▌ Gruel's StorytimeA continuing story, one chapter at a time.
← All chapters

Kapitel 088 — Achtzehn Meter

Um sechs saß Broich hinter seinem Schreibtisch, und Jeck legte ihm in sieben Minuten hin, wofür er bezahlt hatte.

Mox stand an der Tür und sah zu. Broich hörte bis zum Ende zu, ohne einmal zu unterbrechen. Dann stand er auf, ging zum Fenster, an dem nichts zu sehen war, und kam zurück.

„Der Strom”, sagte er. „Ich hab im Mai den Zähler prüfen lassen, weil die Rechnung nicht runterging. Der Zähler ist in Ordnung. Da hab ich aufgehört zu fragen.” Er nahm den Deckel von der Blechkassette und legte ihn wieder hin. „Sie können mich für feige halten. Mach ich selber.”

„Und die Einsätze?“, fragte Jeck.

„Von Hüsgen krieg ich seit März keine Rechnung. Ich hab gedacht, die haben mich vergessen. Das war das Angenehmste, was ich denken konnte, also hab ich es gedacht.”

„Acht”, sagte Jeck. „Vier jetzt, vier, wenn Ihr Gutachter wieder im Wagen sitzt. Dafür arbeiten Montagnacht zwei Leute bei Ihnen, und am Dienstag stimmt, was auf dem Prüfbericht steht. Was der Mann in Ihre Akte schreibt, verkauf ich Ihnen wieder nicht.”

„Das haben Sie mir am Freitag schon erklärt.” Broich zählte sechs ab und vier dazu und schob den Stapel über den Tisch. Dann blieb seine Hand darauf liegen. „Hat der Junge das reingebracht?”

„Weiß ich nicht”, sagte Jeck.

„Gut.” Broich zog die Hand weg. „Nein. Nicht gut. Aber ich frag nicht weiter.”


Am Sonntag ging Mox nicht vor die Tür. Er aß, was da war, trank Wasser und lag den halben Nachmittag auf der Matratze, ohne zu schlafen, und ging in seinem Kopf achtzehn Meter ab, immer wieder dieselben.

Abends kam Dobs herein, blieb stehen und sagte den Namen.

„Der Anschluss läuft auf Voß, Heinrich, Grimlinghausen. Der Vater. Seit vierzig Jahren derselbe.”

„Danke.”

„Willst du wissen, wie oft der —”

„Nein.”


Montag um halb elf stand das Tor zum Maschinenhof offen, und das Kastenschloss hing aufgeklappt im Bügel.

„Er ist drin”, sagte Kerstin.

In der Halle lief der Verdichter. Hinter dem Rohrbündel stand die Klappe auf, und die vier Schrauben lagen nebeneinander auf dem Sockel, in einer Reihe, mit gleichem Abstand.

Der Mann saß in der Ecke neben der Palette, auf einer umgedrehten Kiste, in Steppjacke und Wollmütze, und hatte eine Thermoskanne zwischen den Füßen. Er sah auf, als das Licht kam, und stand nicht auf.

„Wir machen die Kammer für Dienstag frei”, sagte Mox.

„Hundertsechzig”, sagte der Mann. „Im Monat, der Strom. Den zahle ich nicht, das weiß ich, den zahlt der Broich. Achtzig war der Juli. Der Lüftermotor im April dreihundertzwanzig, mit Anfahrt. Ich hab alles hier.” Er klopfte auf die Jackentasche und ließ die Hand dann liegen.

„Ich weiß, was Sie bezahlt haben.”

„Sie wissen gar nichts.”

Über der Palette hingen zwei Luftkühler an der Decke, und auf einem davon war der Pelz aus Reif weggegangen, ein Streifen nacktes Blech, in der Länge einer Hand.

„Ihr Sohn ist nicht hier”, sagte Mox.

Der Mann drehte den Kopf.

„Ich hab am Samstag in dieser Kammer nachgesehen, und nicht mit den Augen. Was ein Mensch an dem Ort lässt, an dem er stirbt, ist hier nicht geblieben. Da ist nichts von ihm. Das ist alles, was ich Ihnen dazu sagen kann, und es ist wahr.”

Eine ganze Weile lief nur die Anlage.

„Was kostet das, was Sie da machen?”

„Nicht Sie”, sagte Mox.

Der Mann hob die Kanne hoch und stellte sie wieder ab, ohne sie aufzuschrauben. „Er hat am Donnerstag gesagt, es muss kalt bleiben. Nur das. Freitag ist er reingegangen.” Er sah auf die Kiste, nicht auf Mox. „Ich hab ihn nicht gefragt, was es ist. Ich hab ihn gefragt, was der Strom kostet.”

„Und die, die es ihm gebracht haben?”

„Haben nie wieder angerufen.” Er zog die Mütze tiefer. „Ich geh an jeden Apparat, seit sechs Monaten. Beim zweiten Klingeln. Bis heute.”

Kerstin trat einen Schritt vor. Mox hob die Hand, und sie blieb stehen.

„Die Kiste geht heute Nacht raus”, sagte er. „Sie bleibt kalt. Wo sie steht, erfahren Sie nicht, und Sie kommen nicht mit.”

„Ich will sehen, dass sie auf den Wagen kommt.”

„Nein”, sagte Kerstin.

„Ja”, sagte Mox.

Dann zog er die Handschuhe aus und legte beide Handflächen flach auf den Deckel.

Er nahm die kleinste Stufe, die überhaupt etwas bewirkt, weil ihm alles darüber verboten war. Auch die kleinste ging durch ihn durch und nicht an ihm vorbei. Schlange hat für so etwas kein Wort, sie hat eine Bewegung: über etwas legen, was keine Kante hat, und es darunter lassen, bis es nichts mehr merkt. Er legte es darüber, langsam, und das Alte darin merkte auf halbem Weg, dass ihm etwas übergezogen wurde, und drehte sich einmal darin um.

Dann war es still.

Mox kam auf dem Beton der Maschinenhalle wieder zu sich, mit zwei Jacken über sich und Kerstins Knie im Rücken. Er wusste nicht, wie lange. In seinem Mund war Metall. Das Zittern hörte nicht auf, es hörte nur irgendwann auf, wichtig zu sein.

„Vierzig Minuten”, sagte Kerstin.

„Sie ist zu?”

„Sie ist zu.”

Jeck und der Vater trugen die Kiste die achtzehn Meter, Schritt für Schritt, mit zwei Pausen. Kerstin hatte die Klappe ausgehängt und nahm sie an der Ecke, die ihr linker Arm hielt. Danach machte sie den Klemmenkasten auf, holte heraus, was jemand im Juli hineingebaut hatte, und schraubte den Deckel wieder zu. Der Verdichter lief noch zwei Sekunden und wurde dann leise, und die Halle war größer als vorher.

„Bis morgen früh ist der Reif weg”, sagte sie. „Und der Weg da drin mit ihm.”

Die Nummer, die in das Aluminium geschlagen war, schrieb sie ab, bevor die Kiste auf die Ladefläche ging.

Der Vater stand am Zaun, bis der Wagen anfuhr. Er hob die Hand nicht.

Am Hafen war ein Tiefkühlcontainer für drei Monate im Voraus bezahlt, auf einen Namen, den es gab und der niemandem gehörte. Um Viertel nach drei lief das Aggregat an, und die Tür bekam ein eigenes Schloss.

Mox blieb noch davor stehen, als die anderen schon im Wagen saßen. Er sah hin, weil man das prüft, bevor man weitergeht.

Da war grau. Nur grau, in jede Richtung, so weit es reichte, ohne eine einzige Kante darin.

Er nahm die Hand von der Containertür, ging zum Wagen und stieg ein. Vorn drehte Jeck sich halb um und fragte, ob es erledigt sei.

Mox sagte ja.