Kapitel 090 — Zwischen zwei und fünf
Töle stand schon an der Tür, als Dobs den Riegel hochschob, und hielt ihm das Blatt hin, bevor er drinnen war.
Eine halbe Seite aus einem Ringbuch. Darauf Großbuchstaben, einzeln gesetzt, mit zu viel Abstand dazwischen: D A H M E N. Darunter Ziffern, sauber abgemalt, jede für sich. Daneben ein Kasten mit vier Rädern, und dahinter ein zweiter, kleinerer Kasten.
„Der stand am Zaun”, sagte Töle. „Montag. Und gestern noch mal, gestern länger.”
„Und das hast du aufgeschrieben.”
„Abgemalt. Vom Wagen, an der Tür.” Sie zog die Schultern hoch. „Lesen kann ich’s nicht. Muss ich auch nicht. Ich hab’s ja.”
Dobs hielt das Blatt schräg unter die Lampe. Sie hatte keine Ziffer verdreht, und der Hänger war ein Hänger.
„Wie lange hast du dafür gebraucht?”
„Bis er weg war.”
„Das ist gute Arbeit.”
Sie wurde still und sah auf ihre Schuhe und blieb so stehen, bis er weiterredete.
„Wer war mit dir draußen?”
„Keiner. Ich war doch drin! Der war draußen, ich war drin, dazwischen ist Zaun, ich bin überhaupt nicht —”
„Töle.”
Sie machte den Mund zu.
Den Satz, den er jetzt sagen musste, hatte er selbst zweimal gehört, und er wusste genau, in welcher Stimme er klang. Er sagte ihn trotzdem.
„Nicht allein an den Zaun. Auch nicht von innen.”
„Ich hab aber —”
„Du hast gut gearbeitet, und du gehst da nicht allein hin. Beides.”
Gesa kam aus dem hinteren Teil der Halle, einen Kabelbund über der Schulter, und legte ihn auf den Tisch, bevor sie irgendwen ansah.
„Sie hat’s zweimal gemacht, bevor ich’s gemerkt hab”, sagte sie. „Setz dich, Kind, das sind drei Sätze.”
Dobs blieb stehen.
„Der Mann heißt Dahmen, hat eine Gärtnerei in Uedesheim und war Montag hier. Gestern kam er wieder und hat gefragt, ob eins von den Kindern rechnen kann und was das kostet.” Gesa schob den Kabelbund gerade. „Sein Fahrer fährt nicht mehr für ihn. Warum, weiß er nicht, und Samstag muss trotzdem was ankommen. Ich hab ihm gesagt, dafür braucht er keine Kinder.”
„Und?”
„Und ich hab ihm gesagt, es meldet sich einer. Ihr habt Papiere, wir nicht.” Jetzt sah sie ihn an. „Eins noch. Er kommt nicht wieder an den Zaun. Was ihr mit ihm macht, macht ihr woanders.”
„Wenn was dabei rauskommt, kriegt ihr —”
„Wir kriegen, dass hier keiner mehr steht. Das reicht mir.”
Um acht lag das halbe Ringbuchblatt in Weckhoven auf dem Tisch, zwischen dem Kabel von Dobs’ Wandler und Kerstins Schlüsseln.
„Drei Fragen”, sagte Jeck. „Wer zahlt, wie viel, bis wann.”
„Weiß ich nicht. Weiß ich nicht. Samstagnacht.”
„Zwei von drei fehlen, und die dritte ist übermorgen plus einen Tag.” Jeck stand auf und suchte seine Jacke. „Dann fahren wir hin.”
„Wo soll das überhaupt hin?“, fragte Kerstin.
„Düsseldorf. Seestern. Irgendein Verwaltungspark.”
Kerstin drehte den Kopf. „Da kommt keiner von euch beiden rein.”
„Deswegen fahren wir ja hin und fragen”, sagte Jeck.
Aus dem Nebenzimmer kam Mox in die Tür, mit der Decke über den Schultern, und blieb dort.
„Was hat der Fahrer gesagt, als er abgesagt hat?”
„Weiß ich nicht.”
„Das ist die Frage”, sagte Mox. „Nicht der Samstag.” Dann holte er sich seine Jacke vom Haken, ohne dass jemand ihn dazu aufgefordert hätte, und sonst bot er nichts an.
„Dienstag halb neun ist Düsseldorf”, sagte Jeck im Rausgehen.
„Das steht”, sagte Kerstin.
„Dann ist alles andere vorher.”
Die Gärtnerei lag hinter dem Deich, zwischen zwei Folienhäusern und einem Hof aus altem Beton, auf dem Wasser stand. Es roch nach nassem Torf und kaltem Eisen. Unter einem Schattiernetz standen Rollcontainer in Reihen, dicht an dicht, und in dem einen Gewächshaus, in dem noch Licht brannte, lief eine Beregnung und schaltete sich ab, während sie über den Hof gingen.
Reiner Dahmen war vierunddreißig und trug eine Fleecejacke mit ausgefransten Ärmeln. Er hatte Erde unter den Nägeln, um zehn Uhr abends, und er gab Kerstin die Hand als Erster, weil sie vorneweg ging.
„Elfhundertzwanzig Stauden in C zwei, sechs Sorten. Vierzig Gehölze im Container, dazu zweihundert Meter Zwiebeln, und die müssen als Erstes rein, sonst friert das nicht ein, sondern verfault.” Das kam ohne eine einzige Pause.
„Und der Auftrag gehört wem?“, fragte Jeck.
„Das müsste ich nachsehen.” Dahmen wischte sich die Hände an der Hose ab. „Wisskirchen. Garten- und Landschaftsbau, Meerbusch. Die haben den Rahmenvertrag für den Park, seit der steht. Die Pflanzen kommen im dritten Jahr von mir, weil die Sorten in der Menge sonst keiner hat.”
„Und geliefert hat bisher wer?”
„Die. Mit den eigenen Wagen, hier vom Hof runter.” Er sah kurz zum Schattiernetz. „Dieses Jahr heißt es, ihre Wagen sind disponiert. Ich soll’s selber bringen. Mein Vater hätte da angerufen und gesagt, dann holt ihr’s eben ab. Ich hab ja gesagt.”
„Und dann?”
„Und dann ist Schäper Montag auf den Hof gekommen.” Dahmen blieb stehen. „Schäper fährt für uns, seit ich denken kann. Der hat den Motor laufen lassen und gesagt, er fährt das nicht. Nicht diesen einen. Als ich gefragt hab, warum, hat er gesagt, ich soll ihn nicht fragen. Dann ist er wieder raus.”
Mox stand zwei Schritte weiter am Packtisch und sah sich die Stapel Etiketten an, und Dobs merkte, dass er dabei die ganze Zeit Dahmen im Blick behielt und nicht die Etiketten.
„Anliefern darf man da zwischen zwei und fünf”, sagte Dahmen. „Nachts. Danach ist die Zufahrt zu, da kommt kein Lastwagen mehr rauf. Die Kolonne fängt Samstag um sieben an zu pflanzen, zwölf Mann. Wenn um sieben nichts da ist, ist der Auftrag weg, und die Sorten stehen mir bis Frühjahr auf dem Hof.”
„Was ist der Auftrag wert?”
„Achtzehn.”
„Und was ist es Ihnen wert?“, fragte Jeck.
Dahmen brauchte dafür länger als für die elfhundertzwanzig Stauden. „Vier. Bar. Zwei jetzt, zwei, wenn’s steht.” Er sah auf den nassen Beton. „Die zwei jetzt müsste ich leihen.”
Dobs hatte die ganze Zeit auf den Ordner gesehen, der aufgeklappt auf dem Packtisch lag, zwischen den Etiketten und einer Waage.
„Wer steht bei denen am Tor auf der Liste?”
Dahmen zog ein Blatt heraus, an dessen Rand noch die abgerissenen Löcher vom Drucker standen. Lieferberechtigung, Objekt, Zufahrt Süd, Zeitfenster zwei bis fünf. Darunter eine Firma, eine Ausweisnummer und ein Name.
Dahmen, J.
„J.“, sagte Jeck.
„Josef.” Dahmen nahm das Blatt nicht zurück. „Mein Vater.”
„Und wo ist Ihr Vater?”
„Oben auf dem Friedhof. April vor zwei Jahren.” Er stand da und ließ das Blatt in Jecks Hand. „Die Liste kommt von Wisskirchen. Den Namen hab nicht ich da hingeschrieben.”