▌ Gruel's StorytimeA continuing story, one chapter at a time.
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Kapitel 100 — Die Überfahrt

Montagmorgen um halb zehn stand in der Schleuse noch die Luft vom Freitag. Brandt spülte Gläser und stellte sie verkehrt herum auf ein Tuch.

„Für dich liegt was da”, sagte er. „Vermittelt hab ich es nicht.”

Er trocknete die Hände, legte ein gefaltetes Blatt auf die Theke und schob es bis zur Hälfte.

Kerstin klappte es auf. Eine Uhrzeit, ein Ort, ein Name.

„Brackhaus”, las sie.

„Der Name ist keiner.” Brandt nahm das nächste Glas. „Wenn der benutzt wird, sitzt Essen dahinter.”

„Und das hier?”

„Lag Sonntagnacht im Kasten. Keiner hat gefragt, keiner hat gezahlt.” Er hielt das Glas gegen die Lampe über der Theke und drehte es. „Ich nehme dafür nichts und ich vertrete das nicht. Mehr will ich nicht wissen.”


Die Fähre zwischen Langst und Kaiserswerth fuhr alle Viertelstunde, zwei neue Mark für den Fußgänger, Wagen extra. Als Kerstin und Jeck um zehn nach zwei auf den Ponton gingen, war für drei Personen bezahlt und für keinen Wagen.

Der Mann stand an der flussabwärtigen Reling, Ende vierzig, grauer Mantel, die Hände frei. Er hatte nichts dabei. Jeck fing bei den Konditionen an, weil er immer dort anfing, und die Stimme trug seit Freitag wieder bis ans andere Ende eines Tisches.

„Dreißig Riesen Nuyen”, sagte Brackhaus, bevor die Frage fertig war. „Zehn heute, bar. Der Rest am Freitag.”

„In EC”, sagte Jeck.

„Auch gut. Die Zahl bleibt.”

Kerstin sah ihn an, während er das sagte. Er hatte nicht nachgesehen und nicht nachgerechnet. Die Zahl war nie der Gegenstand gewesen.

„Meike Ahlers, einundvierzig. Werkstoffprüfung, Komatsu Deutschland, Werk Neuss.” Brackhaus sprach den Namen aus, ohne ihn zu ersetzen. „Am Donnerstag geht sie um zweiundzwanzig Uhr durch das Tor und kommt nicht wieder. Auffallen darf es am Montag. Nicht früher.”

„Und sie weiß davon?”

„Sie hat am elften Juli gefragt. Wir haben am zwölften geantwortet.”

Die Maschine ging auf Last, der Ponton löste sich, und das braune Wasser schob sich schräg unter den Bug. Sieben Minuten Überfahrt. Der Mann hatte den Termin auf die Länge einer Überfahrt gelegt.

„Bedingungen”, sagte Brackhaus. „Niemand wird angefasst. Am Tor passiert nichts. Wenn es hinterher nach Abwerbung aussieht, ist der Auftrag nicht erfüllt, auch wenn die Frau am Freitag in Bredeney steht.”

„Was hat sie für Papiere?“, fragte Kerstin.

Er drehte sich zu ihr, weil sie gefragt hatte, und antwortete ihr.

„Eine Konzernkennung. Sonst nichts.”

„Und danach?”

„Danach bekommt sie eine andere.”

Das war die ganze Auskunft, und sie reichte. Eine Frau, die seit Jahren an einem Band um den Hals hängt, geht am Donnerstag durch ein Tor, und was sie auf der anderen Seite ist, hängt davon ab, dass jemand in Essen ein Blatt ausstellt, bevor Komatsu ihres einzieht.

„Warum Donnerstag?“, fragte Jeck.

„Das gehört nicht zum Auftrag.”

Der Satz stand für sich. Kerstin hatte an Tischen gesessen, an denen jede zweite Antwort ein Angebot war. Dieser Mann verkaufte nichts.

„Ich sage nicht zu, bevor ich sie gesehen habe”, sagte sie.

„Dann sehen Sie sie sich an. Sie geht um zweiundzwanzig Uhr vierzehn.” Er nahm einen Umschlag aus dem Mantel und gab ihn Jeck, ohne hinzusehen. „Freitag, elf Uhr, dieselbe Fähre.”

Auf der Kaiserswerther Seite ging die Klappe herunter, die Leute gingen, ein Radfahrer kam an Bord. Brackhaus blieb an der Reling stehen und fuhr zurück, ohne ausgestiegen zu sein.

Jeck zählte im Gehen, mit dem Daumen, die Hand in der Manteltasche.

„Zehn sind zehn”, sagte er. „Domke hat heute um elf die anderen zehn Riesen EC gebracht, plus Auslagen, bar in Weckhoven. Das Konto war seit April nicht so voll.”

„Und keiner von beiden weiß, wofür der andere zahlt”, sagte Kerstin.


Um zwanzig vor zehn abends lag das Werksgelände an der Chemieschiene als langgezogener heller Streifen hinter einem Zaun, den sie in achtzig Metern Abstand ablief. Sie ging nicht näher heran. Näher brauchte sie es nicht.

Restlicht zuerst. Der Zaun war neu gezogen worden, drei Meter, oben abgewinkelt, alle vierzig Meter ein Mast mit zwei Kästen. Sie las die Aufschrift auf dem dritten Mast, ohne eine Lampe zu benutzen, und die Nummer der Ausschreibung darunter, die dort seit dem Frühjahr klebte.

Dann schaltete sie um.

Im Wärmebild fiel die Hälfte davon weg. Von den zwölf Kästen am Zaun standen acht kalt und tot in der Nacht, vier liefen. Die vier saßen am Tor, an der Verladung und an den beiden Ecken zum Hafen hin. Zwischen Mast sieben und Mast elf war der Zaun ein Zaun und weiter nichts. Das Pförtnerhaus hatte zwei Leute, einer saß, einer stand am Fenster. Im Hof arbeiteten drei Wagen und ein Stapler. Auf dem Besucherparkplatz außerhalb stand ein dunkler Kombi mit kaltem Motor und zwei warmen Menschen darin, und die hatten dort nichts zu suchen, denn wer zum Werkschutz gehört, sitzt innerhalb.

Der Streifenwagen kam um fünf vor zehn die Zaunlinie herunter, langsam, und blieb am Trafohäuschen stehen.

Sie war schon hinter dem Beton, bevor sie sich dafür entschieden hatte. Der Körper hatte die zwei Schritte gemacht und die Schulter an die kalte Wand gelegt, und der Kopf kam hinterher.

Der Mann stieg aus, ließ die Tür offen und ging mit der Handlampe um das Häuschen herum. Der Lichtkegel lief über den Beton, eine Spanne über ihrem Knie, und weiter. Er stellte sich an die Ecke, machte die Lampe aus und stand da, zwei Meter von ihr, und sah auf den Fluss. Sie hörte ihn atmen und das Ticken vom Auspuff. Wenn er einen halben Schritt weiterging, stand hier eine Frau mit Kunstaugen am Konzernzaun, und daraus wird kein Gespräch, sondern eine Anzeige mit ihrer Beschreibung darin, die schon bei Leuten liegt, die suchen.

Er rauchte nicht einmal. Er stand achtzig Sekunden, dann ging er zurück, und der Wagen fuhr weiter.

Um zweiundzwanzig Uhr vierzehn ging das Personentor auf.

Die Schicht kam in Gruppen heraus, zwanzig, dreißig Leute, und Kerstin hatte sie in Restlicht, Gesicht für Gesicht. Ahlers war mittelgroß, grauer Anorak, eine Tasche über der Schulter, und sie ging allein und im selben Tempo wie die Gruppe vor ihr, ohne zu ihr zu gehören. Der Kombi auf dem Besucherparkplatz fuhr nicht an. Die zwei blieben sitzen, wo sie saßen, und sahen auf das Tor.

An der Haltestelle stiegen sechs ein. Kerstin stieg als Letzte ein und setzte sich zwei Reihen hinter die Frau.

Der Bus fuhr am Hafen entlang, und in den Fenstern stand der Gegenverkehr. Ahlers saß gerade, die Tasche auf den Knien, und sah nicht heraus. Um den Hals hatte sie ein blaues Band, und daran hing, mit dem Bild nach innen gedreht, der Werksausweis.

Drei Haltestellen weit nahm sie ihn nicht ab.