Kapitel 089 — Zwei Daten
Um halb eins wachte sie auf, weil der Arm sie weckte, nicht der Lärm.
In der Küche saß Dobs vor einer Schüssel und las etwas, das er sich nachts selbst geholt hatte. Nebenan lag Mox unter zwei Decken und hatte sich seit drei Uhr nicht gedreht. Kerstin sah durch den Türspalt, dass er atmete, und ließ die Tür, wo sie war.
„Jeck?”
„Hammfeld. Seit elf.”
Sie machte den Verband allein neu, einhändig, das Pflaster mit den Zähnen abgezogen, und es wurde schief. Der Kanal war zu. Drumherum stand die Haut noch dick und warm, und wenn sie die Finger zur Faust nahm, zog es bis in den Ellenbogen. Zwei Nächte Kälte hatten dem Arm nicht gutgetan.
Sie steckte den Rest der Rolle ein und nahm den Wagen.
Halm machte einen Spalt auf und ging beim Reden schon rückwärts. „Wenn du blutest, blutest du auf der Treppe.”
„Ich blute nicht. Ich brauch was aus dem Schrank.”
Der Keller roch nach kaltem Kaffee und Desinfektion. Auf dem Stuhl neben der Liege lag eine Katze, die er nie erwähnte. Er stellte die Lampe an und sah sie über den Rand seiner Brille an.
„Für dich?”
„Für einen, der nicht herkommen kann.”
„Die sind mir die liebsten.” Er machte den Metallschrank auf und redete in die offene Tür hinein, statt sie anzusehen. „Ich häute Leute. Ich schreibe nichts auf, ich verschreibe nichts, und ich habe keine Apotheke. Was ich hier habe, ist für den Fall, dass mir einer auf dem Tisch wegkippt.” Er nahm zwei flache Schachteln heraus und drehte sich um. „Vier Wochen. Mehr kriegt er nicht. Nicht aus Geiz — vier Wochen sind die Menge, die keinem auffällt.”
„Was kostet es?”
„Nichts.” Er legte die Schachteln auf die Liege. „Frag nicht noch mal, sonst fällt mir ein Preis ein.”
Sie steckte sie weg.
„Und jetzt zeig den Arm, bevor du das Treppenhaus wieder hochgehst, als wär nichts.”
Er machte den schiefen Verband auf, sah sich die Stelle zwei Sekunden an, drückte einmal daneben und wickelte neu, sauber und viel zu straff.
„Zwei Wochen nichts tragen. Nicht ziehen, nicht heben, nicht drauf abstützen.”
„Was ist mit fahren?”
„Fahren ist kein Tragen.” Er warf das alte Zeug in den Eimer. „Und sag deinem Magier, dass er hier auch mal wieder auf die Treppe kommen darf. Nicht, dass ich ihm helfen könnte. Ich zähl nur gern nach, wer noch da ist.”
Die Pension lag hinter dem Bahnhof, mit einer Klingelleiste, an der die Namen mit Kugelschreiber standen. Odenthals stand nicht dabei. Der Wirt sah kurz hoch und wieder in seine Zeitung.
Das Zimmer ging nach hinten raus, auf ein Dach und zwei Gleise. Odenthal saß auf der Bettkante, weil der Stuhl zu tief war, und stand nicht auf.
„Sie sind die, die fährt”, sagte er.
„Manchmal.”
„Und zahlt hier einer von euch, oder zahlt ihr das gemeinsam? Das ist keine Frage, um mich rauszureden. Ich will nur wissen, bei wem ich es habe.”
„Zahlen tun wir zusammen.” Sie legte die beiden Schachteln auf die Kommode. „Vier Wochen. Nicht teilen.”
Er sah sie an, machte keine davon auf und rührte sie auch nicht an. Er stand vom Bett auf, ging zwei Schritte zum Fenster und wieder zurück, und die zwei Schritte kosteten ihn mehr, als er zeigen wollte.
„Ich hab am Sonntag die letzten drei gehabt”, sagte er. „Ich hab gerechnet, dass ich mit halben bis Donnerstag komme. Ab Donnerstag hätte ich zurückfahren müssen, und zurück kann ich nicht.” Er setzte sich wieder. „Sagen Sie dem, der das besorgt hat, dass ich das weiß.”
„Sag ich.”
„Geld nehm ich trotzdem keins.”
„Hat auch keiner angeboten.”
Draußen fuhr etwas Langes durch und der Boden nahm es mit. Odenthal wartete, bis es vorbei war.
„Nächsten Dienstag ist Düsseldorf”, sagte Kerstin. „Halb neun. Ich fahr Sie hin, ich warte draußen, ich fahr Sie zurück.”
„Der Termin steht seit März, den kenn ich.” Er zog das Kissen hinter sich hoch. „Vierzig Minuten sitzen, dann eine Stunde warten, dann noch mal sitzen. Ich schaff die Bahn nicht. Ich hätt gefragt. Ich hab nur gedacht, ich frag am Freitag.”
„Dann ist es jetzt geklärt.”
Er nickte in Richtung Fenster. Dann kam der Satz, den er die ganze Zeit dabeigehabt hatte, und er kam ohne Anlauf und ohne Vorwurf.
„Am Freitag hatte meine Schwester Geburtstag.”
Kerstin blieb stehen, wo sie stand.
„Ich weiß nicht, ob einer angerufen hat. Und ich kann sie nicht anrufen und fragen, ob einer angerufen hat, denn wenn keiner angerufen hat, dann weiß sie ab dem Moment, dass was ist.” Er strich mit dem Daumen über die Bettkante. „Das ist nicht Ihre Zuständigkeit. Ich sag es nur, damit es einer weiß.”
„Ich frag nach.”
„Sie müssen mir nicht sagen, was rauskommt.”
„Doch”, sagte sie.
Um sieben kam Jeck nach Weckhoven, legte vier auf den Tisch und zog die Jacke gar nicht erst aus.
„Halb elf war er da, um fünf vor elf war er wieder draußen. Fünfundzwanzig Minuten für zweihundert Quadratmeter. Er hat einmal an der Tür gestanden, einmal in der Mitte, und dann hat er zwei Sätze diktiert.” Er setzte sich verkehrt herum auf den Stuhl. „Broich hat gezahlt, bevor der Wagen vom Hof war. Er hat nicht gefragt, was wir Montagnacht gemacht haben.”
„Wird er auch nicht”, sagte Kerstin.
„Nein. Er hat es sich extra abgewöhnt.”
Sie holte die Diele hoch, legte die vier dazu und machte sie wieder zu. Gut vierundneunzig, netto, und drei davon standen schon am Hafen und liefen jeden Tag weiter.
Dobs schob ihr über den Tisch, was er den halben Tag gemacht hatte.
„Deine Nummer. Die aus dem Aluminium.” Er tippte auf die zweite Zeile. „Das ist keine Seriennummer. Das ist eine Bauartzulassung. Behälter für temperaturgeführte Güter, Bauart zugelassen vierundvierzig, Zulassung ausgelaufen, die Prüfstelle gibt es seit einundsechzig nicht mehr — die ist in eine größere rein. Das steht alles offen im Verzeichnis, da musste ich nirgendwo rein.”
„Und?”
„Und das ist der Punkt. Zulassungen kriegen Sachen, die transportiert werden. Für was, das irgendwo steht, braucht keiner eine.” Er zog die Schultern hoch. „Das Ding ist zum Fahren gebaut. Nicht zum Stehen.”
Mox war in der Tür aufgetaucht, ohne dass jemand ihn gehört hatte. Er hatte die Decke noch um die Schultern und sah aus, als hätte er nicht geschlafen, sondern nur gelegen.
„Wie lange steht sie schon?“, fragte er.
„Nach dem, was der Vater bezahlt hat: seit Februar. Vielleicht Januar.”
„Dann wartet irgendwo einer seit sieben Monaten darauf, dass sie ankommt”, sagte Kerstin.
„Oder er hat aufgehört zu warten”, sagte Jeck. „Die eine Hälfte davon können wir uns aussuchen. Die andere nicht.”
Mox blieb noch in der Tür stehen. Dann ging er zurück ins Nebenzimmer, und es war nicht mal neun. Kerstin sah ihm nach. Zwei Nächte Kälte und vierzig Minuten auf einem Hallenboden — dafür durfte einer um neun ins Bett.
Auf dem Tisch lag noch die Quittung vom Hafen, ein Durchschlag auf dünnem Papier, Miete für drei Monate, kassiert, gestempelt. Sie drehte ihn um und schrieb mit Bleistift zwei Zeilen auf die Rückseite. Oben das Datum, an dem der Container leer sein musste oder wieder bezahlt. Darunter, kleiner: Dienstag, halb neun, Düsseldorf.
Dann faltete sie das Blatt einmal, legte es zu dem Geld unter die Diele und trat das Brett fest.