Kapitel 085 — Kammer drei
Der Hof war zu aufgeräumt für einen Betrieb, der seit einem halben Jahr Geld verlor.
Kerstin stellte den Wagen neben einen Anhänger mit abgelassenen Reifen und blieb sitzen, bis sie fertig war. Ein Flachbau im Hammfeld, hinter der Bahn, zwei Rolltore, eins offen. Über dem Tor eine Aufschrift, die einmal blau gewesen war: Broich — Kühl- und Lagerhaus. Ein Stapler stand mit halb angehobener Gabel quer, darunter ein nasser Fleck, der frisch war. Sonst lag auf dem Beton gar nichts. Wo Arbeit ist, sammelt sich in einer Woche mehr an.
„Vierzehn Leute”, sagte Jeck. „Und einer, der fegt.”
„Einer, der Zeit hat.”
Broich kam heraus, bevor sie die Türen zu hatten. Mitte fünfzig, Steppjacke über dem weißen Kittel, ein Handtuch über der Schulter, das er beim Reden von einer Hand in die andere nahm.
„Sie sind zu dritt. Ich hab zwei erwartet.” Er hob gleich die Hand. „Was ich auch nicht wissen kann, ich hab so was noch nie bestellt. Kommen Sie rein, draußen hört mit, wer will. Was auch Unfug ist, hier will keiner.”
Drinnen war es kalt genug, dass man den Atem sah. Zwei Kammertüren links, gepolsterte Flügel mit Schnellläufern davor, aus einer kam ein Mann mit einer Rolle Folie und sah an ihnen vorbei. Rechts eine Wand aus Paletten, Kartons mit Tiefkühlware, alles ordentlich, alles halb leer. Am Ende des Ganges lag die dritte Tür.
Die war zu. Über dem Bügel hing ein Draht mit einer Bleiplombe, daneben klebte ein Aufkleber mit einem Datum vom siebzehnten März und einer Nummer, und darunter ein Zettel in Klarsichthülle, den seit Wochen niemand angefasst hatte.
„Kammer drei”, sagte Broich. „Zweihundert Quadratmeter, das beste Drittel vom Haus. Steht seit März.”
Kerstin blieb zwei Schritte davor stehen. In der Halle waren es sechs Grad. Im Wärmebild hatte die Tür oben, in der Mitte und am Rahmen das Grau der ganzen Halle. Unten nicht. Unter dem Türblatt lief ein dunkler Streifen über den Beton, eine Handbreit hoch, und er lief da schon eine Weile.
Sie trat zurück und behielt es.
„Erzählen Sie’s der Reihe nach”, sagte Jeck.
Broich nahm das Handtuch in die andere Hand.
„Im März ist einer über das Wochenende in der Kammer geblieben. Freitagabend rein, Montagmorgen gefunden. Er hieß Voß, vierundzwanzig, war seit zwei Jahren bei mir.” Den Satz, den er bis dahin an jeden zweiten gehängt hatte, hängte er hier nicht an. Er ging weiter. „Danach kommt das Übliche. Gewerbeaufsicht, Berufsgenossenschaft, Sachverständiger für die Technik. Die Technik ist durch, da hängt nichts mehr dran. Die Versicherung hat trotzdem gesperrt, und die sperrt weiter, bis eine Nachschau vorliegt. Keine technische. Eine astrale.”
„Verlangt die Versicherung das?“, fragte Jeck.
„Steht im Vertrag, seit Vierundfünfzig, Absatz mit drei Nummern. Ich hab dreißig Jahre gezahlt und den Absatz nie gelesen.” Broich lachte einmal kurz durch die Nase. „Und ehrlich gesagt können Sie jetzt sagen, dass das Humbug ist. Sag ich mir morgens auch. Meine Frau sagt es abends. Ändert nichts daran, dass ich zweihundert Quadratmeter nicht vermiete, solange kein Papier da ist.”
„Und das Papier kommt wann?”
„Dienstag. Ihr Gutachter, halb elf, hat sich vor drei Wochen angemeldet. Wenn der was reinschreibt, bleibt die Kammer zu, und dann bleibt sie zu, bis der wiederkommt, und wann er wiederkommt, entscheidet nicht ich.” Er sah zur Tür. „Ich brauch keinen, der mir sagt, dass da nichts ist. Das nützt mir gar nichts. Ich brauch einen, der mir vorher sagt, was der Mann am Dienstag sieht.”
Mox stand die ganze Zeit neben dem Palettenstapel, die Hände in den Jackentaschen, und Broich hatte ihn zweimal angesehen und beide Male wieder Jeck.
„Und wenn da was ist”, sagte Mox.
„Dann sagen Sie mir, was es kostet, dass es Dienstag nicht mehr da ist.” Broich zog die Schultern hoch. „Sie können mich für bescheuert halten. Ich halt mich selber für bescheuert, seit ich beim Telefonieren angefangen hab.”
„Halte ich nicht”, sagte Mox.
Jeck ging langsam an der Wand entlang bis zur Plombe und wieder zurück, und Kerstin sah ihm dabei zu. Er machte das nicht wegen der Plombe.
„Wir verkaufen Ihnen den Blick”, sagte er. „Eine Nacht, unsere Leute, keiner von Ihren im Haus. Was der Blick ergibt, kriegen Sie Samstagfrüh, vollständig, auch wenn es Ihnen nicht gefällt. Was danach nötig ist, kostet extra und wird Samstagfrüh verhandelt, nicht heute.”
„Ich hätte lieber alles in einem Preis.”
„Sie hätten lieber ein Ergebnis in einem Preis. Ergebnisse verkaufe ich nicht.”
Broich sah ihn an, und für einen Moment war das Handtuch still. „Das ist die erste vernünftige Antwort, die ich diese Woche kriege. Was kostet der Blick?”
„Zwölf. Sechs jetzt, sechs Samstagfrüh.”
„Zehn.”
„Zwölf. Sie zahlen dafür, dass Samstagnacht drei Leute in einem versiegelten Raum stehen, in dem im März einer gestorben ist, und dass Ihr Gutachter am Dienstag an dem Siegel nichts findet.”
Broich nahm das Handtuch von der Schulter, faltete es zweimal und legte es auf einen Karton. Dann ging er in sein Büro und kam mit einer Blechkassette zurück. Er zählte auf dem Kassettendeckel ab, zählte den Stapel danach ein zweites Mal durch und gab ihn Jeck.
„Samstag um wie viel?”
„Dreiundzwanzig Uhr”, sagte Kerstin. „Und ab zweiundzwanzig ist keiner mehr auf dem Hof. Auch nicht Sie.”
„Ich bin sonntags immer hier.”
„Sonntags gern.”
Broich sah sie an, und diesmal sah er nicht gleich wieder zu Jeck.
Auf dem Rückweg zum Tor blieb Mox bei der dritten Tür stehen. Broich merkte es und stellte sich sofort daneben.
„Wollen Sie jetzt schon mal —”
„Nein.”
„Es ist doch keiner —”
„Sie sind einer.” Mox ging weiter. „Samstag.”
Kerstin ließ die beiden vorgehen und drehte sich an der Rampe noch einmal um. Der dunkle Streifen unter der Tür lag da, wo er gelegen hatte, in einer Halle, in der es überall gleich kalt war und hinter dieser einen Tür kälter.
Im Wagen wartete sie, bis sie an der Bahnunterführung standen.
„Die Kammer läuft.”
Jeck sah zu ihr rüber. „Er hat gesagt, seit März abgestellt.”
„Er hat gesagt, sie steht seit März. Das ist was anderes. Da geht Kälte unter der Tür durch, und zwar nicht seit gestern.” Sie fuhr an. „Entweder er weiß es, dann hat er uns zwölf für etwas gegeben, das er selber aufmachen könnte. Oder er weiß es nicht.”
Eine Weile sagte keiner was.
„Samstagnacht”, sagte Jeck dann, nach hinten, ohne sich umzudrehen. „Und wenn da was drin ist?”
„Dann hol ich’s raus.”