Kapitel 091 — Elf Nächte
Um Viertel nach neun hatte Jeck zwei Gespräche geführt, und als die anderen in die Küche kamen, stand die Kanne schon auf dem Tisch.
„Vier”, sagte er. „Alles hinterher. Die zwei vorab nehmen wir nicht.”
Kerstin blieb in der Tür stehen. „Wir haben eine Pension und einen Container, die jeden Tag laufen.”
„Und er hätte sich die zwei geliehen.” Jeck zog einen Stuhl vor. „Geliehenes Geld kommt zweimal zurück. Beim zweiten Mal bringt es den mit, der es verliehen hat, und der will dann wissen, wofür der Gärtner es gebraucht hat. Vier Riesen EC, wenn die Ware steht. Achtzehn ist der Auftrag wert, den wir ihm retten, und die kriegt er nur ganz oder gar nicht.”
„Und bis Samstag zahlen wir alles selbst.”
„Bis Samstag zahlen wir alles selbst.” Er schob ihr die Kanne hin. „Sag mir, was du am Samstag nicht kannst.”
„Heben. Ziehen. Tragen.” Sie sagte es, ohne den Ton zu wechseln. „Fahren kann ich. Elfhundertzwanzig Töpfe kriegt keiner von euch in vier Stunden auf einen Wagen, und du am wenigsten.”
„Dann such ich Hände. Das ist Freitag, und heute ist das Papier dran.”
Mox stand am Fenster und hatte die Decke noch über den Schultern, aber er war angezogen darunter.
„Ich nehm den Fahrer”, sagte er.
„Schäper redet nicht.”
„Er hat schon geredet. Er hat gesagt, man soll ihn nicht fragen.” Mox trank einen Schluck und stellte die Tasse ab. „Das sagt keiner über etwas, das er nicht weiß.”
Dobs hatte das Blatt mit der Lieferberechtigung vor sich liegen, seit er sich gesetzt hatte, und den Daumen auf der Ausweisnummer.
„Die Nummer ist älter als der Tote”, sagte er. „Die läuft weiter. Wenn ich wissen will, was die gemacht hat, muss ich rein.”
„Wie tief?”
„Objektverwaltung. Nicht in den Werkschutz.” Dobs sah auf. „Das ist ein Haus mit einem Schalter davor. Da darf man hingehen.”
„Dann komm ich mit.”
Kerstin drehte den Kopf. Dobs auch.
„Ich stell die Fragen”, sagte Jeck. „Ich stell sie mein Leben lang. Ich hab bloß noch nie welche gestellt, ohne dabei im Raum zu stehen.”
Das Gestell kam von Gesa, gegen ein Papier für ein Kind, das im Frühjahr eine Lehrstelle braucht. Geld hatte sie nicht genommen; den Preis nannte sie selbst. Eine flache Kiste mit einer Bandkrone daran, älter als Dobs, und das Gel darin roch nach Krankenhaus.
Dobs steckte das Kabel in die Buchse hinter seinem Ohr, setzte sich auf die Matratze und legte die Hände auf die Knie.
„Wenn ich sage, wir gehen, dann redest du nicht zu Ende.”
„Verstanden.”
Der Boden fiel nicht weg. Er wurde einfach unwichtig.
Das Gitter über Düsseldorf lag flach und hell darunter, ein Raster aus Strängen, das nach Süden hin dichter wurde, und darüber standen die Häuser der Konzerne, geschliffene Blöcke ohne Fenster. Jeck bekam kein Gefühl dafür, wie weit etwas weg war. Es gab keine Ferne. Es gab nur Adressen, und die eine, auf die sie zugingen, hatte einen Vorplatz aus mattem Grün und über dem Eingang eine Zeile, die sich langsam wiederholte: Objekt Seestern Nord — Verwaltung, Zufahrten, Nutzungsentgelte. Darunter lief eine kleinere Zeile durch, in der Beträge standen. Sie standen in Nuyen.
Ein Verwaltungspark in Düsseldorf, der seine Stellplätze in ¥ abrechnet. Jeck merkte es sich.
Neben ihm ging etwas her, das nicht Dobs war.
Es war klein, kaum kniehoch, und es hatte keine Form, die zu etwas gehörte — ein zusammengefaltetes Ding, das sich beim Gehen halb aufmachte und wieder zumachte. Es lief zwei Schritte vor Dobs, blieb an der Kante des Vorplatzes stehen und wartete.
„Nur einmal drum herum”, sagte Dobs zu ihm. Nicht laut. Er sagte es dem Ding, nicht dem Netz. „Und du bleibst außen.”
Das Ding ging los. Jeck sah ihm nach und dann Dobs an. Dobs sah geradeaus.
Der Schalter war ein Tresen ohne Mensch dahinter. Als sie herantraten, kam die Höflichkeit von allen Seiten gleichzeitig, in derselben Lautstärke.
Objektverwaltung Seestern Nord. Betreiber: Rheinkontor Objekt GmbH. Mieter im Bestand: Mitsuhama Deutschland, Verwaltungsstandort, sowie zwölf weitere. Nachtzufahrten unterliegen den Zeitfenstern des Werkschutzes.
„Lieferberechtigung Zufahrt Süd”, sagte Jeck. „Ausweisnummer vier-sieben-zwei-null-neun. Ich brauche die Zufahrten auf diese Nummer seit Januar.”
Es fragte nichts. Es prüfte auch nichts, was Jeck bemerkt hätte. Es antwortete, und die Antwort legte sich vor ihm hin, Zeile für Zeile, und jede Zeile war eine Nacht.
Elf.
Elfmal seit dem elften März, alle zwischen zwei und fünf, alle Zufahrt Süd, alle auf denselben Berechtigten. Dahmen, J. Keine im April. Drei im Juni. Zuletzt vor neun Tagen. Bei sieben von elf stand hinter der Uhrzeit ein Zusatz, mit dem Jeck nichts anfangen konnte. Dobs las ihn für ihn.
„Zweites Fahrzeug angemeldet”, sagte Dobs. „Bei sieben. Nachgemeldet, nicht vorher.”
Ein Mann, der seit zwei Jahren in Uedesheim auf dem Friedhof liegt, war seit März elfmal nachts durch ein Konzern-Tor gefahren und hatte siebenmal unterwegs jemanden dazugenommen.
„Und die Halter der Fahrzeuge”, sagte Jeck.
Da sah es zurück.
Es wurde nicht laut, es bewegte sich nicht, und es kam auch nichts auf sie zu. Der Tresen blieb ein Tresen. Aber die Höflichkeit hörte auf, von allen Seiten zu kommen, und kam nur noch von vorn, und in dem mattgrünen Vorplatz unter Jecks Füßen ging etwas an, das vorher aus gewesen war.
Halterdaten sind zugangsbeschränkt. Ihre Anfrage wurde protokolliert. Eine Rückmeldung ergeht an den Berechtigten.
„Wir gehen”, sagte Dobs.
Jeck redete nicht zu Ende.
Er lag zwei Minuten auf der Matratze und wartete, bis die Wand wieder da war, wo sie hingehörte. Sein Magen stand schief, und als er sich aufsetzte, hatte er den Kopf einen Schlag zu spät mitgenommen.
„Das mit dem Berechtigten.” Er räusperte sich. „Wer ist das?”
„Der, dem die Nummer gehört.” Dobs zog das Kabel aus der Buchse und wickelte es. „Auf dem Papier ist das Wisskirchen. Die haben die Liste gemacht.”
„Dann weiß Meerbusch spätestens morgen, dass jemand nach den elf Nächten gefragt hat.”
„Ja.”
„Gut.” Jeck stand auf, hielt sich einen Moment am Türrahmen und ließ wieder los. „Dann fahren wir hin, bevor sie es lesen.”
Am Nachmittag klopfte er in Meerbusch an eine Bürotür und wurde um zehn nach fünf höflich und endgültig auf Montag vertröstet. Einen Termin machte die Frau nicht, eine Nummer gab sie nicht heraus. Auf dem Hof standen zwei Wagen, beide sauber, beide abgestellt. Disponiert stand keiner davon.
Um zwei Uhr nachts stand der Wagen zweihundert Meter vom Tor der Zufahrt Süd, im toten Winkel einer Auffahrt. Kerstin hatte den Sitz zurückgestellt und den Kopf schräg an der Kopfstütze.
„Zwei im Häuschen”, sagte sie. „Einer sitzt, einer geht alle paar Minuten bis zum Fenster. Die Schranke hat einen Mast mit zwei Kameras, die linke steht auf der Zufahrt, die rechte auf der Straße. Und da hinten, hinter der Hecke, steht ein Wagen mit warmem Motor, seit wir hier sind.”
Jeck sah in dieselbe Richtung und sah eine Hecke.
„Wie warm?”
„Zwanzig Minuten warm. Nicht kalt geworden, nicht gerade angekommen.” Sie machte die Augen einmal zu und wieder auf, und Jeck wusste, dass sie dabei umschaltete. „Restlicht bringt mir da nichts, das Tor ist zu hell. Über Wärme sehe ich, wer da ist, auch wenn er hinter etwas steht.”
Um einunddreißig nach zwei stand der Mann im Pförtnerhaus auf.
„Jetzt”, sagte Kerstin.
Es dauerte noch elf Sekunden, bis Jeck den Motor hörte. Der Lastwagen kam von der Rheinseite herauf, ohne Blinker, drei Achsen, Plane, und er wurde vor der Schranke nicht langsamer, sondern nur ein bisschen leiser. Die Schranke ging hoch, bevor er stand. Es stieg niemand aus, es kurbelte niemand ein Fenster herunter, und das Häuschen blieb zu.
Als er unter der Lampe durchfuhr, lag die Schrift auf der Beifahrertür zwei Sekunden im Licht, grün auf weiß, mit einem Baum davor.
Wisskirchen Garten- und Landschaftsbau, Meerbusch.