Kapitel 096 — Grenzsteine
Am Dienstagmorgen stand Mox wieder auf, und es hielt. Die zwei Tage hatten vier Schritte bis zur Tür gekostet, danach ging es von selbst. Die Stelle am Handrücken war trocken geblieben. Alles andere war unverändert: Er sah in die Küche, und da war eine Küche, und sonst nichts.
Jeck saß am Tisch und hatte den Kaffee stehen lassen, bis er kalt war. Das rechte Auge war rot bis an den Rand, und beim Reden kam ein Drittel heraus.
„Halle drei. Versiegelt seit dem Neunten”, sagte er. „Vierzehn Formen drin, nachts zwei Leute, die nicht durchs Tor gekommen sind. Und an der Südecke steht was, vier Meter vor der Manntür.”
„Ich hab’s gehört.”
„Dann hast du auch gehört, dass ich dir nicht sagen kann, was.”
„Dann sehe ich mir an, was drumherum steht.”
Dobs saß am anderen Ende des Tischs und hatte die Werkzeugliste vor sich, vier Spalten, Nummern und Gewichte. Mox tippte mit zwei Fingern auf die erste Spalte.
„Die Nummern sind eingeschlagen. Such nicht, wem sie gehören. Das weiß Domke.” Er schob die Liste zwei Zentimeter weiter. „Such, wem sie versprochen sind.”
„Wo soll so was stehen?”
„Da, wo einer eine Rampe frei hält.”
Der Wareneingang des Werks Ratingen war ein Vorplatz aus hellem Grau mit sechs Toren, und über jedem Tor hing ein Brett. Auf den Brettern standen die Zeitfenster der nächsten zwölf Tage, und unter jedem Zeitfenster stand schon da, was angemeldet war: Umrisse von Lastzügen, jeder mit einer Nummer, jeder mit einem Gewicht. Wer hier ankam, hatte sich vorher angekündigt. Sonst kam er nicht an.
Dobs blieb am Rand des Pflasters und legte die vierzehn Werkzeugnummern hin, eine nach der anderen.
Vierzehn Umrisse gingen an. Sie standen beieinander unter Tor vier, am Neunzehnten, acht Uhr, siebenhundert bis neunhundert Kilo das Stück. Darunter eine Zeile, die er zweimal las.
Angemeldet am elften August.
Zwei Tage nach dem Siegel.
Er trat an das Feld heran, in dem der Anlieferer stehen musste. Das Feld ging nicht auf. Es war nicht verschlossen, es war für ihn schlicht nicht da, und während er noch davorstand, kam vom Tor etwas herüber und fragte nach seiner Lieferantennummer. Es fragte höflich und in zwei Sprachen und blieb dann neben ihm stehen. Beim zweiten Mal fragte es dasselbe. Beim dritten Mal fragte es nicht mehr nach der Nummer, sondern von wo aus er spreche.
Dobs ging hinaus, bevor die Frage zu Ende war. Hinter ihm blieb der Vorplatz hell und ordentlich, und irgendwo darin stand jetzt eine Anfrage nach vierzehn Werkzeugen, zu der niemand einen Absender hatte.
Am Nachmittag setzte Jeck ihn an der Gartenanlage ab, dreihundert Meter vor der Einfahrt, und fuhr weiter nach Neuss hinein. Mox nahm den Trampelpfad zwischen Graben und Bauzaun, Holunder auf der einen Seite, auf der anderen ein Gewerbehof, an dem seit Wochen niemand mehr etwas verdiente.
Der Hof war gepflastert, und in jeder Fuge wuchs etwas: Moos, Löwenzahn, kleine harte Gräser, die im September schon von unten braun wurden. Er ging am Zaun entlang und sah nach unten, und nach gut zwanzig Metern hörte das Grün auf.
Nicht ausgerissen. Nicht abgebrannt. Die Fugen waren hell und pulvrig, das Moos stand noch darin und war grau bis in die Wurzel. Die Kante zwischen Grün und Grau lief gerade über den Hof, quer durch die Steine hindurch, ohne sich um Fugen oder Gefälle zu kümmern. Sie lief auf die Südecke von Halle drei zu und hörte auf seiner Seite an der Pflasterkante auf.
Mox riss im Graben eine Handvoll Gras aus und warf sie über den Zaun. Die Hälfte fiel ins Grüne, die Hälfte ins Graue. Er wartete, bis auf der Straße zwei Wagen vorbei waren, und sah wieder hin. Was im Grünen lag, war Gras. Was jenseits der Kante lag, war weiß und trocken und flach.
Dann ging er die Kante ab, bis er fand, was er suchte.
Der erste Stein saß bündig im Pflaster, ein Granitkopf, handbreit, mit einem eingehauenen Kreuz. Rund um ihn war das Pflaster aufgenommen und wieder gesetzt worden; der Sand in den Fugen war heller als überall sonst und ohne jeden Bewuchs. Zwölf Meter weiter der nächste, genauso, und an der Ecke der dritte.
„Der Vierte liegt hinten am Graben.”
Lövenich stand auf seiner Seite des Zauns und war über den Hof gekommen, ohne das Graue auch nur zu streifen. Der Anorak war derselbe.
„Sie kennen sie.”
„Ich mach hier den Hof.” Er sah auf den Stein, nicht auf Mox. „Die sind älter als alles, was hier steht. Die Halle ist von achtundfünfzig, allein das Dach hat zwölftausend Mark gekostet, das weiß ich, weil mein Vorgänger es mir dreimal erzählt hat. Die Steine waren schon da, als hier noch Rüben drauf standen.”
„Und die Ecke?”
„Die Ecke ist seit dem Frühjahr tot.” Lövenich legte die Hand auf den Zaunpfosten und ließ sie liegen. „Vorher stand da Löwenzahn bis ans Tor, jedes Jahr, in den Fugen hält kein Mörtel mehr. Im März war ein Vermesser hier. Mit zwei Leuten, die keine Vermesser waren.”
„Woran haben Sie das gesehen?”
„Vermesser kommen zu zweit und tragen Weste und stellen den Stab hin. Die zwei sind nur dabeigestanden, und einer hatte einen Koffer, der nicht aufgegangen ist.” Er drehte sich zur Halle. „Gesucht hat er die Steine trotzdem. Alle vier. Der hat zwei Stunden mit dem Spaten in meinem Hof gestanden, und danach war das Pflaster neu, und ich hab keinen Zettel darüber gekriegt.”
„Wer hat ihn geschickt?”
„Das haben Sie mich jetzt gefragt”, sagte Lövenich und ging zurück zur Loge.
Das Seitentor stand noch immer angelehnt. Mox holte aus dem Graben Pflasterbrocken, zwölf Stück, und legte sie auf dem Hof in einer Reihe aus, eine Handbreit voneinander entfernt, entlang der Kante, wo das Grau ins Grüne überging. Er arbeitete langsam und blieb dabei sechs Meter von der Südecke weg. Es dauerte eine Viertelstunde. Danach ging er wieder hinaus und den Zaun ab bis zum vierten Stein, und der lag am Graben, mit demselben hellen Sand um sich herum.
Eine Wirkung, die an einer Grundstücksgrenze aufhörte, war nicht an die Halle gebunden und nicht an das, was in der Halle stand. Sie war an den Boden gebunden. Wer sie bestellt hatte, sicherte nicht ein Siegel, sondern einen Besitz — und hatte im März gewusst, dass er einen haben würde.
Jeck kam um zwanzig nach acht zurück, als das Blau aus dem Himmel ging. Er stieg nicht aus, er kurbelte nur das Fenster herunter.
„Der Junge hat’s”, sagte er, und es klang schlechter als morgens. „Vierzehn Nummern, Tor vier, am Neunzehnten um acht. Angemeldet am elften August.”
„Zwei Tage nach dem Siegel.”
„Einer hat die Formen längst verkauft. Er muss sie jetzt nur noch holen dürfen.” Jeck räusperte sich und ließ es dann. „Und solange sie nicht in Ratingen stehen, zahlt Renraku vierzigtausend ¥ am Tag an seinen Abnehmer. Das läuft für den Verkäufer, nicht gegen ihn.”
Mox ging noch einmal auf den Hof, weil es gerade eben hell genug war, um den Boden zu sehen.
Die Reihe lag da, wo er sie hingelegt hatte, zwölf Brocken, eine Handbreit auseinander. Die ersten drei lagen im Grauen. Das Moos um sie herum war hell bis in die Wurzel, und die Kante stand eine gute Handbreit vor dem vierten Stück.
Er zählte nach. Drei in sieben Stunden. Bis zur Einfahrt waren es zweiundzwanzig Meter, und bis Donnerstag waren es zwei Tage.