Kapitel 086 — Spannungsfrei
Jeck brauchte vier Sätze für den Auftrag und einen halben für den Rest.
„Kühlhaus im Hammfeld, Broich. Vierzehn Leute, drei Kammern. Kammer drei ist seit dem siebzehnten März plombiert, im März ist einer darin geblieben. Die Versicherung will eine astrale Nachschau, bevor sie wieder aufmacht, ihr Gutachter kommt Dienstag um halb elf. Samstagnacht gehört uns das Haus.”
„Und der halbe?”
„Kerstin sagt, die Kammer läuft.”
Dobs saß im Schneidersitz auf der Matratze und hatte das schon durchgerechnet, bevor Jeck die Jacke am Nagel hatte. Eine plombierte Kammer hat die Temperatur der Halle drumherum. Eine, die läuft, hat einen Vertrag, einen Zähler und irgendwo einen Menschen, der unterschreibt.
„Was soll ich holen?”
„Was in der Akte steht. Und wer der Gutachter ist. Bis Samstagmittag.”
Mox stand am Fenster und sah auf einen Hof, auf dem nichts passierte. „Kühlung oder Tiefkühlung?”
„Weiß ich noch nicht.”
„Sag es mir, bevor ich reingehe.”
Um zwei war Dobs drin.
Der Unfall lag offen. Ein Toter im Betrieb macht Papier, und Papier, das Fristen hat, muss irgendwo hin, wo man es findet. Die Unfallanzeige war ein Formularsatz mit Durchschlägen, dreimal derselbe Text in drei Farben. Betrieb, Betriebsnummer, Gewerbezweig. Name des Versicherten: Voß, Andreas, 24. Anschrift in Grimlinghausen, bei den Eltern gemeldet. Ein Feld für den telefonischen Anschluss, ausgefüllt in einer Handschrift, die alle anderen Felder auch ausgefüllt hatte. Zeitpunkt des Unfalls: Freitag, 12. März, gegen 19:40 Uhr (Annahme). Das Annahme in Klammern gefiel Dobs nicht, und er wusste eine ganze Weile nicht, warum. Aufgefunden: Montag, 15. März, 6:20 Uhr. Art der Schädigung: Unterkühlung.
Der Prüfbericht der Kälteanlage hing als Anlage daran, sechs Seiten, davon vier Tabellen. Die Tür von Kammer drei ließ sich von innen öffnen, geprüft und ohne Beanstandung, mit und ohne Strom. Der Notruftaster in der Kammer war belegt, verdrahtet, funktionsfähig. Am Ende, unter den Unterschriften, stand der Satz, wegen dem die Versicherung seit einem halben Jahr ruhig schlafen konnte: Anlage Kammer 3 abgetaut, entleert, spannungsfrei geschaltet, Hauptschalter abgeschlossen, Schlüssel beim Inhaber. 17.03.
Spannungsfrei. Seit dem siebzehnten März stand auf Papier, dass hinter der plombierten Tür kein Strom mehr war.
Dobs ging in das Anlagenbuch, das dem Bericht zugrunde lag. Kammer eins und zwei: plus zwei Grad. Kammer drei: minus zweiundzwanzig, umgebaut im Jahr neunundfünfzig. Zweihundert Quadratmeter Tiefkühlung, das Teuerste im Haus, und das Einzige, was in dieser Halle nicht einfach abgestellt werden kann, ohne dass es in vier Wochen ein Eisklotz mit Wänden ist.
Er blieb noch zwanzig Minuten für das Verzeichnis der Sachverständigen. Für den technischen Teil gab es dreißig Namen in der Region. Für den anderen gab es einen: Sachverständigenbüro Rautenberg, Düsseldorf, Zusatzeintrag mit einem Kürzel, das Dobs zweimal nachschlagen musste, bis er begriff, dass es magisch hieß. Der Mann fuhr für vier Versicherungen und war bis Ende Oktober ausgebucht. Der Dienstag um halb elf war kein Termin, den jemand verschieben würde.
Ganz unten auf dem Prüfbericht, klein, in der Zeile für die Instandhaltung, stand eine Firma. Hüsgen Kältetechnik, Neuss-Gnadental.
Dobs kam raus, trank ein halbes Glas Wasser im Stehen und legte die Verbindung nach Gnadental. Nicht jünger klingen. Gelangweilt klingen.
„Hüsgen Kältetechnik.”
„Rautenberg, Sachverständigenbüro. Wir haben Dienstag einen Termin bei Broich im Hammfeld, Kühl- und Lagerhaus. Ich brauche für die Akte, was Sie seit März an der Anlage Kammer drei gemacht haben.”
„Seit März.” Papier ging. „Das heißt bei uns nicht Wartung. Wartung ist einmal im Jahr, im November. Das heißt Einsatz.”
„Dann Einsätze.”
„Moment, ich bin noch im April.” Sie las in der Reihenfolge, in der es dastand, und ließ sich nicht davon abbringen. „Neunzehnter April, Kollege Siebert, Verflüssiger drei, Lüftermotor getauscht. Vierundzwanzigster Mai, Sichtkontrolle, Kältemittel nachgefüllt, zwei Kilo. Zwölfter Juli, Abtauheizung, Klemmenkasten trocken gelegt. Sechsundzwanzigster August, Sichtkontrolle, keine Beanstandung.”
Vier. Der letzte vor elf Tagen.
„Kammer drei ist seit März stillgelegt.”
„Bei uns steht Kammer drei.” Sie blieb dabei und blieb freundlich. „Wenn Sie was anderes brauchen, brauchen Sie eine andere Firma.”
„Wer macht Ihnen auf? Der Betrieb hat Feierabend.”
„Wir gehen nicht durchs Haus. Der Maschinenhof ist hinten, eigenes Tor, eigener Schlüssel. Da war noch nie einer von denen dabei.”
„Und wer beauftragt die Einsätze?”
„Anruf.”
„Von wem?”
„Steht die Nummer.” Sie las sie vor, Ziffer für Ziffer, weil Nummern für sie zu den Dingen gehörten, die man nicht zusammenzieht. Dann, ungefragt, weil es ihr gerade einfiel: „Der geht immer sofort ran. Auch sonntags.”
Dobs bedankte sich und war zwei Minuten später wieder bei der Unfallanzeige, bei dem Feld in der Handschrift, die alle Felder ausgefüllt hatte. Er verglich die Ziffern von hinten nach vorn, weil man sich so nicht verliest.
Es war dieselbe Nummer.
Er blieb sitzen und hörte, wie unten jemand einen Mülleimer über den Beton zog. Ein Anschluss wird nicht abgemeldet, wenn er auf die Eltern läuft. Ein Kollege übernimmt ein Diensttelefon, weil es sonst rumliegt. Es gab vier langweilige Erklärungen dafür, und Dobs suchte sie alle, und keine erklärte, warum ein Haus, das zwölf für eine Nacht bezahlt, seit einem halben Jahr eine Anlage bestellt, die es abgeschaltet hat.
Um acht ging Jeck. Er nahm im Flur einen Zettel aus der Jacke, sah ihn an, steckte ihn zurück und sagte nicht, wohin. Dobs fragte nicht.
Um zehn nach neun ging er noch einmal rein und nahm sich diesmal Zeit für den Weg. Die Verbindung legte er über einen Anschluss am alten Hafen, seit Jahren abgemeldet und in der Vermittlung nie gelöscht.
Es klingelte viermal. Dann war die Leitung offen.
Niemand sagte etwas. Es rauschte auch nicht. Im Hintergrund lief ein Motor unter Last, gleichmäßig, mit einem harten kleinen Schlag alle paar Sekunden, und darüber lag ein Atmen, das nicht schneller wurde.
Nach sechs Sekunden war die Leitung wieder zu.
Dobs schrieb die Uhrzeit auf, neun Uhr zwölf, und die Dauer daneben, und blieb sitzen, bis unten die Haustür ging.