▌ Gruel's StorytimeA continuing story, one chapter at a time.
← All chapters

Kapitel 092 — Was sich dranhängt

Schäper machte nicht auf. Mox setzte sich auf die niedrige Mauer vor dem Vorgarten, das Gesicht zur Straße, und wartete.

Nach vierzig Minuten ging die Haustür. Der Mann kam mit einem Eimer heraus, stellte ihn neben den alten Kombi in der Einfahrt und sah zur Mauer.

„Sie sitzen auf meiner Mauer.”

„Ja.”

Schäper ließ es dabei. Er holte den Schlauch von der Trommel an der Hauswand, schraubte ihn an den Hahn und fing hinten am Wagen an. Er fing seit dreißig Jahren hinten an. Wenn er die Hände gerade nicht brauchte, gingen sie in die Jackentaschen.

„Elf Nächte”, sagte Mox. „Seit dem elften März. Alle zwischen zwei und fünf, alle Zufahrt Süd, alle auf Dahmen, J. Bei sieben davon hat sich unterwegs ein zweiter Wagen dazugemeldet.”

Das Wasser lief weiter.

„Die erste war Ihre.”

„Die erste war meine.” Schäper drehte den Strahl auf das Rad. „Ab Uedesheim eine Stunde zehn. Nachts fünfzig Minuten. Halb zwei los, um drei wieder auf der B neun.”

„Und dazwischen?”

„Dazwischen hab ich gestanden.”

„Wo?”

„An der hinteren Rampe. An dem Haus, unter dessen Namen japanische Zeichen stehen.” Er ging nach vorn am Wagen weiter. „Meine Ladung war Ballenware, sechshundert Stück, die stand um zehn nach drei auf dem Platz, so wie sie draufgegangen ist.”

„Und die andere?”

„Die andere ist nicht meine Ladung gewesen.” Die Hände verschwanden. „Der Fahrer sieht nicht in die Kiste. Das ist der ganze Beruf.”

Mox stand auf und ging bis an den Zaun, ohne durch das Tor zu gehen.

„Sie sind zweiundsechzig. Ihre Rente hängt an einem Betrieb, der jetzt dem Jungen gehört. Und Sie haben ihm gesagt, er soll Sie nicht fragen, statt ihm zu sagen, er soll nicht fahren. Das ist ein Unterschied, und Sie haben ihn gemacht.”

„Ich hab ihm gesagt, dass ich nicht fahre.”

„Er hört, dass sein Fahrer Angst hat. Er hört nicht, wovor.”

Schäper drehte den Hahn zu. In der Einfahrt lief das Wasser den Beton hinunter und stand vor dem Gully.

„Josef ist das drei Jahre gefahren”, sagte er.

Mox blieb, wo er war.

„Die Pflanzen sind echt. Alles daran ist echt, deswegen funktioniert es ja.” Schäper sah auf den nassen Beton, nicht auf Mox. „Nachts ist die Zufahrt offen, weil sonst kein Lastwagen da hochkommt. Und in dem Fenster kommt eben noch was mit. Josef hat dafür drei Jahre lang seine Sorten losgehabt, immer im September. Ich hab ihn zweimal gefahren.”

„Und nach ihm?”

„Nach ihm haben die aus Meerbusch es mit den eigenen Wagen weitergemacht. Zwei Jahre.” Er wickelte den Schlauch auf die Trommel, Runde um Runde. „Aber eine Berechtigung, auf der nur noch die Firma fährt, der sie nicht gehört, fällt irgendwann auf. Die Nummer muss den Gärtner sehen. Dieses Jahr will einer wieder einen Gärtner am Steuer haben.”

„Deswegen sollen die Wagen aus Meerbusch disponiert sein.”

„Deswegen ist in Meerbusch dieses Jahr alles disponiert.”

Er ging ins Haus und kam mit einem Umschlag zurück, zweimal geknickt, an der Kante dunkel. Er machte ihn nicht auf, er hielt ihn nur hin.

„Achthundert. Nicht in Euro.” Die Währung sagte er nicht. „Lag im Kasten, zwei Tage nach der Fahrt. Ich war damit bei der Sparkasse und wieder draußen, bevor ich dran war. Das kriegen Sie hier nirgends los, ohne dass einer aufschreibt, wer’s gebracht hat.”

Mox nahm den Umschlag und sah hinein. Achthundert Nuyen in Scheinen, in einem Vorgarten in Rosellen.

„Wer hat Ihnen verboten, mit dem Jungen zu reden?”

„Keiner.” Schäper hängte die Trommel ein. „Es hat mir keiner was verboten. Es hat mir einer achthundert in den Kasten gelegt. Das ist dasselbe, nur höflicher.”

Mox steckte den Umschlag weg und ging.

Hinter ihm sagte Schäper noch etwas, ohne den Kopf zu heben.

„Das Graue da vorn. Das steht seit Mittwoch.”


Mox ging nicht zum Wagen. Er ging die Straße hinunter, an dem grauen Kombi vorbei, las das Kennzeichen im Vorbeigehen und war vier Schritte weiter, als die Tür aufging.

Der Mann war jünger und breiter und kam um die Motorhaube herum, ohne es eilig zu haben.

„Sie waren bei dem Fahrer.”

„Ich hab nach Arbeit gefragt.”

„Was für Arbeit?”

„Fahren.”

„Sie fahren nicht.” Er sah auf Mox’ Hände, dann auf die Schuhe, dann wieder hoch. Dann nahm er ihn am Oberarm, ohne Kraft dahinter, gerade so viel, dass klar wurde, wie es ginge, wenn er wollte.

Mox stand still und ließ den Arm, wo er war. Was er dagegen hatte, fing unterhalb der kleinsten Kraftstufe an, kostete ihn zwei Tage und würde diesen Griff nicht öffnen, sondern einen Mann in einer Straße umwerfen, in der zwei Vorhänge offen standen. Also ließ er sich ansehen: ein magerer Mensch in einer zu dünnen Jacke, der freitagvormittags nach Arbeit fragt.

Der Griff ging auf.

„Hier gibt’s keine.”

Mox ging bis zur Haltestelle und wartete auf Kerstin. Der Oberarm meldete sich noch am Abend. Das Kennzeichen behielt er.


Um sieben lag der Umschlag in Weckhoven auf dem Tisch, neben dem Blatt mit der Lieferberechtigung. Jeck war unterwegs und suchte Hände; sechs hatte er, zwei davon durften an kein Tor.

„Die hintere Rampe”, sagte Mox. „An dem Haus, unter dessen Namen japanische Zeichen stehen.”

„Mitsuhama.” Dobs sah nicht mal hoch. „Verwaltungsstandort. Stand gestern am Schalter, gleich in der ersten Zeile.”

„Dann hat der Gärtner drei Jahre lang vor deren Hintertür Ballenware abgeladen, während nebenan einer ausgeladen hat, den keiner angemeldet hatte.”

Dobs zog das Kabel aus der Rolle und steckte es hinter dem Ohr ein.

„Zwanzig Minuten”, sagte er. „Wenn’s länger wird, mach mir das Fenster auf, mir wird sonst schlecht.”

Mox setzte sich auf den Stuhl daneben und sah einem Körper zu, der atmete und sonst nichts tat. Den Zustand kannte er von der anderen Seite. Das Gefährliche daran war nie der, der weg war. Es war immer der, der liegen blieb.


Die Ausweisnummer war noch da. Die elf Nächte waren weg.

Wo gestern Zeile unter Zeile gestanden hatte, jede eine Nacht, stand jetzt ein einziger Satz, an dem nichts mehr hing — weder eine Uhrzeit noch ein Fahrzeug: Zu dieser Ausweisnummer liegen keine Vorgänge vor.

Gelöscht war sie nicht. Sie war geschlossen worden, sauber, mit einem Datum daran, und das Datum war heute früh, sechs Uhr vierzig.

Dobs blieb, wo er war, und stellte die eine Frage, für die das Papier in der Hand noch reichte: Lieferberechtigungen Zufahrt Süd, Zeitfenster zwei bis fünf, Samstagnacht.

Es kam eine. Ausgestellt heute früh um sechs Uhr einundvierzig, eine Minute nach der anderen. Objekt Seestern Nord, Zufahrt Süd, Samstag, zwei bis fünf.

Dahmen, R.

Und darunter, in derselben Farbe wie alles andere, eine Zeile, die bei den elf Nächten immer erst hinterher dazugekommen war:

Zweites Fahrzeug: angemeldet.

Dobs las sie zweimal, und beim zweiten Mal war der Weg hinter ihm zu.

Kein Lärm, kein Zugriff, nichts, was ihn anfasste. Nur eine Wand, wo eine Tür gewesen war, und an der Wand entlang eine sehr freundliche Zeile über die Protokollierung von Anfragen. Er ging den Umweg. Der Umweg war länger als der Hinweg, und irgendwo in der Mitte hörte er auf, ein Weg zu sein.

Dann riss es ihn raus.


Der Körper auf der Matratze machte einen Buckel, bevor Dobs wieder darin war. Mox hatte den Kopf schon in beiden Händen, und es dauerte trotzdem zu lange, bis das Zittern aus den Beinen ging.

„Fenster”, sagte Dobs.

Mox machte das Fenster auf. Aus Dobs’ linkem Ohr lief ein Faden Blut bis zum Kiefer, dünn, und hörte von selbst wieder auf.

„Sie haben die alte Nummer heute früh um zwanzig vor sieben zugemacht”, sagte Dobs. Er saß vornübergebeugt auf der Matratze und sprach zum Boden. „Eine Minute später haben sie eine neue aufgemacht. Dahmen, R. Samstag, zwei bis fünf, Zufahrt Süd. Und das mit dem zweiten Wagen steht schon drin. Vorher.”

Mox legte den Umschlag aus Rosellen auf das Blatt, das seit Mittwoch auf dem Tisch lag.

„Dann fahren wir Samstag nicht für Dahmen”, sagte er. „Wir fahren für den, der Schäper bezahlt hat.”