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Kapitel 082 — Wer den Brief abholt

Um halb zwölf brannte im Haus in Weckhoven nur noch die Küchenlampe. Dobs hatte den Tisch leer geräumt bis auf das Kabel von seiner Buchse zur Dose neben dem Herd. Kein Aufbau, kein Gerät, das warm wird. Er machte die Augen zu und war drin, und die Küche blieb zurück.

Das Kontorhaus an der Cecilienallee kostete ihn zehn Minuten. Fünf Messingschilder neben dem Eingang, vier Kanzleien und im zweiten Stock eine Hausverwaltung: Bergerhoff & Partner, Verwaltung von Wohnungseigentum. Ihre Termine lagen offen, weil sie offen liegen mussten. Wer eine Versammlung einberuft, muss dazuschreiben, wo sie stattfindet.

Donnerstag, elf Uhr, Kontor 2. Eigentümerversammlung der Gemeinschaft Bergheimer Straße 40–44, Neuss-Erfttal.

Dobs blieb auf der Zeile stehen und las sie zweimal, und dann fing die Arbeit an, die er wirklich konnte.

Sechsundneunzig Einheiten, elf Etagen, Baujahr vierundsiebzig. Einundachtzig Wohnungen standen auf einer Gesellschaft aus Düsseldorf, die seit vier Jahren kaufte, immer einzeln, immer nach einem Sterbefall oder einer Zwangsversteigerung. Elf gehörten Leuten, die nicht mehr dort wohnten und ihre Adresse in Spanien hatten. Vier gehörten Menschen, die im Haus wohnten. Einer davon war Erkens, Marion, achter Stock, sechsundfünfzig Quadratmeter, seit einundfünfzig.

Der Punkt, um den es ging, stand als Nummer sieben auf der Tagesordnung: Beschlussfassung über die Veräußerung des gemeinschaftlichen Grundstücks. Drei Viertel der Stimmen, so stand es in der Teilungserklärung, und die Teilungserklärung war von vierundsiebzig und sagte in einem Nebensatz, dass nach Köpfen abgestimmt wird.

Dobs rechnete es zweimal durch, weil er es nicht glauben wollte.

Fünf Köpfe. Die Gesellschaft mit ihren einundachtzig Wohnungen war einer davon. Die Spanier waren keiner, weil sie nichts mehr geschickt hatten, seit sie weg waren. Blieben vier Menschen im Haus und eine Firma, und drei Viertel von fünf sind vier.

Er ging die anderen drei durch. Zwei hatten im Frühjahr eine Vollmacht bei der Verwaltung hinterlegt, das stand in der Einladung als Fußnote. Der dritte war seit März im Heim in Grevenbroich.

Blieb der achte Stock.

Danach wollte er die Liste, auf der stand, wer für Donnerstag als vertreten geführt wird, und dafür musste er an den Anschluss der Verwaltung selbst. Er machte es sauber, langsam, über eine Leitung, die einer Kanzlei im dritten Stock gehörte und ihn nichts anging.

Die Tür war zu. Das war nichts Besonderes, Türen sind meistens zu.

Dann kam etwas zurück.

Es war nicht laut und es tat nicht weh. Es legte sich auf ihn, geduldig und gründlich, und suchte den Weg, auf dem er gekommen war, und es fand die Kanzlei im dritten Stock in weniger Zeit, als er dafür gebraucht hatte, hineinzukommen. Dobs riss sich los und war draußen, bevor er entschieden hatte, dass er rausging.

Die Küche war noch da. Der Kühlschrank lief. Auf der Uhr am Herd stand null Uhr vierzig.

Er saß eine Weile und hörte, wie sein eigenes Blut in den Ohren dünner wurde. So etwas hatte am Zaun noch keiner auf ihn gelegt. Am Zaun bellte es, wenn man wo war, wo man nicht hingehörte. Das hier hatte ihm beim Rausgehen zugesehen.

Dann ging er den Weg, den er von Anfang an hätte gehen sollen, weil er billiger war und weil ihn niemand bewachte: nicht die Verwaltung, sondern die Post.

Einladungen zu einer Eigentümerversammlung gehen als Einschreiben raus, sonst zählen sie nicht. Einschreiben haben Nummern, und Nummern haben eine Geschichte. Die Sendung an Erkens, Marion, Bergheimer Straße 42, war am zwölften August eingeliefert und am dreizehnten zugestellt worden. Zugestellt hieß in diesem Fall: nicht angetroffen, Benachrichtigung eingeworfen, Sendung in der Filiale hinterlegt.

Abgeholt am vierzehnten August, zehn Uhr zwölf, Filiale Erfttal. Abholung durch Bevollmächtigten. Feld daneben: Kentrup, R.

Dobs suchte den Namen und fand ihn dreimal in derselben Minute. Kentrup, Rudolf, dritter Stock, Eigentümer seit zweiundvierzig, seit vier Jahren Verwaltungsbeirat der Gemeinschaft. Und im Vorgang zur Versammlung im März stand dieselbe Zeile: Einschreiben an Erkens, hinterlegt, abgeholt durch Bevollmächtigten, Kentrup, R.

Er zog sich das Kabel aus der Buchse, ging zum Fenster und machte es auf, obwohl es kalt war.


Am Mittwochmorgen saßen sie um denselben Tisch, auf dem nachts das Kabel gelegen hatte. Jeck hatte Kaffee gemacht, Mox stand an der Spüle, Kerstin war schon angezogen, um zu fahren.

„Es ist kein Termin”, sagte Dobs. „Es ist eine Abstimmung. Das ganze Haus soll verkauft werden, sechsundneunzig Wohnungen, und dafür brauchen sie drei Viertel.”

„Und sie hat wie viel?“, fragte Jeck.

„Eine Stimme. Genau wie die Firma mit den einundachtzig Wohnungen. Das Papier ist von vierundsiebzig, da hat man nach Köpfen gezählt. Fünf Köpfe, vier müssen ja sagen. Drei haben sie schon.”

Kerstin stellte die Tasse ab, ohne getrunken zu haben.

„Sie muss nichts sagen”, sagte sie.

„Nein. Sie muss nur da sein.” Dobs schob den Zettel über den Tisch, auf dem er es nachts noch mal für sich aufgeschrieben hatte, weil er es sonst nicht geglaubt hätte. „Wenn sie im Raum steht, ist jede Vollmacht in ihrem Namen wertlos. Dann fehlt der vierte Kopf, und Punkt sieben fällt durch. Deshalb kostet es zwanzig, und deshalb ist es um fünf nach elf nichts mehr wert.”

„Wer hat die Vollmacht?“, fragte Jeck.

„Das weiß ich nicht. An die Liste komm ich nicht ran.” Er sagte den Rest gleich hinterher, weil er ihn sonst nicht mehr gesagt hätte. „Ich hab’s versucht. Da sitzt was drauf, das nicht aus Neuss ist. Ich war zwei Sekunden drin und der Weg zurück war schon offen, als ich ihn genommen hab. Die wissen jetzt, dass gestern Nacht um zwanzig vor eins jemand nachgesehen hat.”

Jeck sah ihn an, eine Sekunde länger als nötig.

„Aber ich weiß, wer ihre Einschreiben abholt”, sagte Dobs. „Seit dem Frühjahr. Ein Kentrup aus dem dritten Stock, Verwaltungsbeirat, wohnt vier Etagen unter ihr. Zweimal, beide Male mit schriftlicher Vollmacht, beide Male die Einladung zu einer Versammlung.” Er sah auf den Zettel und nicht auf die anderen. „Ich weiß nicht, wer am Donnerstag nicht kommt. Ich weiß, wessen Blatt wertlos wird, wenn sie kommt.”

Mox drehte den Wasserhahn zu. „Im Juli war jemand in der Wohnung, und es hat nichts gefehlt.”

„Ja”, sagte Dobs.

Jeck stand auf und zog die Jacke vom Stuhl. „Sag Brandt, wir machen es. Die sechs kann er liegen lassen, bis wir zurück sind, aber zugesagt ist zugesagt.” Zu Kerstin: „Und an ihre Tür geht einer, der nicht aussieht, als käme er von der Verwaltung.”

Kerstin nahm den Schlüssel. „Sie geht samstags einkaufen. Heute ist Mittwoch. Wir kriegen sie nur zu Hause.”

„Dann zu Hause.”

Dobs blieb sitzen, bis sie an der Haustür waren, und dann sagte er die Frage doch noch, weil sie ihm seit halb eins in der Nacht im Weg lag.

„Der Brief ist nie bei ihr angekommen. Woher weiß der, der zahlt, dass sie weiß, warum sie da hingehen soll?”