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Kapitel 102 — Der Vierte

Am Mittwochmittag legte Jeck einen Kassenzettel auf den Tisch in Weckhoven und drehte ihn um. Auf der Rückseite stand ein Name in eckiger Handschrift.

„Zwanzig EC”, sagte er. „Eine Frage. Wer ist im März neu in eine Neusser Nachtkolonne gekommen und hat vorher im Werk gearbeitet.”

„Und?”

„Dennis Kampmann. Seit dem einundzwanzigsten März bei Metallhandel Küppers, Ankauf, Hafen. Sortiert abends, fährt freitags nicht mit rein.” Jeck setzte sich nicht. „Dobs’ vierter Fall war im März. Der, bei dem die Tür nach einer Stunde aufgegangen ist.”

Kerstin sah den Zettel an und ließ ihn liegen.

„Küppers.”

„Küppers.” Jeck drückte zwei Finger auf das rechte Auge, in dem das geplatzte Gefäß langsam braun wurde. „Wir haben den Namen der Firma zweimal geborgt, und der Mann, den wir fragen wollen, steht auf ihrem Hof. Das ist eine Stelle für zwei Sachen.”

„Hat Rieke sonst was gesagt?”

„Ungefragt, ja.” Er nahm die Jacke vom Stuhl. „Nach dem Mann ist im Juli schon einmal gefragt worden. Auch zwanzig, auch bar. Sie verkauft dieselbe Frage nicht zweimal an denselben, und derselbe war ich nicht.”

„Was macht die Hand?”

„Zu bleibt sie nicht.” Jeck sagte es zur Tür hin. „Er hat heute Nacht in Norf gesessen und sagt, der Wagen steht noch.”

Kerstin steckte den Zettel ein. Das war ihre Zusage. Jeck nahm sie und machte nichts daraus.


Um halb neun abends lag der Hof von Küppers hinter der Waage im Dunkeln. Die Lampe über der Einfahrt war durch, und das schon länger; im Glas stand innen Staub.

Kerstin ging ohne Licht hinein. Restlicht machte aus dem Platz eine graue Zeichnung mit sauberen Kanten. Vier Mulden in einer Reihe, mit Kreide beschriftet: E1, E2, Späne, Mischschrott. Daneben ein Stapel Achsen, mannshoch, gegen einen Betonsockel gekippt. Hinten eine Sortierhalle mit halb heruntergelassenem Rolltor und einem Streifen gelbem Licht darunter.

Bevor sie weiterging, schaltete sie um. In der Halle zwei Menschen an einer Presse, beide in Bewegung. Im Büro über der Waage nichts. Auf dem Hof einer, an der dritten Mulde. Die Wagen an der Mauer standen alle auf der Temperatur der Nacht.

Sie schaltete zurück und ging hin.

Der Mann hatte ein Bündel Bandeisen auf die Muldenkante gelegt und kam mit dem Spannband nicht durch. Er sägte mit einer stumpfen Kneifzange daran herum, zwei Hände, kein Fluchen.

„Herr Kampmann.”

„Feierabend ist zehn”, sagte er zum Bündel. „Wer was abgeben will, kommt morgen. Morgen wiegt der Chef.”

Kerstin sah das Spannband eine Sekunde lang an und entschied, bevor sie es zu Ende gedacht hatte. Der rechte Sporn fuhr aus, ging durch das Band und war wieder drin. Das Bündel klappte auf und lag.

Damit wusste ein weiterer Mensch in Neuss, was sie in den Unterarmen hatte. Sie hatte für das Gespräch bezahlt, bevor sie die erste Frage gestellt hatte.

Kampmann sah auf ihren Unterarm. Dann auf ihr Gesicht. Er legte die Zange auf die Kante und schob sie gerade, obwohl sie gerade lag.

„Sie sind im März durch das Personentor gegangen und nicht wiedergekommen”, sagte Kerstin.

„Da fragt man nicht nach. Sowas fragt man nicht.”

„Ich sage Ihnen erst, was es kostet.” Sie stellte sich so, dass er an ihr vorbei auf die Einfahrt sehen konnte. „Im Juli hat jemand für Ihren Namen bezahlt. Zwanzig EC, genau wie ich heute. Wenn ich hier stehe und Sie reden mit mir, kann das bei Ihnen landen, und dann stehen Sie wieder auf einem Zettel, von dem Sie ein halbes Jahr runter waren. Sagen Sie, ich soll gehen, dann gehe ich.”

Kampmann nahm die Zange auf und legte sie wieder hin.

„Und wenn es landet?”

„Dann komme ich wieder.”

„Das sagt sich leicht.”

„Ja”, sagte Kerstin. „Trotzdem.”

Er redete dann zehn Minuten, und er sagte dabei durchgehend man.

„Man macht zwei Jahre Instandhaltung und lässt sich die Schweißaufsicht bezahlen. Und dann steht im Vertrag, dass man das zurückzahlt, wenn man vor dem zweiten Jahr geht. Neuntausend Nuyen. Nicht Mark, nicht EC. Neuntausend Nuyen, und man hat in seinem ganzen Leben keinen einzigen davon in der Hand gehabt.”

„Und Duisburg?”

„Zweitausendvierhundert neue Mark im Monat, Instandhaltung, unbefristet. Da überlegt man nicht lange.” Er sah auf die Mulde. „Man geht donnerstags. Donnerstagnacht ist Wartungsfenster, da läuft das Lieferantentor nach neun noch, da ist überhaupt Betrieb. Man bucht raus wie immer und kommt nicht wieder, und das Tor merkt das erst am Montag. Bis Montag ist man angemeldet, umgemeldet und weg.”

„Bei Ihnen war Montag eine Stunde.”

„Ja.” Er wischte sich die Hände an der Hose ab, obwohl sie trocken waren. „Um halb zwölf haben zwei an dem Wagen gestanden. Angefasst hat keiner. Der eine hat gesagt, die Rückzahlung wird zum Ersten fällig, und Duisburg hätte am Nachmittag abgesagt. Am Nachmittag. Da war ich noch im Werk.”

„Was waren das für Leute?”

„Keine vom Werk.” Er sah in Richtung Einfahrt. „Miteinander haben die nicht deutsch geredet. Mit mir schon, ganz normal, kein Wort zu viel. Einer hatte ein D-Kennzeichen.”

„Wer hat es denen gesagt?”

„Das hab ich sechs Monate gefragt.” Kampmann legte die Zange ein drittes Mal hin. „Keiner. Man sagt sowas keinem, nicht mal zu Hause.” Er machte eine Pause, in der man das Rolltor hinten arbeiten hörte. „Man fragt bloß im Februar bei der Personalabteilung an, schriftlich, was die Rückzahlung genau macht, wenn einer zum Quartal geht. Drei Wochen später stehen die am Wagen. Wer fragt, steht auf dem Zettel. Vorher nicht, nachher immer.”

Kerstin ließ die Daten liegen. Sie lagen sauber. Am elften Juli hatte eine Frau aus der Werkstoffprüfung gefragt. Am zwölften hatte jemand in Essen geantwortet, und am zwölften stand im Torsystem eine Anmeldung für einen Donnerstag zehn Wochen später. Zehn Wochen lang war die Frau danach jeden Tag durch dasselbe Tor gegangen.

„Und Ihre Kennung?”

„Gesperrt. Gekündigt wird einem nicht, die Kennung geht bloß zu. Das liest jedes Werkstor zwischen hier und Köln.” Er zog die Schultern hoch und ließ sie fallen. „Man hat dann einen Ausweis und eine Nummer und alles, und man kommt trotzdem hinter keinen Zaun mehr. Deswegen sortiert man hier und fährt freitags nicht mit rein.”

„Letzte Frage.” Kerstin sah ihn an. „Wenn donnerstags einer rausgeht und nicht wiederkommt, und vorher hat keiner gefragt — hält das bis Montag?”

„Das Tor hat mich nicht verraten. Das Tor ist langsam und dumm und bleibt das auch.” Kampmann nahm das erste Bandeisen und warf es in die Mulde. „Bei denen, auf die schon einer wartet, ist das Tor egal.”


Um zehn nach neun ging sie zur Einfahrt zurück und sah vorher nach.

Auf dem Hof standen zwei Wärmebilder, die vorher nicht da gewesen waren. Eines in der Einfahrt, aufrecht, neben dem Pfosten. Das zweite zwölf Meter links davon hinter dem Achsenstapel, tief, unbewegt, und im Restlicht war davon nichts zu sehen.

Sie ging auf die Einfahrt zu und tat, als gäbe es nur den einen.

Der war Mitte dreißig, dunkle Jacke, beide Hände draußen. Er stand so weit neben dem Pfosten, dass man an ihm vorbeimusste.

„Entschuldigung”, sagte er, und das Wort saß richtig.

Seine rechte Hand ging hoch.

Ihre Hand lag um sein Handgelenk, bevor sie es entschieden hatte, und drehte es nach außen und unten. Dann kam sein Gewicht auf ihren linken Arm, und der linke Arm war nicht da. Der Stichkanal ging in der Mitte auf, warm und sofort, und für eine halbe Sekunde hatte sie nur eine Seite. Sie setzte die Schulter dagegen und hielt ihn damit.

Er zog nicht. Er sah ihren linken Unterarm an, von der Faust bis zum Ellenbogen, und dann sah er ihr ins Gesicht.

In seiner offenen rechten Hand lag nichts.

Kerstin ließ los und ging einen Schritt zurück. Hinter dem Achsenstapel bewegte sich nichts.

Der Mann strich sich den Ärmel glatt und trat aus der Einfahrt heraus auf die Straße.

„Donnerstag ist kein guter Tag zum Aufhören”, sagte er.