Kapitel 084 — Nichtöffentlich
Um zehn vor neun ging die Kette ab, bevor Jeck etwas gesagt hatte.
Erkens stand in der Tür und sah an ihm vorbei auf Mox. „Der Kühlschrank ist voll. Das Telefon steht im Flur. Sie machen keinem auf.”
„Ja.”
„Auch nicht dem aus dem dritten.”
„Auch dem nicht.”
Mox ging an ihr vorbei, sie zog die Tür zu, und damit war er drin und sie draußen. Das Ganze hatte keine halbe Minute gedauert.
Jeck hatte drei Sätze dabei, mit denen man Leute an Wohnungstüren beruhigt. Er brauchte keinen davon. Sie nahm die Treppe, achter Stock bis unten, ohne stehen zu bleiben, und er ging hinterher.
Im Wagen setzte sie sich nach hinten, die Handtasche auf den Knien, den Personalausweis obendrauf. Sie hielt ihn die ganze Fahrt in der Hand.
Kerstin fuhr über die Brücke und dann am Wasser entlang nach Norden. Es war der Vormittag eines Donnerstags, die Straße war leer, und sie waren zwanzig Minuten zu früh.
„Steht mein Name da drin?”
„Ja”, sagte Jeck. „In der Anwesenheitsliste. Wohnungsnummer daneben, Uhrzeit, Unterschrift.”
Erkens sah aus dem Fenster.
Im zweiten Stock roch es nach Filterkaffee. Neben der Tür von Kontor 2 stand ein Stapel Klappstühle, die noch keiner gebraucht hatte, davor ein Aufsteller aus Pappe mit der Bergheimer Straße 40–44 darauf und der Uhrzeit. Am Tisch daneben saß eine Frau mit zwei Listen nebeneinander und einem Kaffee, der schon kalt aussah.
„Erkens”, sagte Erkens.
Die Frau fuhr die erste Liste mit dem Finger ab, fand die Zeile und sah dann in die zweite. „Frau Erkens. Sie sind vertreten.”
„Ich bin da.”
„Das ist natürlich möglich.” Sie legte den Stift hin. „Kalthoff, Objektbetreuung. Dann brauche ich einen Ausweis, das ist bei uns so, weil wir die Vollmachtslage sauber halten müssen.” Sie las den Ausweis, schrieb ab, gab ihn zurück. „Sie sollten wissen, dass sich das zieht. Punkt sieben kommt frühestens gegen halb eins. Die Vollmacht liegt vor, die deckt Sie ab, Sie müssten also gar nicht sitzen bleiben.”
„Ich bleibe.”
„Wie Sie möchten.” Sie schrieb weiter. „Ich schicke Ihnen das Protokoll sowieso zu.”
„Bisher ist nie was gekommen.”
Kalthoff hörte auf zu schreiben, einen halben Atemzug lang, und schrieb dann zu Ende. „Das sehe ich mir an.”
Jeck legte die Hand auf die Stuhllehne neben sich. „Ich bleibe als Beistand dabei.”
„Die Versammlung ist nicht öffentlich. Eigentümer und Bevollmächtigte.” Sie sagte es freundlich, und sie sagte es zum dritten Mal an diesem Vormittag, das hörte man. „Wenn Sie eine Vollmacht haben, nehme ich die gern.”
In seiner Innentasche lag ein Bogen, auf dem oben nichts stand. Er hatte ihn seit Dienstag dabei, aus Gewohnheit, und in vier Minuten hätte er ihn zu etwas gemacht, das durch jede Prüfung an diesem Tisch gegangen wäre. Und wenn Kalthoff ihn genommen hätte, hätte im Raum ein Bevollmächtigter gesessen statt einer Eigentümerin, und der Punkt hätte genau die Frau nicht gehabt, für die zwanzig gezahlt wurden. Zwei Papiere mit falschen Unterschriften an einem Tisch, und das zweite hätte das erste gerettet.
Er ließ den Bogen, wo er war.
„Habe ich nicht”, sagte er.
Erkens ging hinein. Die Tür fiel ins Schloss, und es war zwei Minuten vor elf.
Der Flur war lang und hatte am Ende ein Fenster, aus dem man auf die Bäume der Allee sah und dahinter aufs Wasser. Jeck stellte sich hin und blieb stehen. Vor Kontor 3 schob jemand einen Wagen mit Tassen vorbei. Drinnen redete eine Stimme gleichmäßig, ohne dass ein Wort durchkam.
Um Viertel nach elf ging die Tür auf, und ein Mann kam heraus, dreiundsiebzig vielleicht, mit einer Aktenmappe unter dem Arm, die er nicht aufmachte. Er stellte sich ans andere Ende der Fensterbank und sah hinaus.
„Sie sind aus dem Haus”, sagte Jeck.
„Dritter Stock.” Der Mann sah ihn kurz an. „Sie gehören zu der Erkens.”
„Ich fahre sie.”
„Ach.” Er stellte die Mappe auf die Fensterbank. „Dann sagen Sie ihr mal was. Ich kenne die Frau seit neunzehn Jahren. Neunzehn Jahre. Ich hab ihr die Waschmaschine angeschlossen, als sie eingezogen ist.”
„Kentrup.”
„Ja.” Es kam ohne Zögern, weil sein Name für ihn nichts war, das man beschützen musste. „Sie holt ihre Post nicht. Sie macht nicht auf. Sie geht samstags einkaufen und sonst gar nicht. Und dann kommt eine Einladung, und die liegt drei Wochen im Kasten, und irgendeiner muss das ja machen.”
„Was machen?”
„Dass es weitergeht.” Kentrup drehte die Mappe um neunzig Grad. „Die Gesellschaft kauft mir meine auch ab. Wenn das durchgeht. Steht so im Angebot, seit Februar, ich hab es hier drin.” Er klopfte auf die Mappe. „Ich bin dreiundsiebzig. Ich hab keine zwanzig Jahre mehr, um auf einen Beschluss zu warten. Die Frau hat noch Zeit, die versteht das nur nicht.”
Jeck hätte an dieser Stelle ein Wort sagen können, drei Silben lang, und Kentrup hätte den Rest des Vormittags anders verbracht. Er wusste seit Dienstagnacht, in welcher Filiale die beiden Einschreiben abgeholt worden waren und an welchen Tagen. Er sagte es nicht, weil man dafür hätte sagen müssen, wie man es weiß, und weil ein Mann, der es plötzlich weiß, es weitererzählt.
„Und Sie?“, fragte Kentrup. „Was haben Sie davon, dass die da drinsitzt?”
Es gab zwei Antworten darauf, und beide waren gelogen. Jeck gab keine.
Kentrup nahm die Mappe wieder unter den Arm und ging zurück in den Raum.
Um Viertel nach zwölf lief Jeck die zwei Etagen hinunter, überquerte die Straße und stellte sich in die Zelle an der Ecke. Dobs war nach dem zweiten Klingeln dran.
„Er hat sich um fünf nach halb zwölf gemeldet”, sagte Dobs. „Um zwanzig nach elf waren zwei an der Tür. Geklopft, nicht geklingelt. Elf Minuten, dann sind sie wieder runter. Er ist sitzen geblieben. Gefragt haben sie nicht, ob einer da ist.”
„Sonst?”
„Nichts sonst. Er sitzt im Flur, sagt er. Da sieht man die Tür.”
Jeck legte auf, wartete zehn Sekunden und sah auf die Uhr. Kentrup war seit halb elf in einem Kontorhaus in Düsseldorf. Die zwei am achten Stock waren also andere.
Um vier nach eins ging die Tür auf, und die Leute kamen einzeln heraus. Erkens war die Sechste. Sie hatte den Mantel über dem Arm und ging bis zum Fenster durch, bevor sie stehen blieb.
„Und?”
„Abgesetzt.” Sie sah auf ihre Hände. „Punkt sieben wird vertagt. Nächste Versammlung im November, der Termin kommt schriftlich. Der von der Verwaltung hat gesagt, es sei heute keine tragfähige Mehrheit zu erwarten, und dann sind sie zu Punkt acht.”
„Und Sie waren die ganze Zeit drin.”
„Bis eben.” Sie zog den Mantel gerade. „Ich hab oben auf der Liste unterschrieben. Erkens, achter Stock, elf Uhr. Da stand schon ein Name in meiner Zeile, den haben sie durchgestrichen und mich daruntergeschrieben.”
„Ich muss Ihnen was sagen”, sagte Jeck. „Um zwanzig nach elf waren zwei an Ihrer Tür. Elf Minuten. Es ist keiner reingekommen.”
Erkens hörte es an und sah dabei aus dem Fenster auf die Bäume.
„Zwei”, sagte sie.
„Zwei.”
„Der aus dem dritten war hier.” Sie nahm die Handtasche in die andere Hand. „Dann sind es also mehr, als ich gezählt hab.”
Sie gingen zur Treppe. Auf der ersten Stufe blieb sie noch einmal stehen.
„Einer da drin hat sich gefreut, dass ich reinkomme”, sagte sie. „Der hat’s nicht gezeigt, aber er hat sich gefreut.”
„Wer?”
„Das behalt ich.”
Jeck ging noch einmal in die Zelle an der Ecke und sagte vier Wörter, damit Brandt sie vor drei bekam. Dann kam er zurück über die Straße, wo der Wagen stand und Kerstin schon den Motor laufen ließ.
Kerstin machte ihr die hintere Tür auf. Erkens ging daran vorbei, öffnete die vordere selbst und setzte sich neben sie.