Kapitel 101 — Fremdfirmen
Am Dienstagmittag lagen zwei Zettel auf dem Tisch in Weckhoven, und auf beiden stand eine Lieferantennummer.
„Ich war heute Morgen zweimal der Einkauf”, sagte Jeck. „Komatsu Neuss hat einen Werkzugang für Fremdfirmen. Wer da regelmäßig anliefert oder abholt, kriegt eine Nummer, und mit der Nummer darf er seine eigenen Vorgänge sehen. Was am Tor passiert, was angemeldet ist, wer wann durchgeht.”
„Und wir haben zwei davon.”
„Wir haben eine und könnten eine haben.” Er schob den linken Zettel zwei Finger weit vor. „Metallbau Pesch, Hafenstraße. Liefert denen seit elf Jahren Geländer und Podeste. Der Alte gibt mir die Nummer, wenn ich ihn richtig anrufe, und er merkt nicht mal, dass er sie gegeben hat.”
Dobs sah den Zettel an und fasste ihn nicht an.
„Da fängt Kappes im August an.”
„Ja.”
„Dann nicht.”
Jeck ließ den Zettel liegen, wo er lag, und zog den anderen herüber.
„Metallhandel Küppers. Ankauf, Hafen. Holt bei Komatsu freitags den sortenreinen Stahl, hundertvierzig EC die Tonne, hat mir eine freundliche Frau aus dem Einkauf vorgelesen, weil ich wissen wollte, ob Krefeld mehr zahlt.” Er ließ eine Pause stehen, die sonst nicht seine Art war. „Wenn das auffällt, fliegt es bei Küppers auf und nicht bei uns. Bei Küppers ist schon mal was aufgefallen.”
„Weiß ich.”
„Ich sage es trotzdem.”
„Den nehmen wir.” Dobs schrieb sich die Nummer nicht auf, weil er sie nach dem zweiten Ansehen hatte. „Hat sie zugesagt?”
„Noch nicht.”
Das Torsystem von Komatsu Neuss war ein Betonraum ohne Fenster, und Dobs stand darin auf der Seite, auf der niemand steht.
In der Mitte ein Drehkreuz mit drei Holmen, im oberen Drittel blank gegriffen, darunter stumpf. Ein Zählwerk mit sechs Stellen an der Wand daneben. Über dem Kreuz eine Lampe, an der man ablas, ob eine Buchung gegolten hatte. In der Rückwand eine Tür mit Drahtglas, dahinter Licht und keine Bewegung.
Er legte die Küppers-Nummer hin, und der Raum ließ ihn stehen. Das war der ganze Zugriffsschutz an dieser Stelle: wer eine Nummer hat, ist ein Lieferant, und ein Lieferant darf zusehen.
Dann arbeitete das Ding.
Draußen war es zwanzig nach eins und in der Halle Schichtmitte, und alle paar Sekunden legte sich eine Hand auf den Holm, drückte, und das Zählwerk klickte weiter. Die Hände kamen einzeln und ohne Gesichter. Bei jeder ging die Lampe kurz an und wieder aus.
Dobs sah dem eine Weile zu und suchte dann die Möbel, für die es keine Hände gab.
Links in der Wand ein Fach, schulterhoch, leer. Rechts eine zweite Tür ohne Glas, geschlossen, ohne Klinke auf seiner Seite.
Er fragte das Zählwerk nach einer Kennung, die im laufenden Jahr hinausgegangen und nicht wiedergekommen war, und der Raum führte es ihm vor, statt es ihm aufzuschreiben.
Eine Hand am Holm, ein Klick, die Lampe an und aus. Dann nichts. Nachts nichts. Um sechs Uhr morgens fiel in das Fach links ein Zettel, und es blieb weiter nichts. Am Mittag des zweiten Tages ging die Lampe über dem Kreuz nicht auf Rot, sondern aus — nicht gesperrt, unbestätigt. Erst am vierten Morgen um sechs blockierte der Holm, und die Tür ohne Klinke ging eine Handbreit auf, und eine Hand nahm den Zettel aus dem Fach.
Viermal war das in diesem Jahr passiert. Dreimal lief es genau so ab, träge und über ein Wochenende hinweg.
Beim vierten Mal ging die Tür ohne Klinke nach einer Stunde auf.
Dobs sah sich das zweimal an. Am Ablauf lag es nicht; der Raum tat beide Male dasselbe. Beim vierten Mal hatte nur jemand hinter der Tür schon gewartet.
Er ließ die vier liegen und fragte nach Donnerstag.
Der Holm drehte sich für den Donnerstagabend vor, und es kamen drei Hände. Eine gehörte zur Frühschicht und ging um zweiundzwanzig Uhr vierzehn wie alle anderen. Die beiden anderen kamen von außen, angemeldet als Fremdfirma, Zutritt einundzwanzig Uhr dreißig, Abgang zweiundzwanzig Uhr dreißig, Lieferantenanschrift Düsseldorf, Immermannstraße. Zwei Personen, keine Namen, weil Fremdfirmen keine schicken müssen. Was sie schicken müssen, ist die Begleitung aus dem Werk, denn ohne Begleitung geht am Lieferantentor keiner, und die Begleitung bucht mit hinaus.
Als Begleitung stand dort Ahlers, M., Werkstoffprüfung.
Angemeldet worden war das Ganze am zwölften Juli.
Dobs stand einen Moment vor der Zahl und rechnete sie nicht nach, weil es nichts nachzurechnen gab. Der Weg hinaus war zwei Monate alt und lag da, seit sie die Antwort bekommen hatte.
Er fragte den Raum, wer die Anmeldung eingetragen hatte.
Die Lampe über dem Drehkreuz drehte sich zu ihm. Sie hatte auf der Rückseite ein Glas, und dahinter stand jemand, der bis dahin etwas anderes getan hatte.
Grund der Abfrage.
„Schrottabholung freitags”, sagte Dobs. „Küppers, Ankauf. Ich will wissen, ob ich am Donnerstagabend am selben Tor im Weg stehe.”
Die Lampe blieb, wo sie war, so lange, dass er die Stellen des Zählwerks zweimal hätte lesen können. Dann drehte sie sich zurück und war wieder eine Lampe.
Auf der Wand neben dem Fach schrieb sich eine Zeile mit Uhrzeit, Lieferantennummer und dem Wort Auskunftsbegehren.
Er ging hinaus, ohne den zweiten Versuch zu machen.
Um zwanzig vor elf saßen sie in Norf auf der Mauer eines Spielplatzes, gegenüber einer Zeile aus vier Häusern mit je sechs Klingeln. Mox hatte die Kapuze unten und die Hände in den Ärmeln, und in zwei Stunden hatte ihn niemand angesehen.
Vierzig Meter weiter oben stand ein dunkler Kombi am Bordstein. Zwei Leute darin, Motor aus. Düsseldorfer Kennzeichen. Es war nicht derselbe Wagen wie im Februar, und Dobs sagte das nicht, weil Mox es auch schon gesehen hatte.
Um zwei vor elf kam Ahlers die Straße herunter, die Tasche über der Schulter, und schloss das dritte Haus auf. Zwei Minuten später ging im dritten Stock rechts das Licht an.
Die Beifahrertür vom Kombi ging auf.
Der Mann, der ausstieg, machte die Tür leise zu und kam den Bürgersteig herunter, auf ihrer Seite, in einem Tempo, das nirgendwohin gehörte.
Mox nahm die rechte Hand aus dem Ärmel. Der Verband am Handrücken war seit Freitag sauber geblieben. Er legte den Daumen in die eigene Handfläche und drückte, und für Dobs passierte nichts, gar nichts, überhaupt nichts.
Auf vier Meter drehte der Mann den Kopf zur anderen Straßenseite und sah ein Garagentor an. Er sah das Garagentor elf Schritte lang an, ging an der Mauer vorbei, an zwei Leuten vorbei, die darauf saßen, und sah nicht ein einziges Mal her.
An der Ecke blieb er stehen, sagte vier Silben in etwas, das er in der hohlen Hand hielt, und ging zurück zum Wagen.
Der Verband war dunkel geworden. Mox zog die Hand in den Ärmel zurück. Er saß, und sein Atem ging zu schnell dafür.
„Was war das?“, fragte Dobs.
„Wenig.”
„Deine Hand.”
„Ja.” Mox sah nicht hin. Seine Stimme war noch da, aber sie kam von weiter hinten. „Fünf Wochen werden es jetzt nicht mehr.”
Der Kombi blieb stehen, wo er stand. Im dritten Stock rechts ging hinter dem Vorhang jemand durchs Zimmer, einmal hin und einmal zurück.
„Die stehen seit gestern da”, sagte Dobs. „Und gestern sind sie ihr nicht mal hinterhergefahren.”
„Mussten sie nicht.” Mox sah die Zeile an, die vier Häuser, die sechs Klingeln pro Haus. „Der ist an uns vorbeigelaufen und hat gewusst, in welchem Stock das Licht angeht. Hochgesehen hat er nicht ein einziges Mal.”