▌ Gruel's StorytimeA continuing story, one chapter at a time.
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Kapitel 083 — Zwei Stunden offen

Kerstin hielt an der Wendeschleife, wo der Bus drehte, und ließ den Motor laufen.

„Wie lange?”

„Bis sie aufmacht.”

„Und wenn sie nicht aufmacht?”

„Dann länger.”

Sie stellte den Motor ab und schob den Sitz zwei Rasten zurück. Damit war es besprochen.

Mox ging hinten herum, an den Containern vorbei, wo eine Reihe Fahrräder ohne Vorderräder am Zaun hing. An der hinteren Tür kam eine Frau mit einem Wäschekorb heraus. Er hielt ihr die Tür auf, sie sagte danke, und er war drin. Er trug nichts bei sich, was man ihm hätte abnehmen können, und nichts, was ihn irgendwo einordnete. Das war seit Jahren die eine Hälfte seines Berufs.

Der Aufzug roch nach kaltem Rauch und Wischwasser. Im achten Stock brannte jede zweite Deckenlampe. Vier Türen, hinter einer sang jemand mit einem Radio mit. Im Halter neben Erkens’ Klingel steckte ein Stück Zeitungspapier, weiß nach außen gefaltet.

Er klingelte nicht. Klingeln ist etwas, das Ämter tun. Er klopfte zweimal flach mit der Hand gegen das Türblatt und wartete.

Nichts.

Er setzte sich auf die unterste Stufe der Treppe zum neunten Stock, dorthin, wo man ihn vom Türspion aus sehen konnte, und legte die Unterarme auf die Knie.

Nach einer Weile sah er hin. Wahrnehmen kostete ihn nichts; das war die Hälfte, die ihm geblieben war, und er nahm sie dort, wo ihn niemand dafür hielt. Die Farbe ging aus dem Beton, der Flur wurde dünn. In der Wohnung gegenüber lief ein Fernseher vor niemandem.

Hinter Erkens’ Tür stand ein Mensch. Keinen Meter dahinter, seit er geklopft hatte, und ohne sich zu bewegen.

Was da stand, war nicht erschrocken. Es war wach. Es war seit Wochen wach.

Mox ließ es wieder los, lehnte den Kopf ans Geländer und redete in Richtung Tür, ohne aufzustehen.

„Ich bin nicht von der Verwaltung.”

Der Fernseher gegenüber lachte.

„Ich bin auch nicht von der Gesellschaft, die hier die Wohnungen kauft. Ich hab keinen Ausweis dabei, und ich will nicht rein.”

Er hörte das Schloss, bevor er hörte, dass jemand sich bewegt hatte. Die Tür ging auf, so weit die Kette es zuließ. Der Spalt war eine Handbreit, und in dem Spalt stand eine Frau in Straßenschuhen, mitten am Nachmittag, in einer Wohnung, aus der sie nicht hinausging.

„Was wollen Sie?”

„Mit Ihnen reden. Von hier aus.”

„Über?”

„Donnerstag.”

Sie ließ die Hand am Türrahmen und nahm sie den Rest des Gesprächs nicht mehr weg.

„Ich hab im März angerufen”, sagte sie. „Viermal. Beim vierten Mal ist einer drangegangen und hat gesagt, ich soll es schriftlich machen. Ich hab es schriftlich gemacht, im April, mit Rückschein. Der Rückschein ist da, die Antwort nicht. Im Mai bin ich hingefahren, Cecilienallee, zweiter Stock. Mittwochs ist da zu.”

„Und die Einladungen?”

„Welche Einladungen.”

„Zu den Versammlungen. Die gehen als Einschreiben raus, sonst gelten sie nicht.”

Sie sah ihn an und ließ sich Zeit damit, an etwas zu denken, das er nicht sehen konnte.

„Rechnungen kommen”, sagte sie. „Werbung kommt.”

„Die Einschreiben sind zugestellt worden. Sie waren beide Male nicht zu Hause, im März und im August. Sie sind hinterlegt und in der Filiale abgeholt worden, mit schriftlicher Vollmacht. Von einem Kentrup aus dem dritten Stock.”

Es blieb still. Unten fuhr der Bus an.

„Woher wissen Sie das?”

„Nachgesehen”, sagte Mox. „Ohne Sie zu fragen.”

Die Tür ging zu.

Er blieb sitzen. Er hatte gewusst, was der Satz kostet, und er hatte ihn trotzdem gesagt, weil das Gegenteil ihn mehr gekostet hätte: Erkens hätte ihn nach zwei glatten Auskünften in dieselbe Schublade gelegt wie den Rest. Er zählte die Fahrten des Aufzugs. Beim vierten machte sie wieder auf.

„Sie sind der Dritte in diesem Jahr, der in meinen Sachen liest.” In ihrer Stimme war keine Wut, nur die Reihenfolge. „Der vom Beirat war der Erste. Im Juli war einer hier drin, während ich unten in der Waschküche war. Vierzig Minuten. Es hat nichts gefehlt.”

„Gar nichts?”

„Der Ordner mit dem Hausgeld lag falsch herum. Ich leg den nicht falsch herum.”

„Nein.”

„Seitdem steht mein Name nirgends mehr, wo einer ihn liest.” Sie zog die Schultern hoch und ließ sie wieder fallen. „Wer schickt Sie?”

„Niemand, dessen Namen ich weiß.”

Sie hätte jetzt zumachen können. Er hörte an ihrem Atem, dass sie es überlegte, und dass die Antwort dagegen sprach, weil sie die erste war, an der nichts poliert gewesen war.

„Warten Sie.”

Sie ging weg, ohne die Tür zuzudrücken, und kam mit einem Blatt zurück, das sie durch den Spalt schob. Maschinengeschrieben, oben nichts und unten nichts, dazwischen drei Zeilen.

Donnerstag, 11 Uhr. Cecilienallee, Kontorhaus, Kontor 2, zweiter Stock. Gehen Sie hin. Sie müssen nichts sagen.

„Das lag vor zehn Tagen unter der Tür”, sagte Erkens. „Und seit zehn Tagen überleg ich, wer will, dass ich Donnerstag um elf nicht hier bin.”

Mox las die Zeilen zweimal. Jemand hatte ihr geschrieben, was sie tun soll, und dabei denselben Satz benutzt, den Sundermann in einem Kegelbahnkeller vorgelesen hatte. Der, der zahlte, hatte es also längst selbst versucht, auf dem billigsten Weg, den es gibt — und hatte dabei bei einer Frau angeklopft, die seit Juli jeden anonymen Zettel für dasselbe hielt wie den Ordner, der falsch herum lag.

Er gab ihr das Blatt zurück.

„Beides kann stimmen.”

„Was?”

„Dass da einer will, dass Sie um elf im Raum stehen. Und dass da einer will, dass Sie um elf nicht hier sind. Das müssen nicht dieselben sein.”

„Und woher wollen Sie wissen, welcher von beiden das geschrieben hat?”

„Weiß ich nicht.” Er stand auf, langsam, damit sie ihn dabei ansehen konnte. „Ich weiß, worüber am Donnerstag abgestimmt wird. Über den Verkauf des Grundstücks. Dafür brauchen die drei Viertel der Stimmen, und die Teilungserklärung von vierundsiebzig lässt nach Köpfen abstimmen. Fünf Köpfe. Die Gesellschaft mit ihren einundachtzig Wohnungen ist einer davon, Sie sind einer davon. Vier müssen ja sagen, drei haben sie sicher.”

Erkens stand da und ließ es ankommen. Sie brauchte dafür weniger lang, als er ihr gegeben hätte.

„Ich bin nicht da”, sagte sie. „Ich war noch nie da.”

„Deshalb liegt für Sie eine Vollmacht vor. Wer nicht kommt, wird vertreten, und wer vertreten wird, sagt ja.”

„Ich hab keine Vollmacht gegeben.”

Sie sagte es ohne Nachdruck, und genau deshalb blieb es im Treppenhaus stehen. Mox hatte den ganzen Weg hierher erwartet, dass sie irgendwann sagen würde, sie habe im Frühjahr etwas unterschrieben, um Ruhe zu haben. Es gab keine solche Unterschrift. Es gab nur einen Nachbarn aus dem dritten Stock, der ihre Briefe abholte, und irgendwo im zweiten Stock eines Düsseldorfer Kontorhauses ein Blatt Papier mit ihrem Namen darauf, das sie nie gesehen hatte.

„Nein”, sagte er. „Haben Sie nicht.”

Der Aufzug fuhr an, hielt zwei Etagen tiefer, fuhr weiter. Sie hörten ihn beide bis unten.

„Wenn ich da hingeh”, sagte Erkens, „dann steht meine Wohnung zwei Stunden offen. Drei, mit Hin und Zurück.”

„Ja.”

„Im Juli haben vierzig Minuten gereicht.”

„Ich weiß.”

Sie schob die Tür einen Fingerbreit weiter auf, so weit, wie die Kette es hergab, und mehr wurde es an diesem Nachmittag nicht.

„Ich geh da hin”, sagte sie. „Wenn hier einer sitzt, solange ich weg bin. Ab neun, bis ich wieder in der Tür stehe. Und der macht keinem auf, auch nicht dem vom Beirat.”