Kapitel 095 — Aussonderung
Das Restaurant lag im ersten Stock eines Möbelhauses an der Düsseldorfer Straße, und um zehn Uhr morgens saßen dort vier Rentner, eine Frau mit einem Bollerwagen voll Gardinenstoff und Jeck.
Domke kam mit zwei Minuten Verspätung und entschuldigte sich dafür einzeln. Er trug denselben zu weiten Mantel, hatte einen Aktendeckel dabei, und bevor er sich setzte, prüfte er mit dem Handrücken, ob der Tisch trocken war.
„Streng genommen bestelle ich keinen Transport”, sagte er. „Ich bestelle eine Herausgabe. Der Unterschied ist für Sie unerheblich, für mich nicht.”
„Dann fangen wir bei dem an, was mich betrifft.”
„Vierzehn Spritzgussformen.” Domke legte eine Liste hin, vier Spalten, Werkzeugnummern, Gewichte. „Zwischen siebenhundert und neunhundert Kilo pro Stück. Sie stehen in Halle drei auf dem Gelände von Formenbau Lenzen, Neuss-Grefrath. Lenzen hat am siebzehnten Juli Insolvenz angemeldet.”
Jeck zog die Liste zu sich und las die Fußzeile, weil da bei Papier, das echt ist, immer etwas steht.
„Und sie gehören nicht Lenzen.”
„Sie gehören Renraku Elektronik Deutschland, Werk Ratingen.” Domke schob ein zweites Blatt nach, eine Kopie mit unscharfen Rändern. „Renraku hat die Werkzeugkosten bezahlt, in jedem einzelnen Auftrag steht derselbe Absatz, und die Nummern sind eingeschlagen. Eigentum ist das sauberste an der ganzen Sache. Alles andere ist es nicht.”
„Wer sagt nein?”
„Yano-Rhein Industrieleasing, Düsseldorf-Niederkassel. Zweihundertzwanzigtausend EC offen bei Lenzen, dafür das gesamte Anlagevermögen sicherungsübereignet, und sie zählen die Formen dazu.” Domke rückte die Blätter so, dass sie parallel lagen. „Der Verwalter — Dr. Ohligs, Kanzlei in Mönchengladbach — hat die Halle am neunten August versiegelt und entscheidet nichts, solange zwei Parteien ihn anschreiben. Am neunzehnten ist Verwertungstermin. Was dann noch in der Halle steht, geht mit der Masse weg.”
„Und wird von Yano-Rhein für ein Trinkgeld gekauft und an Renraku zurückvermietet.”
„Das habe ich nicht gesagt.” Domke hielt einen Moment inne. „Ich halte es für die naheliegende Erwartung, ja.”
Draußen rangierte ein Gabelstapler Pakete in einen Kastenwagen. Jeck ließ die Finger auf der Werkzeugliste liegen.
„Was steht für Renraku auf dem Spiel?”
„Der Serienanlauf in Ratingen. Die Vertragsstrafe gegenüber dem Abnehmer beträgt vierzigtausend ¥ pro Tag.” Domke sagte das Zeichen mit; er sagte immer alles mit. „Die Strafe steht in ¥, nicht in EC. Das war nicht meine Wahl, und es ist auch nicht meine Kanzlei, die abrechnet. Sie fragen mich als Nächstes, für wen ich arbeite.”
„Ich frage Sie, wer hinter Yano-Rhein steht.”
„Im Handelsregister: eine Verwaltungsgesellschaft und zwei natürliche Personen, beide mit Wohnsitz in Düsseldorf.” Domke nahm die Brille ab und sah sie an, statt Jeck. „Mir ist gesagt worden, ich soll das Wort Gesellschafterkreis benutzen. Mir ist von jemandem, dem ich glaube, ein anderes Wort gesagt worden.”
„Welches?”
„Yakuza.” Er setzte die Brille wieder auf. „Ich weiß nicht, ob es stimmt. Ich weiß, dass Niederkassel nicht weit von Immermann ist und dass bei Lenzen dreiundvierzig Leute gearbeitet haben und niemand die Halle aufmacht. Für unsere Zwecke reicht: die Gegenseite hat Geld, Geduld und einen Grund.”
„Preis.”
„Zehn Riesen EC, Auslagen gegen Belege obendrauf.” Domke schloss den Aktendeckel. „Die vierzehn Formen sind am Neunzehnten in Ratingen, oder sie sind weg. Ein Bruch ist ausgeschlossen — nicht aus Zartgefühl. Wenn irgendwer später sagen kann, es war ein Bruch, ist das Eigentum das Erste, was vor Gericht stirbt.”
Jeck steckte die Liste ein. Domke hatte ihm vor langer Zeit zweimal Geld gebracht und bei einer der beiden Sachen nicht alles erfahren, und er saß auch heute da und wusste es nicht. Jeck sagte nichts davon und bestellte ihm einen Kaffee, den Domke stehen ließ.
Um halb neun stand der Wagen zweihundert Meter vor der Einfahrt des Gewerbehofs, Motor aus, in einer Straße aus Zäunen, Schlaglöchern und Brombeeren.
Kerstin saß am Steuer und sah geradeaus. Ihr linker Arm lag angewinkelt im Schoß, und über das Thema war heute morgen in zwei Sätzen entschieden worden: sie fuhr, und niemand sonst.
„Hof ist gepflastert, vierzig auf achtzig”, sagte sie. „Öl in der Mitte, da hat lange was gestanden. Halle drei ist die hintere, Rolltor plus Manntür. Am Rolltor hängt eine Kette, die nicht gebraucht wird.”
„Licht?”
„Zwei Lampen, eine tot. Ich brauch sie nicht.” Sie schaltete um, und Jeck sah es an ihrem Gesicht, weil an ihren Augen selbst nichts zu sehen war. „Zwei drin. Beide sitzen, beide seit mindestens einer Stunde. Einer an der Nordwand, einer weiter hinten links.”
„In einer versiegelten Halle.”
„In einer versiegelten Halle.” Sie blieb auf dem Bild. Dann drehte sie den Kopf ein Stück, langsamer als nötig. „Und da ist noch was. Ecke Süd, außen, vor der Manntür. Das hat gar nichts.”
„Was heißt gar nichts?”
„Kein Grad. Der Fleck meldet nichts, das Pflaster daneben meldet.” Sie nahm die Hände vom Lenkrad. „Beton ohne Sonne sieht so aus. Beton steht nur nicht so rum.”
Jeck sah zwölf Sekunden auf das Rolltor und rechnete es durch. Mox lag seine zwei Tage noch ab und hätte ihm nicht sagen können, was dort steht, auch wenn er mitgekommen wäre. Kerstin durfte nicht ziehen, nicht heben, nicht tragen. Dobs saß in Weckhoven über einer Kammerliste und war bis Mittwoch verplant.
„Ich geh hin”, sagte Jeck. „Ich will das Siegel lesen. Zwei Minuten.”
„Das Ding steht vier Meter neben der Tür.”
„Deswegen les ich schnell.”
Das Seitentor war angelehnt. Seit Wochen verdiente hier niemand etwas, und niemand schloss mehr ab. Jeck ging über das Pflaster, die Hände offen, im Tempo eines Bürgersteigs, weil schnelle Schritte auf einem fremden Hof von weitem auffallen. Die Manntür hatte einen Papierstreifen über dem Falz, Stempel, Datum, eine Unterschrift in Kugelschreiber. Er war noch acht Meter weg und konnte das Datum schon lesen.
Bei vier Metern ging die Luft nicht mehr hinein.
Es war kein Schlag und kein Stoß. Sein Brustkorb machte einfach nicht mehr auf. Die Rippen standen, das Zwerchfell zog und bekam nichts, und in den Ohren stieg ein Ton hoch, der nicht von draußen kam. Die Knie kamen zuerst, dann die Handflächen aufs Pflaster. Er sah zwei Handbreit vor sich Öl in einer Fuge und dachte an gar nichts außer an die Richtung.
Rückwärts. Auf den Händen, auf den Knien, über eine Pflasterkante, die einen halben Zentimeter hoch war.
Dahinter ging die Luft wieder hinein, auf einmal und ganz, und er lag auf der Seite und hörte sich atmen, laut, vier oder fünf Züge lang.
Als er wieder am Wagen war, hatte Kerstin die Tür geöffnet und stand mit einer Hand am Rahmen, fünf Meter weit weg und keinen Schritt weiter.
„Die letzten zwei Sekunden hatte ich dich nicht”, sagte sie. „Du warst weg. Nicht dunkel. Weg.”
Jeck setzte sich auf den Beifahrersitz und wartete, bis er einen Satz zusammenhatte.
„Dann bleibt Renraku wohl bei der Post.” Es kam als Rost heraus, ein Drittel Stimme, und keiner von beiden lachte darüber. Im rechten Auge war ihm ein Gefäß geplatzt; das sah er erst später im Spiegel.
Aus der Pförtnerloge am vorderen Ende kam ein Mann mit einer Handlampe, die er nicht auf sie richtete, sondern auf den Boden vor seinen Schuhen.
„Sie sind an der Drei entlanggegangen”, sagte er. Er war um die sechzig und hatte einen Schlüsselbund am Gürtel, der dreimal so alt aussah wie sein Anorak. „Lövenich. Ich mach hier den Hof. Die Drei war schon immer eine schlechte Halle, die stand schon ’61 halb leer, die hat nie einen anständigen Boden gehabt.”
„Da ist jemand drin.”
„Da geh ich abends nicht drauf.” Er sagte es, ohne dass ein Grund hinterherkam. „Der Verwalter war zweimal hier, einer von den Ruhigen, mit Klebeband und einem Ordner. Der hat abgeschlossen und ist wieder weg, und seitdem ist zu.”
„Und sonst kommt keiner.”
Lövenich drehte die Handlampe in der Faust um und leuchtete sich selbst an die Hosenbeine.
„Donnerstags kommt einer und macht die Drei auf. Mit einem Schlüssel, den der Verwalter nicht hat.” Er hob den Kopf. „Und er stellt seinen Wagen immer genau da hin, wo Ihrer steht.”