeA continuing story, one chapter at a time.
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Kapitel 081 — Eine Person

Brandt stapelte Leergut im Hof hinter der Schleuse und hörte damit nicht auf, als sie durch das Tor kam.

„Allein?”

„Ja.”

Er schob eine Kiste auf die nächste, bis die Ecken bündig standen.

„Drei Sachen liegen da. Zwei am Becken.”

„Becken ist zu.”

„Deshalb liegen sie.”

Kerstin wartete. Bei Brandt kam der Rest, wenn man ihn nicht holte.

„Der Dritte will keine Ware.” Er richtete sich auf und wischte die Hände an der Hose ab. „Der will, dass eine Person übermorgen an einem bestimmten Ort ist. Elf Uhr, Düsseldorf.”

„Wer ist die Person?”

„Frag ihn.”

„Was zahlt er?”

„Zwanzig.”

Sie sah ihn an. Zwanzig war die Zahl für eine Woche Arbeit mit Vorbereitung, nicht für zwei Stunden Fahrt in eine Stadt, in die stündlich eine Bahn ging.

„Für zwei Stunden?”

„Für zwei Stunden, in denen sie drin ist.” Er nahm die nächste Kiste. „Und er redet mit einer Person. Kommt ihr zu zweit, redet er mit keiner.”

„Warum?”

„Ist seine Bedingung. Nicht meine.”

„Wo?”

„Heute um zwei. Kegelbahn unter der Gaststätte Rütten, Holzheim. Er hat den Keller für zwei Stunden gemietet, und das ist ungefähr alles, was ich von dem Mann weiß.” Er stellte die Kiste ab. „Mehr will ich auch nicht wissen.”

Drei Wochen Pension waren bezahlt. Danach stand nichts da, und den Satz, dass weitergezahlt wird, hatte sie am Montag selbst gesagt. Sie fuhr nach Holzheim.


Der Keller roch nach Öl und altem Bier. Zwei Bahnen, dahinter die Aufsetzer im Dunkeln, an der Wand ein Schrank mit Wimpeln, auf denen Jahreszahlen aus dem letzten Jahrhundert standen. Nur die Neonröhre über der ersten Bahn brannte.

Der Mann saß auf der Bank am Anlauf, einen Block auf den Knien, und stand auf, als sie die Treppe herunterkam.

„Sundermann. Den Raum hab ich bekommen, ausgesucht hab ich ihn nicht.”

Er setzte sich wieder, schrieb etwas auf den Block und las es dann vor.

„Sind Sie die, die es macht, oder die, die es bespricht?”

„Beides.”

Er schrieb die Antwort auf. Dann die nächste Zeile, dann las er sie vor.

„Wäre es möglich, dass eine Frau am Donnerstag um elf Uhr in einem Kontorhaus an der Cecilienallee ist und dort zwei Stunden bleibt?”

„Kommt drauf an, wo sie vorher ist.”

„Erfttal. Sie wohnt allein.” Er blätterte nicht, er wusste es. „Marion Erkens, siebenundvierzig. Sie arbeitet seit anderthalb Jahren nicht mehr.”

„Was macht sie da um elf?”

„Anwesend sein.” Sundermann sah kurz hoch. „Sagen muss sie nichts. Sie muss da sein.”

„Und wenn sie um fünf nach elf da ist?”

„Dann ist es nichts wert, und ich soll Ihnen sagen, dass das kein Verhandeln ist, sondern eine Uhrzeit.”

Er schrieb wieder. Kerstin ging zwei Schritte an der Bahn entlang und blieb stehen, wo sie sein Gesicht im Licht hatte.

„Wer will nicht, dass sie hinkommt?”

„Darauf soll ich nichts sagen.”

„Dann sage ich nichts zu.”

Sundermann schrieb ihre Frage auf und setzte einen Strich davor. Er war der Erste seit langem, der bei so einem Gespräch etwas mitschrieb, ohne sich dabei größer zu machen. Wer Notizen führt, hat einen, dem er sie zeigt.

„Ich kann sagen, was ich sagen darf. In der Wohnung war jemand, das war im Juli. Es ist nichts weggekommen, und es hat keine Anzeige gegeben. Seitdem geht sie einmal die Woche einkaufen, samstags, immer im selben Laden an der Bushaltestelle.”

„Woher wissen Sie das?”

„Weil es jemand aufgeschrieben hat”, sagte Sundermann. „Ich weiß nicht, wer. Ich krieg die Blätter.”

„Wer bezahlt Sie?”

„Eine Frage weiter, als ich beantworten darf.”

„Wer bezahlt mich?”

„Sechs liegen bei Ihrem Mann am Hafen, sobald Sie zusagen. Vierzehn, wenn sie um elf im Haus steht.” Er drehte den Block um. „Und eine Bedingung, die ich vorlesen soll, weil sie wörtlich gilt: Frau Erkens erfährt nicht, wer zahlt. Auch nicht, dass jemand zahlt.”

„Sie soll nicht wissen, warum sie da hingeht.”

„Sie weiß, warum sie da hingeht. Sie soll nicht wissen, wer will, dass sie es tut.”

Kerstin dachte das durch, bis sie die Stelle gefunden hatte, an der es hakte.

„Und wenn sie nicht mitkommt?”

Sundermann schrieb es auf, langsam, Wort für Wort, und drehte den Block dann so, dass sie es lesen konnte. Der Satz stand schon einmal weiter oben auf dem Blatt, in derselben Handschrift, mit einem Strich davor.

„Das ist die Frage, die ich mitbringen sollte”, sagte er. „Ich hab sie mir selbst schon aufgeschrieben.”

„Ich will die Adresse.”

Er gab sie ihr, ohne nachzufragen, und packte den Block ein.


In Weckhoven las Jeck den Zettel zweimal und legte ihn hin.

„Zwanzig dafür, dass eine Frau in einem Zimmer steht.”

„Einer, dem das Zimmer ohne sie nichts nützt”, sagte Mox.

Dobs kam vom Fenster her an den Tisch. „Soll ich gucken, wem das Haus gehört?”

„Das Haus interessiert mich nicht”, sagte Jeck. „Guck, wer da am Donnerstag um elf eingetragen ist. Und wer nicht kommt, wenn sie kommt.”

Kerstin sagte, dass sie noch nicht zugesagt hatte.

„Warum nicht?”

„Weil ich sie noch nicht gesehen hab.”

Niemand sprach den anderen Termin aus. Der stand in zwei Wochen, halb neun, auch in Düsseldorf, und dafür zahlte keiner etwas.


In Erfttal wurde es früh dunkel zwischen den Blocks. Sie stellte den Wagen zwei Straßen weiter ab und ging zu Fuß.

Das Haus hatte elf Etagen und einen offenen Vorbau vor der Haustür, in dem die Deckenlampe fehlte. Drei Jugendliche saßen auf der Mauer gegenüber und sahen kurz her, weil eine Frau kam, die nicht ins Haus wollte. Sie ging an ihnen vorbei und tat nichts, was man sich merkt.

In den unteren Etagen brannte hinter jedem zweiten Fenster Licht. Im achten war es dunkel, und die Gardine hing zu, obwohl an diesem Abend niemand mehr hineinsehen konnte.

Die Klingelleiste war aus Aluminium, sechsunddreißig Schlitze, die meisten mit gedruckten Schildern, ein paar handgeschrieben. Sie schaltete die Restlichtverstärkung zu, und das Grau im Vorbau wurde flach und lesbar.

Über dem achten Schlitz von unten klebte ein Streifen weißes Band, quer, ohne Schrift darauf.

Die Kanten waren grau und an einer Seite eingerissen. Das Band hing dort seit Wochen, vielleicht seit Juli.

Irgendwer hatte den Namen von der Tür genommen, lange bevor irgendwer zwanzig dafür geboten hatte, dass die Frau am Donnerstag um elf in einem Haus in Düsseldorf steht.