▌ Gruel's StorytimeA continuing story, one chapter at a time.
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Kapitel 093 — Sieben Minuten

Um zwanzig vor eins standen elfhundertzwanzig Töpfe auf dem Hof, und Kerstin durfte keinen davon anfassen.

Sie lehnte an der offenen Tür des Führerhauses und sah der Kette zu. Unten an den Rollcontainern stand Dobs, in der Mitte zwei von Jecks Leuten, oben auf der Ladefläche der Dritte, der am schnellsten war und am wenigsten redete. Dobs hatte eine schlechte Nacht und einen schlechteren Morgen hinter sich und sagte nichts davon. Er nahm die Töpfe zu zweit, drehte jeden einmal in der Hand, bevor er ihn losließ, und setzte ihn ab. Bei elfhundertzwanzig Töpfen kostet das eine halbe Stunde. Keiner sagte ihm, er solle es lassen.

„Zwiebeln zuletzt”, sagte Dahmen. „Dann sind sie vorn, wenn wir aufmachen.”

Er stand neben ihr in derselben Fleecejacke und hatte seit dem Nachmittag ungefähr zwölf Sätze gesagt. Jeck war um vier bei ihm gewesen und hatte ihm den Rest erzählt: elf Nächte, sein Vater, die Sorten im September. Dahmen hatte danach eine Stunde in einem Folienhaus gestanden und war dann wiedergekommen und hatte gefragt, wann sie laden.

„Sie sitzen vorn”, sagte Kerstin. „Sie zeigen Ihren Ausweis, Sie sagen guten Morgen, und sonst sagen Sie nichts.”

„Und mein Vater?”

„Steht auf keiner Liste mehr. Da steht jetzt Ihr Name.”

Um Viertel nach eins war die Plane zu. Vier von Jecks sechs Leuten stiegen auf die Ladefläche; die anderen zwei blieben mit Dobs auf dem Hof stehen, weil an einem Tor mit Ausweisgerät kein Blank durchkommt und keiner von ihnen einen hatte. Es wurde nicht darüber geredet. Dobs hob die Hand, als der Motor ansprang, und ließ sie wieder sinken.

Mox stieg als Letzter ein und setzte sich zwischen sie.


Die Auffahrt lag zwei Kilometer vor dem Objekt, hinter einer Böschung, und der Kastenwagen stand schon da, Standlicht an, Motor aus. Kerstin rollte aus und ließ zwanzig Meter Luft.

Jeck ging hin. Es stieg niemand aus. Das Fenster ging herunter, so weit, dass ein Gesicht hineinpasste, und Kerstin sah aus vierzig Metern, dass der Mann darin beim Reden die Hände am Lenkrad ließ.

„Ich häng mich hinten dran”, sagte er, als Jeck zurückkam. Er hatte es dreimal gesagt und dazwischen nichts anderes. „Ich häng mich hinten dran, ich fahr hinter Ihnen rein, und was mein Wagen geladen hat, ist nicht Ihre Ladung.”

„Der hat nicht mal gefragt, wer ich bin”, sagte Jeck. „Für den ist das ein Dienstplan.”

Kerstin sah nach rechts. Mox hatte das Papier mit der Lieferberechtigung auf den Knien und drehte es einmal um seine Kante, bevor er es Dahmen hinhielt.

„Sieh’s dir an”, sagte sie leise.

Mox gab das Blatt weiter und machte die Tür auf.

„Ich kann da nicht hinsehen.”

Er sagte es in demselben Ton, in dem er Uhrzeiten sagte, und stieg aus. Kerstin blieb sitzen und rechnete rückwärts, und es kam die Nacht im Kühlhaus heraus, und danach vier Tage, an denen niemand gefragt hatte.

Mox ging am Kastenwagen entlang bis nach hinten, legte beide Handflächen flach auf die Bordwand und blieb so stehen. Der Mann am Lenkrad sah in den Spiegel und ließ ihn.

Es dauerte keine zwanzig Sekunden. Dann ging Mox zwei Schritte rückwärts, setzte sich auf die Leitplanke und stützte die Unterarme auf die Knie. Als Kerstin bei ihm war, lief ihm Blut aus der Nase über die Oberlippe, und der Verband am rechten Handrücken war an der Mitte dunkel geworden.

„Fahr”, sagte er. „Ich warte hier.”

„Was hast du?”

„Nachher.”


Am Tor stand kein Häuschen mit einer Schranke, sondern ein Mann mit einem Gerät in der Hand, und ein zweiter zwei Meter hinter ihm, der nichts in der Hand hatte und genau deshalb wichtiger war.

„Zufahrt Süd, Fenster zwei bis fünf.” Der mit dem Gerät sah nicht in die Kabine, sondern auf das Glas seines Displays. „Berechtigter?”

Dahmen reichte den Ausweis hinunter. Das Gerät machte ein Geräusch, das keinerlei Meinung enthielt.

„Dahmen, Reiner. Bestätigt. Zweites Fahrzeug ist angemeldet, das wissen Sie.” Es war keine Frage. „Rampe fünf, hinten herum, nicht über den Vorplatz. Ausfahrt bis fünf, danach ist zu.”

„Und die Leute hinten?“, fragte Kerstin.

„Stehen auf Ihrer Liste.” Er trat einen Schritt zurück und winkte sie durch, ohne den Kopf zu heben. „Willkommen bei Rheinkontor.”

Das Objekt war ein Block ohne Fenster, vier davon nebeneinander, und über dem dritten standen unter dem Namen japanische Zeichen. Auf der Rückseite lag die Rampe im Licht von zwei Strahlern, die niemanden blendeten, weil sie nach unten hingen. Der Kastenwagen kam hinter ihnen herein und stellte sich an das andere Ende, ohne dass jemand ihm sagte, wo.


Sieben Minuten.

Kerstin stand am Heck und ließ arbeiten. Die Zwiebelkisten zuerst, dann die Gehölze, dann die Töpfe in Zwanzigerreihen auf den Platz vor der Rampe, in der Reihenfolge, in der die Kolonne sie um sieben brauchen würde. Am anderen Ende trugen zwei Männer vier flache Kisten aus dem Kastenwagen in eine Tür, an der niemand stand.

Einer von Jecks Leuten sah dabei zu. Er tat es nur zwei Sekunden zu lang und in die falsche Richtung, und einer der beiden stellte seine Kiste ab und kam quer über den Beton.

Der Griff ging an den Kragen, und Kerstins Arm war vorher da.

Sie hatte es nicht entschieden. Der Weg lag hinter ihr, bevor der Gedanke ankam — zwei Schritte, die Hüfte dazwischen, die rechte Hand am Handgelenk des Mannes, und weil sie die linke mitgenommen hatte, riss in ihrem Unterarm etwas auf, das gerade erst zugewachsen war. Die Sporne blieben, wo sie waren. Blut an einer Konzernrampe kostet einen Betrieb den Rahmenvertrag und einen Gärtner sein Jahr, und das hätte sie auch dann gewusst, wenn sie Zeit zum Wissen gehabt hätte.

„Der guckt woandershin”, sagte sie. „Ab jetzt.”

Der Mann sah sie an, sah ihren linken Ärmel dunkel werden und ging zurück zu seiner Kiste. Er hatte kein Wort gesagt und sagte auch jetzt keins.

Um drei Minuten nach halb drei war die Plane wieder zu. Der Werkschützer am Tor hob beim Rausfahren zwei Finger von seinem Gerät.


Sie sammelten Mox an der Auffahrt ein. Er war aufgestanden und hatte sich an den Pfosten gestellt, und er ging drei Schritte zum Wagen und brauchte dafür länger als für die Strecke von der Leitplanke.

Um Viertel nach vier stand Dahmen auf seinem Hof und ließ die Hoflampe an. Um sieben fing die Kolonne an, um halb elf rief er an, und um zwölf lagen vier Riesen EC auf dem Tisch in Weckhoven, in Fünfzigern, aus einem Auftrag, der achtzehn wert gewesen war und den er nur ganz oder gar nicht bekommen hätte.

Kerstin legte ihren Arm auf den Tisch und schnitt den Ärmel auf.

„Ich brauch Halm”, sagte sie. „Selber machen geht nicht mehr, und nächsten Dienstag muss ich fahren.”

Jeck stellte eine Schüssel hin und setzte sich.

„Und der Rest?”

Mox saß am Fenster, wo er seit zwei Stunden saß. Er hatte die Hand nicht neu verbunden und sah sie auch nicht an.

„Vier Kisten, flach, gekühlt. In dreien liegt totes Material — Rinde, Horn, so was, viel davon.” Er drehte den Kopf. „In der vierten liegt etwas, das nicht tot ist. Es wird kalt gehalten, damit es stillhält, und es weiß, dass es kalt gehalten wird. Das läuft seit März elfmal durch dieses Tor, und einer bezahlt es in Nuyen.”