▌ Gruel's StorytimeA continuing story, one chapter at a time.
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Kapitel 094 — Wer unterschreibt

Sonntag, halb elf, und über dem Hafen stand der Dunst so tief, dass die Kräne oben aufhörten.

Dobs kam über die Gleise, weil der Weg am Zaun entlang seit der Sperrung an Becken zwei zwei Uniformen zu viel hatte. Auf dem linken Ohr hörte er seit Freitag schlechter. Es wurde besser. Wie langsam, hatte er niemandem gesagt.

Gesa saß auf dem Stapel Paletten vor der Halle und schälte mit einem Taschenmesser die Isolierung von einem Kabelrest.

„Ich hab dir gesagt, ich sag Bescheid, wenn’s so weit ist”, sagte sie. „Es ist so weit.”

Neben ihr stand ein Junge, den Dobs vom Sehen kannte und dessen Namen er zweimal gehört und einmal behalten hatte. Kappes. Fünfzehn, breite Hände für fünfzehn, an beiden Daumen die abgeheilten Krater von Schweißperlen.

„Metallbau Pesch, Hafenstraße”, sagte Gesa. „Der Alte nimmt ihn. Zum ersten August.”

„Was kannst du?“, fragte Dobs.

„Heften kann ich.” Kappes sah dabei auf seine Schuhe. „Anreißen. Winkel schneiden geht auch, aber nicht sauber. Ich fahr seit Ostern samstags mit raus.”

„Wann bist du geboren?”

„Im Winter.”

„Und wann im Winter?”

„Weiß ich nicht.” Er hob die Schultern und ließ sie wieder fallen. „Der Alte sagt, ich soll den Vertrag zur Kammer bringen. Sonst nichts. Nur den Vertrag.”

Gesa legte das Messer weg und sah Dobs an, und in ihrem Gesicht stand nichts, das er hätte deuten müssen.

„Das ist der Preis fürs Gestell”, sagte sie. „Ich hab ihn selbst genannt. Mach ihn.”


Er ging hinein, ohne aufzustehen, mit dem Rücken an einer warmen Hallenwand, und die Halle war weg, bevor er zu Ende gedacht hatte, dass sie warm war.

Die Kammer lag in Düsseldorf und in der Matrix an einem breiten, leeren Weg, auf dem seit Jahren nichts Neues gebaut worden war. Ein Haus aus der Zeit, als Häuser in der Matrix noch Treppen hatten. Innen ein Flur, links und rechts Türen mit Gewerken darauf, und hinter den Türen die Rollen: Metallbauer, Anlagenmechaniker, Elektroinstallateure, Friseure, Bäcker, jede Rolle ein Schrank, jeder Eintrag eine Karte, jede Karte ein Mensch mit einer Nummer, einem Betrieb und drei Jahren.

Vorn lag alles offen. Öffentlich war, welcher Betrieb ausbilden darf, und Pesch stand da, mit einem Zusatz, den Dobs zweimal las: seit vier Jahren kein Lehrling eingetragen.

Öffentlich war auch das Merkblatt, und das Merkblatt war das eigentliche Tor. Zur Eintragung eines Berufsausbildungsvertrages gehören: die Personalien des Auszubildenden mit Kennung, eine Meldeanschrift, die Bescheinigung der ärztlichen Erstuntersuchung nach dem Jugendarbeitsschutz, die Anmeldung bei einer Kasse, die Sozialversicherungsnummer, die Anmeldung an der Berufsschule — und bei Minderjährigen die Unterschrift des gesetzlichen Vertreters, in Blockbuchstaben darunter, mit Anschrift. Gebühr: vierzig neue Mark, fällig bei Eintragung.

Ein Absatz weiter, klein und für andere gemeint, stand der Rest. Betriebe, die auf Werksgelände Dritter arbeiten, melden ihre Auszubildenden dort gesondert an; ein Werksausweis wird auf die Kennung ausgestellt. Darunter, in einer Aufzählung von sechs Firmen, die Pesch offenbar belieferte, stand Komatsu.

Vier Jahre kein Lehrling. Und ein Werk, das jeden Ausweis prüft, den es ausstellt.

Ganz hinten im Flur, hinter der letzten Tür, war etwas, das Dobs mitten in der Bewegung stehen ließ. Es hatte nichts Freundliches und nichts Lautes. Es hatte seit Jahren nichts zu tun gehabt und war deshalb sehr wach. Es merkte, dass jemand im Flur stand, und fing an, sich in seine Richtung zu drehen, und es drehte sich langsam, weil alles hier langsam war.

Dobs blieb, bis er die Zeile mit der Unterschrift zu Ende gelesen hatte, und ging dann, während es sich noch drehte. Er nahm die Treppe, nicht den Weg, auf dem er gekommen war.

Draußen lag der Hafen wieder da, kalt und mit Möwen drin, und links im Kopf saß der Schmerz, den er erwartet hatte, und kein größerer.


In Weckhoven saß Jeck am Tisch und legte Ausweise aus, die alle demselben Mann gehörten und von denen keiner er war.

„Erstuntersuchung”, sagte Dobs. „Kasse. Sozialversicherung. Berufsschule. Und einer, der unterschreibt, mit Anschrift, in Blockbuchstaben.”

„Wie alt?”

„Fünfzehn.”

Jeck schob die Ausweise zu einem Stapel zusammen und ließ die Hände darauf liegen.

„Dann reden wir nicht über Papier.” Er sagte es freundlich. „Eine Legende muss zwei Stunden halten. Danach ist sie eine Geschichte, die jemand erzählt hat. Das hier muss drei Jahre halten und jeden Monat selber etwas tun. Der Junge geht zum Arzt, und der Arzt schreibt was auf. Er kriegt eine Karte von einer Kasse, und die Kasse schreibt was auf. Er sitzt zweimal die Woche in einer Klasse mit dreiundzwanzig anderen, die alle einen Vater haben, den man anrufen kann. Und im dritten Halbjahr geht er durch ein Werkstor, und das Werk heißt Komatsu.”

„Der Alte nimmt ihn.”

„Der Alte kriegt dreihundertachtzig Mark Vergütung im Monat aus der eigenen Tasche und die Hälfte davon vom Land zurück, wenn die Rolle stimmt. Der Alte hat keinen Grund zu lügen, und deshalb wird er auch nicht lügen, wenn ihn einer fragt.” Jeck zog einen der Ausweise wieder aus dem Stapel und drehte ihn zwischen zwei Fingern. „Einen Namen bau ich dem Jungen bis Mittwoch. Einen Vater bau ich ihm nicht.”

„Und wenn du ihn kaufst?”

„Dann kann ich das.” Er legte den Ausweis hin. „Es gibt Leute, die für dreitausend EC drei Jahre lang ans Telefon gehen und einmal im Quartal eine Unterschrift machen. Und von dem Tag an gehört der Junge dem Mann. Nicht der Kammer. Nicht dem Alten. Dem Mann.” Er sah hoch. „Willst du dem Kind das kaufen?”

Die Tür ging, und Kerstin kam herein, den linken Arm frisch versorgt und die Jacke über der Schulter, weil der Ärmel nicht drüberging.

„Halm sagt zwölf Tage.” Sie ließ sich auf die Matratze fallen. „Dienstag halb neun fahr ich trotzdem.”

Sie schlief nach zwei Minuten. Auf der Kiste neben ihrem Kopf lag ein Taschenbuch mit gebrochenem Rücken, ein Heftroman, wie es sie an jeder Tankstelle gibt, und vorn auf dem Umschlag stand in geschwungenen Buchstaben Olivia. Innen auf der ersten Seite hatte jemand mit Kugelschreiber einen Vornamen hingeschrieben, der nicht ihrer war. Dobs las ihn, legte das Buch zurück, wie es gelegen hatte, und griff nach seiner Jacke.


Es dämmerte, als er wieder am Zaun stand. Gesa hörte sich alles an, bis zu dem Satz über den Mann, dem der Junge dann gehört, und danach war es eine Weile still, und in der Stille tuckerte auf dem Wasser ein Schubverband vorbei.

„Zwei Sachen”, sagte sie. „Erstens: das Kind kriegt kein Geld von mir. Ich hab keins.”

„Weiß ich.”

„Zweitens.” Sie stand auf und klopfte sich die Hose ab. „Wenn das Papier hält, hat er in vier Jahren eine Nummer. Dann steht er in einer Kasse, in einer Rolle, in einer Klassenliste und am Tor von einem Konzern. Er kann eine Wohnung mieten und krank werden, ohne dass es einer bezahlt.” Sie sah aufs Wasser. „Und er kann gefunden werden, jeden Tag, von jedem, der fragt. So einer kommt hier nicht mehr über den Zaun, Kind. Nicht weil wir ihn nicht lassen. Weil er dann was zu verlieren hat.”

Dobs schob die Hände in die Jackentaschen und sah dorthin, wo sie hinsah.

„Er will’s ja.”

„Er ist fünfzehn.” Gesa klappte das Taschenmesser zu. „Hast du ihm gesagt, was er dafür hergibt, oder soll ich das machen?”