▌ Gruel's StorytimeA continuing story, one chapter at a time.
← All chapters

Kapitel 097 — Schlagzahlen

Um Viertel nach fünf stellte Jeck den Wagen dreihundert Meter vor der Einfahrt ab und machte das Licht aus, bevor er den Motor ausmachte.

„Eine Stunde”, sagte er. Die Stimme war weiter Rost, ein Drittel davon kam heraus. „Dann komme ich über den Hof, und das will keiner von uns beiden.”

„Zwanzig Minuten.”

Sie nahm den Trampelpfad zwischen Graben und Bauzaun. Der Holunder tropfte von der Nacht, und über Grefrath lag noch nichts, was ein Morgen gewesen wäre.

Am Zaun schaltete sie um, und der Hof kam ihr entgegen: Pflaster in Körnern, Fugen als Schatten, der alte Ölfleck in der Mitte, die Halle als Wand ohne Tiefe. Kein Lichtkegel, den jemand von der Straße aus sieht — auf einem toten Gewerbehof ist eine Handlampe das Einzige, was auffällt.

Die Reihe lag noch da. Zwölf Pflasterbrocken, eine Handbreit auseinander, und alle zwölf lagen jetzt im Grauen. Hinter dem letzten stand die Kante eine knappe Elle weiter draußen, quer über die Steine hinweg, und was dahinter lag, war hell und pulvrig und stand still.

Aus der Halle kam ein Geräusch. Es lief an, hörte auf, lief wieder an: ein kleiner Motor unter Last, mit einem Ton darin, den Blech nicht macht. Dazwischen etwas Hartes, kurz, sechs- oder siebenmal hintereinander. Dann wieder der Motor.

Beim zweiten Durchgang zählte sie mit. Sieben.


Hinten an der Drei stand ein Schuttcontainer an der Wand, halb voll mit Dachpappe, und darüber lief das alte Fensterband: Stahlrahmen, jede zweite Scheibe blind, eine ganz weg. Der Rahmen war von achtundfünfzig, der Kitt auch.

Sie stieg auf den Container, setzte den rechten Fuß auf die Kante und griff mit rechts an den Riegel. Der linke Arm kam mit und hielt eine Sekunde, und die zweite hielt er nicht. Sie nahm das Gewicht nach rechts, drehte die Schulter durch die Öffnung und lag auf einer Kranbahnkonsole, drei Meter über einem Boden, den es unter ihr kaum gab.

Lövenich hatte recht gehabt. Die Drei war eine einzige Halle ohne Zwischendecke, und der Boden war ein Flickwerk aus Estrich, Bohlen und untergelegten Stahlplatten. Vorn im ersten Drittel hingen zwei Baustrahler und leuchteten nach unten.

Die vierzehn standen in zwei Reihen auf Kanthölzern, grau, schwer, jede einzelne so groß wie ein halber Schrank.

An der vordersten arbeiteten zwei Männer. Der eine führte eine Magnetfräse über den Rahmen, dort, wo das Metall flach war; der andere wartete daneben mit einem Lappen. Unter der Fräse lag ein Häufchen Späne, blau angelaufen. Auf einem Hocker stand ein offener Holzkasten mit Schlagzahlen, Satz von zehn, daneben ein Hammer.

So ein Satz kostet neu um die dreihundert EC. Der hier war neu.

Kerstin ging auf der Konsole nach hinten, wo die Strahler nicht hinkamen, und stieg die Leiter herunter, Sprosse für Sprosse, rechts ziehend, links nur auflegend. Unten roch es nach kaltem Öl und nach dem Staub, den ein Jahr in einer geschlossenen Halle absetzt.

Dann ging sie die hintere Reihe ab.

Auf jedem Rahmen saß an derselben Stelle ein flaches Feld, handtellergroß, und in das Feld waren die Nummern eingeschlagen. Bei fünf von ihnen standen sie tief, an den Kanten rund und abgegriffen, so alt wie das Werkzeug selbst.

Bei den anderen neun war das Feld blank. Zwei Millimeter heruntergenommen, im Kreuzgang sauber überfräst, und darauf eine neue Nummer: scharfkantig, frisch, jede Ziffer einzeln geschlagen und jede um eine Winzigkeit schief.

Die neuen Nummern fingen alle gleich an. Zweiundsechzig, Bindestrich, dann vier Stellen, fortlaufend.

Werkzeuge, die seit über zwanzig Jahren liefen, mit einer Inventarnummer aus diesem Jahr.

Sie schaltete um. Von den neun lagen drei noch warm — nicht heiß, ein Hof aus Wärme rund um das Feld, der nach außen hin auslief. Die anderen sechs meldeten nichts mehr als die Halle selbst.

Drei in dieser Nacht. Neun in drei Nächten. Fünf offen.

Sie nahm eine Handvoll Späne vom Boden und ließ sie in die Jackentasche fallen.

Dann ging vorn der Schlüssel in die Manntür.


Die Fräse lief noch drei Sekunden weiter, dann stand sie. Kerstin war auf der Leiter, bevor sie sich dafür entschieden hatte; der Weg lag hinter ihr, und der Gedanke kam hinterher. Sie lag flach auf der Konsole, als die Tür aufging.

Der Mann, der hereinkam, war um die fünfzig, Blaumann unter der Jacke, und er blieb bei der vordersten Form stehen, bevor er die beiden überhaupt ansah.

„Das Feld ist zu flach”, sagte er. „Da steht die Sieben höher als der Rest. Das sieht ein Blinder mit dem Daumen.”

„Es hält.”

„Es hält, bis einer mit dem Finger drübergeht.” Er legte den Lappen über den Kasten mit den Schlagzahlen und machte ihn zu. „Noch mal auflegen, zwei Zehntel runter, dann neu schlagen. Und die Späne kommen weg. Alle. Auch die unterm Bock.”

„Wir sind die Nacht durch, Zanders.”

„Dann seid ihr das morgen wieder.” Er drehte sich zur Tür. „Um zehn ist bei euch Schicht, nicht um elf. Und das Rolltor bleibt zu. Auch nicht für Luft.”

Kerstin war durch das Fensterband, bevor er sich das Siegel vornahm.


Sie lag im Holunder auf der anderen Seite des Zauns, als sie zu dritt herauskamen.

Die beiden Arbeiter gingen vor. Sie gingen nicht außen herum, und sie gingen auch nicht schneller: sie gingen quer über die Südecke, mitten durch das Helle, und es passierte ihnen nichts. Einer trug einen Eimer und wechselte dabei die Hand.

Zanders kam zuletzt und nahm sich Zeit. Er zog den alten Streifen vom Falz, faltete ihn zweimal und steckte ihn weg. Aus der Jackentasche kam eine Rolle, davon ein frischer Streifen, den er über den Spalt legte und mit dem Daumen von der Mitte nach außen festfuhr. Dann ein Stempel aus derselben Tasche, aufgesetzt, kurz angedrückt, wieder eingesteckt. Dann ein Kugelschreiber, zwischen die Zähne, wieder heraus.

Er schrieb den neunten August darauf.

Der Transporter stand da, wo am Montag ihr Wagen gestanden hatte. Unter der weißen Farbe auf der Seitentür saß eine Schrift, die niemand wegstreichen kann, weil das Blech darunter anders altert: FORMENBAU LENZEN, und darunter eine Vorwahl.

Zanders stieg nicht gleich ein. Er ging die Reihe der Pflasterbrocken ab, vom ersten bis zum zwölften, langsam, und blieb am Ende stehen.

Dann holte er sich aus dem Graben einen dreizehnten, kam zurück und legte ihn zwei Handbreit hinter den letzten, genau auf die Kante.