▌ Gruel's StorytimeA continuing story, one chapter at a time.
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Kapitel 087 — Was nicht gefriert

Um Viertel nach elf stand der Wagen im Schatten der Bahnböschung, und auf dem Hof brannte nur die Lampe über dem Rolltor.

Jeck blieb noch eine Minute sitzen und ging durch, was er heute Nacht beitragen würde. Er hatte den Preis gemacht, den Termin gemacht und die Bedingung, dass ab zweiundzwanzig Uhr keiner mehr auf dem Gelände war. Damit war seine Arbeit erledigt. Was jetzt kam, konnte ihm keiner abkaufen.

Er hatte stattdessen eingekauft. Zwei Steppjacken aus der Waschhalle, Handschuhe mit Leder in der Innenfläche, eine Thermoskanne, zwei Handlampen mit frischen Batterien und eine Rolle Malerkrepp, weil man mit Krepp mehr reparieren kann als mit Reden. Die Sachen lagen im Kofferraum, ordentlich nebeneinander, und niemand hatte etwas dazu gesagt.

Mittags hatte Dobs angerufen und drei Wörter gesagt. Tiefkühlung. Minus zweiundzwanzig. Mox hatte danebengestanden, hatte es gehört und war anschließend eine Stunde spazieren gegangen.

„Hinten”, sagte Kerstin.

Der Maschinenhof lag hinter dem Haus, abgeteilt durch einen Zaun mit eigenem Tor, und das Tor hatte ein Kastenschloss, das älter war als der Zaun. Kerstin brauchte dafür weniger Zeit, als Jeck brauchte, um die Kanne aus dem Kofferraum zu holen. Dahinter standen drei Verflüssiger nebeneinander auf einem Betonsockel. Zwei waren still. Der dritte lief, und über ihm stand die warme Luft in der Nacht.

In der Maschinenhalle war es laut. Ein Verdichter arbeitete, gleichmäßig, und alle paar Sekunden lag ein harter kleiner Schlag darin.

Jeck blieb stehen und hörte hin, bis er sicher war.

„Das ist es”, sagte er. „Das hat Dobs am Telefon gehört.”

„Dann steht der Apparat, an dem einer rangeht, in einem Raum mit so einer Maschine.” Kerstin ging weiter. „Oder es klingt nur so.”

An der Stirnwand hing der Schaltschrank. Am Hauptschalter saß ein Bügelschloss, und auf dem Bügel lag Staub, so viel, dass man die Zeit fast daran ablesen konnte. Es stimmte alles: abgeschlossen, Schlüssel beim Inhaber, seit dem siebzehnten März. Einen halben Meter tiefer ging ein Kabel in einen Klemmenkasten, dessen Deckelschrauben blank waren, und von dort weiter nach unten, in ein Rohr, das jemand nachträglich in den Beton gestemmt und wieder zugespachtelt hatte.

Jeck sah es sich eine Weile an. Er war kein Techniker. Man musste keiner sein.

„Zwölfter Juli”, sagte er. „Abtauheizung, Klemmenkasten trocken gelegt.”

Kerstin ging derweil die Trennwand ab, mit der Lampe flach am Blech. Am Ende, hinter dem Rohrbündel des Verdampfers, saß eine Revisionsklappe, sechzig mal sechzig, vier Schrauben. Auf den Schrauben war kein Reif, und in den Schlitzen saß Fett, das nicht elf Tage alt war.

„Das hier ist heute Nacht unsere Tür”, sagte sie. „Die Plombe vorne bleibt, wo sie ist.”

Mox zog die zweite Jacke an, ohne etwas dazu zu sagen, und die Handschuhe auch. Jeck sah ihm dabei zu und rechnete nach, wie viel Mann in der Jacke steckte. Nicht genug.

„Zwölf Minuten”, sagte Jeck. „Danach kommt ihr raus, egal wo ihr steht.”

„Zehn”, sagte Kerstin.

„Zwölf. Ich zähl mit.”

Die Klappe ging nach innen auf. Die Kälte, die herauskam, war eine andere Sorte Kälte als draußen; sie hatte kein Wetter dabei. Kerstin ging als Erste durch, Mox hinter ihr. Jeck folgte, weil er nicht draußen stehen wollte.

Zweihundert Quadratmeter. Die Lampen kamen nicht bis an die andere Wand. An der Decke hingen zwei Luftkühler und arbeiteten, und alles, was Kante war, trug einen Pelz aus Reif. Der Boden lag unter einer dünnen weißen Schicht.

Kerstin machte drei Schritte hinein und blieb stehen. „Ich hab hier nichts”, sagte sie. „Kein Restlicht, und Wärme ist eine Fläche ohne Kante. Ich seh, was die Lampe sieht.”

Was die Lampe sah, war ein Weg.

Von der Klappe aus lief eine Spur durch den Reif zur hinteren rechten Ecke, breitgetreten, an den Rändern längst wieder zugefroren, und darüber lagen neuere Tritte, und darüber noch neuere. Niemand geht zweihundert Quadratmeter Tiefkühlung immer wieder dieselben achtzehn Meter, wenn er nur nach einer Maschine sieht.

In der Ecke stand eine Palette, und auf der Palette stand eine Kiste. Aluminium, hüfthoch, vier Verschlüsse am Deckel, keine Beschriftung außer einer eingeschlagenen Nummer und einem verblichenen Klebeband an der Kante. Um die Palette herum lag kein Reif. Da war blanker Beton, ein Ring, gut zwei Handbreit, und der Beton war dunkel und feucht.

Bei minus zweiundzwanzig Grad ist Beton nicht feucht.

„Mox”, sagte Jeck.

Mox stand schon da. Er zog einen Handschuh aus, legte die Finger neben den Ring, ohne die Kiste anzufassen, und dann sah er hin.

Jeck kannte den Moment, an dem er hinsah. Es war nichts zu sehen. Der Mann stand einfach da und stand einen Atemzug lang anders.

Fünf Sekunden. Zehn. Dann trat Mox einen Schritt zurück, und es war kein Schritt, den er entschieden hatte.

„Raus”, sagte er.

Sie waren nach zwei Minuten wieder in der Halle, und Jeck machte die Klappe zu und drehte die vier Schrauben mit der Hand fest, so weit sie gingen. Der Verdichter lief weiter. Mox lehnte an der Trennwand, die Kanne in beiden Händen, und trank nichts.

„Sag es der Reihe nach”, sagte Jeck.

„Die Kammer ist leer. Astral ist da nichts. Kein Nachhall, kein Rest von dem Jungen, nichts, was im März passiert ist. Das ist die eine Hälfte, und die ist die gute.” Mox drehte die Kanne einmal in den Händen. „Die Kiste ist nicht leer. Da ist etwas drin, und es ist nicht tot. Es ist still, und still ist es nur, solange es kalt bleibt.”

„Was ist es?”

„Weiß ich nicht. Ich hab keinen Namen dafür und ich kriege auch keinen. Ich sag dir, was ich hab: es hat keine Form, die ich beschreiben kann, es ist alt, und es wird wärmer.” Er sah Jeck an. „Und ich sag dir gleich die Grenze dazu, bevor du sie kaufst. Ich weiß nicht, ob es gefährlich ist. Ich weiß, dass es das ist, was der Mann am Dienstag um halb elf sieht. Dafür braucht der Mann zehn Sekunden und keine Ausbildung.”

Kerstin hatte die ganze Zeit auf die verschraubte Klappe gesehen.

„Es hat zurückgesehen”, sagte sie. Keine Frage.

Mox antwortete nicht sofort. „Es hat nicht mich angesehen. Es hat gemerkt, dass da was ist, das man ansehen kann.” Er setzte die Kanne auf dem Boden ab. „Ich hol es raus. Nicht heute. Ich brauch einen Tag.”

„Du kriegst keinen Tag”, sagte Kerstin. „Du kriegst Sonntag und Montag, und Montagnacht ist Schluss.”

„Er kriegt gar nichts, bis wir mit Broich geredet haben.” Jeck sagte es freundlich und ließ dabei keine Lücke. „Um sechs sitzt der Mann in seinem Büro, und um sechs kriegt er alles, was wir haben, so wie verkauft. Danach reden wir über den Rest, und der Rest kostet extra. Vorher wird hier nichts angefasst.”

Kerstin sah ihn an, und Jeck sah, dass sie das für Geschäft hielt.

Sie machten die Halle so, wie sie sie vorgefunden hatten, Lampe für Lampe, und gingen zum Tor. Am Ausgang blieb Jeck stehen und ging noch einmal die achtzehn Meter im Kopf durch, bis in die Ecke.

Er hatte sich den Ring gemerkt, als sie hineingekommen waren, weil er sich Kanten merkt: die blanke Stelle hatte bis an die zweite Latte der Palette gereicht.

Jetzt lag die zweite Latte im Blanken.