▌ Gruel's StorytimeA continuing story, one chapter at a time.
← All chapters

Kapitel 099 — Haltbarkeit

Freitagmorgen um zehn nach sieben lag in Furth noch die halbe Nacht zwischen den Ständen. Ostermann hatte ihren Tisch eingeräumt und räumte ihn wieder um, als Jeck mit Mox in die Reihe einbog.

Vier Bretter auf Böcken, Gläser in drei Größen, Bünde mit Bast, Schilder in Handschrift. Eine Messingwaage mit einer Eichmarke am Fuß. Das Standgeld für den Freitag kostete vierzehn neue Mark, und sie zahlte es bar an einen Mann mit Ledertasche, bevor sie das erste Glas hinstellte.

„Setzen Sie sich da hin”, sagte sie zu Mox. „Nicht auf die Kiste. Die trägt nicht.”

Er setzte sich auf den Hocker. Sie wickelte den Verband ab, ohne stehen zu bleiben, und arbeitete mit der freien Hand weiter an ihren Bünden.

Der Handrücken war offen geblieben, seit über einem Monat. Die Stelle war einen Daumennagel groß, der Rand blass und zu glatt, und aus der Mitte kam nichts mehr, was heilen wollte.

Ostermann drehte die Hand ins Licht, drückte mit dem Daumen daneben und sah dabei nicht auf die Hand, sondern auf sein Gesicht.

„Seit wann schlafen Sie wieder durch?”

„Seit Dienstag.”

„Und vorher vier Wochen nicht.” Sie legte die Hand zurück auf das Brett und wandte sich an Jeck, weil sie sich das inzwischen angewöhnt hatte. „Was hat er im August gemacht?”

Jeck hatte die Antwort schon halb im Mund und ließ sie stehen.

„Als ich Sie um den Termin gebeten habe, habe ich gesagt, es geht um die Hand”, sagte er. Die Stimme trug nicht viel, das machte es kürzer. „Es geht nicht um die Hand. In der Nacht, in der er sich das geholt hat, hat er etwas über eine Sache gelegt. Seitdem ist die astrale Wahrnehmung weg. Grau, keine Kante. Das habe ich Ihnen im August nicht gesagt, und Sie hätten es vor dem Anfangen wissen müssen.”

Ostermann band den Bund fertig, den sie in der Hand hatte, und legte ihn zu den anderen.

„Dann machen wir das jetzt anders. Ich frage ihn. Was er sagt, gilt. Antworten Sie noch einmal für ihn, arbeite ich nicht.” Sie nahm ein Glas herunter und schraubte es auf. „Was haben Sie hingelegt?”

„Etwas Altes in einer Kiste”, sagte Mox. „Kleinste Stufe. Bis es nichts mehr gemerkt hat.”

„Und wieder aufgenommen haben Sie es nicht.”

„Nein.”

Sie strich das Zeug aus dem Glas auf ein Stück Leinen und roch daran, bevor sie es auf die Stelle setzte.

„Solange Sie das halten, kommt nichts zurück.”

„Wie lange hält sowas?“, fragte Jeck.

„Das ist die falsche Frage.” Sie zog den Knoten fest, prüfte ihn mit dem Zeigefinger und machte ihn eine Spur lockerer. „Das Ding in der Kiste wird nicht müde. Sie werden müde.” Sie sah Mox an und sagte es noch einmal, Wort für Wort dasselbe. „Solange Sie das halten, kommt nichts zurück.”

Dann, im Weiterarbeiten: „Träumen Sie noch?”

„Ja.”

„Und die Schlange?”

„Sie kommt”, sagte Mox. „Ich sehe sie bloß nicht.”

Ostermann stellte das Glas zurück ins zweite Brett.

„Drei Nächte drauflassen, tagsüber offen, nicht nass machen, in fünf Wochen ist die Hand zu. Sechzig neue Mark für das Material. Das Harz krieg ich seit dem Frühjahr nicht mehr aus Düsseldorf, das geht jetzt woandershin — ich nehme, was ich habe, deshalb fünf Wochen und nicht drei.”

Jeck zählte die Scheine auf das Brett.

„Und der Rest?”

„Die Hand ist dann zu”, sagte sie. „Der Rest nicht. Den kann ich nicht.”

Jeck kannte den Satz. Er benutzte ihn selbst, an anderen Tischen, für anderes Geld, und aus ihrem Mund gefiel er ihm erheblich schlechter.


Mittags in Weckhoven lag das Blatt für Kappes auf dem Tisch, seit Mittwoch fertig. Eine Kennung, eine Meldeanschrift in Holzheim, ein Datum im Winter, das jetzt ein Tag war.

Dobs las es von oben nach unten, ohne es anzufassen.

„Die Straße gibt es?”

„Die Straße gibt es, das Haus gibt es, die Nummer ist frei”, sagte Jeck. „Das Blatt ist der einfache Teil. Der Rest ist ein Mensch. Achtzehn, eigene Anschrift, unterschreibt und bleibt drei Jahre erreichbar. Sowas kostet dreitausend EC, und ab dem Tag hat der Junge einen, dem er gehört.”

„Und wenn keiner unterschreibt?”

„Dann arbeitet er samstags weiter und heißt nichts.” Jeck schob das Blatt in den Umschlag zurück. „Die Eintragung ist im Frühjahr. Bis dahin liegt es da.”


Kurz vor acht am Abend standen sie am Containerplatz im Hafen, dritte Reihe, und die Aggregate liefen alle durcheinander.

Kerstin blieb zwölf Meter vor der Reihe stehen und schaltete um.

In der Wärmesicht war der Platz eine Ansammlung heller Kästen auf dunklem Beton: jedes Aggregat ein warmer Fleck, jede Stromschiene ein Strich, die Türen als kalte Rechtecke. Ihr Container stand als Dritter von links. Daneben stand einer derselben Bauart, gleiches Baujahr, gleiche Einstellung, gemietet von einem Fischhandel aus Düsseldorf.

Sie nahm die Uhr und sah beiden eine halbe Stunde zu.

„Der Nachbar zieht elf Minuten in der halben Stunde”, sagte sie. „Unserer neunzehn.”

„Undicht?“, fragte Jeck.

„Nein. Undicht sieht anders aus, das wäre an der Tür und am Boden.” Sie ging drei Schritte nach rechts und blieb wieder stehen. „Linke Längsseite, zwei Meter hinter der Tür, auf halber Höhe. Da ist ein Fleck, eine Handbreit, und der steht vier Grad über dem Rest der Wand. Der Rest der Wand ist überall gleich.”

Mox sah dorthin, wohin sie sah. Für ihn war da eine Containerwand im Dunkeln, grau gestrichen, mit einer Nummer und einer alten Gefahrguttafel darunter, und mehr war da nicht.

„Zwei Meter hinter der Tür”, sagte er. „Da steht sie.”

„Ich weiß.”

Vom Becken her kam der Wind und roch nach kaltem Eisen. Auf dem Vertrag für den Stellplatz stand ein Name, der einem Mann in Krefeld gehörte; die Stromrechnung lief auf denselben Mann, und der Mann wusste von nichts, weil er nie gefragt worden war. Ein Container ist der einzige Ort in Neuss, an dem etwas stehen darf, ohne dass jemand einen Ausweis vorzeigt. Bezahlt werden muss er trotzdem.

Kerstin ließ die Wärmesicht an und drehte sich zu Mox um.

„Wie lange hältst du das?”

„Weiß ich nicht.”

„Rate.”

„Den Winter”, sagte Mox.

Sie sah ihn nicht weiter an und fragte auch sonst niemanden. Jeck stand daneben und merkte, dass sie die Auskunft genommen hatte, ohne sie bei ihm gegenzuprüfen — als Einzige seit Wochen. Er behielt es für sich und stellte es sich für später weg.

Das Büro des Platzbetreibers war seit sechs zu. Jeck schrieb die Vertragsnummer auf einen Umschlag, zählte gut drei Riesen EC für die nächsten drei Monate hinein und schob ihn unter der Tür durch.

Auf dem Vertrag stand ein Name, der einem Mann in Krefeld gehörte, und der Mann hatte gerade den Winter bezahlt.