▌ Gruel's StorytimeA continuing story, one chapter at a time.
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Kapitel 103 — Begleitung

Am Donnerstagmorgen roch die Halle der Uferkinder nach nassem Beton und heißem Harz. Gesa saß an einem Tisch aus zwei Türblättern und wickelte Draht von einer Spule, ohne aufzusehen.

„Der Junge war um sieben da”, sagte sie. „Hat das Gestell zweimal auseinandergehabt.”

„Geht es?”

„Der Wandler hat eine Dichtung gebraucht. Zwölf EC, die schreib ich auf.” Sie legte die Spule hin. „Wann?”

„Dreiviertel zehn.”

Gesa hob den Kopf. „Was?”

„Viertel vor.”

„Sagt das auch so.” Sie nahm die Spule wieder auf. „Allein geht er nicht rein.”

„Er geht nie allein rein.”

„Er geht jedes Mal allein rein. Ihr sitzt daneben und seht ihm beim Atmen zu.” Sie zog den Draht straff über den Daumen. „Das Gestell hat zwei Plätze. Einer ist seiner. Auf den anderen setzt sich einer, der ihn rausholt, wenn es zumacht. Letztes Mal war da keiner drauf, und es hat ihn ein Ohr gekostet.”

„Ich sehe da drin nichts”, sagte Mox.

„Sie sollen nicht sehen. Sie sollen ziehen.”


Um Viertel vor zehn saßen sie auf zwei Kisten im hinteren Teil der Halle, und Dobs legte ihm den Bügel an.

„Du siehst da raus, wo ich rausgucke. Anfassen kannst du nichts. Wenn ich stehen bleibe, bleib ruhig.”

„Und wenn es zumacht?”

„Dann ziehst du mir das hier vom Kopf. Nicht vorsichtig.”

Dann war die Halle weg.

Mox hatte mit Licht gerechnet. Es war ein Gang aus grauem Blech, links und rechts Türen, Schloss an Schloss, vierhundert oder mehr, und an jeder Tür ein Schild mit einem Namen und einer Nummer. Der Gang roch nach nichts. Das fiel ihm zuerst auf, und danach fiel ihm auf, dass er sich darüber wunderte.

„Lieferanten”, sagte Dobs’ Stimme, und neben ihm stand niemand. „Jeder, der dem Werk irgendwas verkauft, hat hier einen.”

„Womit sind wir drin?”

„Mit Küppers.”

„Die ist verbrannt.”

„Die ist protokolliert, das ist etwas anderes.” Zwei Schritte weiter vorn ging eine Tür auf, und eine Hand war daran nicht zu sehen. „Solange ich einen offen habe, steht auf dem Schild nicht mehr die Firma. Da steht, wer ihn offen hat.”

Mox sah hin. Auf dem Schild der offenen Tür stand die Nummer von Küppers.

„Und wenn das einer liest?”

„Dann liest er Küppers.” Dobs hielt einen Moment an. „Kerstin hat dem Mann auf dem Hof gesagt, sie kommt wieder, wenn es bei ihm landet.”

„Ja.”

„Ich mach’s trotzdem.”

„Ja”, sagte Mox.

Dobs fragte den Gang nach allem, was im Juli angelegt worden war, und der Gang wurde kürzer, während sie darin standen. Von vierhundert Türen blieben neun. Acht trugen Anschriften aus Neuss, Grevenbroich, Kaarst: Schrauben, Paletten, Hallenreinigung, ein Betrieb für Hubwagen. Die neunte trug eine Düsseldorfer Anschrift.

Nikko Service GmbH, Immermannstraße 44.

Dahinter lag ein einziges Blatt.

„Angelegt am zwölften Juli”, sagte Dobs. „Leistung steht auch drauf.”

Mox las es selbst, und es war ein Wort aus einer Personalabteilung.

Begleitung von Austritten.

„Achthundert Nuyen je Vorgang”, sagte Dobs. „Nicht EC. Nicht Mark.”

„Wie viele Vorgänge?”

„Zwei.” Das Blatt rückte näher, ohne dass sich etwas bewegt hätte. „Der erste: sechzehnter März. Der zweite: heute, einundzwanzig Uhr dreißig.”

Mox stand vor den zwei Zeilen und suchte, was daran falsch war. Es war nichts daran falsch. Es war ordentlich.

„Bestellt hat beide dieselbe Stelle im Werk”, sagte Dobs. „Personal.”

„Am elften Juli hat sie dort gefragt.” Mox hörte die eigene Stimme von weiter weg, und das lag am Gestell. „Am zwölften hat ihr jemand geantwortet und im selben Aufwasch den Termin gemacht. Zehn Wochen vorher.”

„Die holen sie raus.”

„Die sind bestellt für den Fall, dass einer geht.” Mox sah auf das Datum im März und rechnete fünf Tage dazu, bis er bei einem Schrottplatz am Hafen war und bei einem Mann, der abends Bandeisen sortierte. „Im März hat das schon einmal einer gemacht. Der steht jetzt bei Küppers auf dem Hof.”

Dobs sagte eine Weile nichts.

„Sie ist die Begleitung”, sagte er dann. „Ohne sie kommen die zwei am Lieferantentor gar nicht erst durch.”

„Sie schließt ihnen die Tür auf, durch die sie sie wegbringen.”

Weiter vorn im Gang stand eine zweite Tür offen. Auf ihrem Schild stand eine kurze Zahl mit einem Buchstaben davor, wo bei den anderen eine Firma stand.

„Was ist das?”

„Einer von innen.” Dobs’ Stimme war schmaler geworden. „Der steht da, seit wir hier sind.”

Mox sah die offene Tür an. Wer etwas sucht, macht mehrere auf und lässt keine offen stehen. Wer eine einzige offen stehen lässt, sieht nach, ob etwas noch da ist.

„Mach zu.”

Dobs machte zu. Eine halbe Sekunde später ging die zweite Tür weiter vorn ebenfalls zu.


In der Halle war es zwanzig nach zehn. Dobs zog sich den Bügel vom Kopf, drehte ihn einmal in der Hand und legte ihn auf die Kiste.

„Das hat nichts gekostet”, sagte er.

„Doch. Nur nicht uns.”

Jeck saß um elf in Reuschenberg an einem Tisch und kaufte etwas, das bis zum Abend fertig sein musste; Kerstin holte den Wagen. Es blieb der eine Weg, den das Team hatte, seit es den ersten hatte: der Frau alles sagen, auch das, wovon sie absagen würde, und sie selbst entscheiden lassen, wo sie um zweiundzwanzig Uhr steht.

„Einer muss zu ihr”, sagte Dobs.

„Ich.”

„Du bist der Einzige, der da keine Beschreibung hat.” Dobs zog die Schultern hoch. „Dreiviertel eins ist das Gestell wieder zusammen.”

Am Tisch hob Gesa den Kopf. Sie sah den Jungen an und dann den Mann auf der Kiste, und dann wickelte sie weiter.


Um halb zwölf saß Mox in Norf an der Haltestelle, zwei Häuser vor der Zeile aus vier Eingängen, und hatte die Kapuze unten.

Der Kombi war weg. Vierzig Meter oberhalb trug der Bordstein einen dunklen Fleck und sonst nichts. Die Straße lief ihren Donnerstag ab: ein Getränkewagen, zwei Frauen mit Einkaufsnetzen, ein Junge mit einer Schultasche, der eine Stunde zu früh nach Hause kam. Niemand sah auf ein Haus.

Mox ließ elf Busse fahren.

In der dritten Stunde kam ein Mann aus dem zweiten Eingang, sah ihn an, und Mox sah zurück, ohne etwas zu sein, worüber man weiterdenkt. Der Mann ging zu seinem Wagen. Um zwei fing es an zu nieseln, und die Haltestelle hatte ein Dach, und das war der ganze Vorteil des Tages.

Im dritten Stock rechts blieb das Fenster, wie es war. Kein Licht, keine Bewegung hinter dem Vorhang. Sie kam nicht die Straße herunter und sie kam nicht mit dem Bus, und um kurz nach fünf war klar, dass sie heute nicht mehr nach Hause ging.

Mox stand auf und ging hinüber.

Er drückte auf die dritte Klingel von oben. Drinnen im Flur ging nichts an, und es kam niemand.

Er blieb vor der Haustür stehen und sah durch das Drahtglas. Links die Briefkästen, sechs Stück, Klappen aus blankem Blech. Darüber hing ein Blatt in einer Klarsichthülle, angeheftet mit vier Reißzwecken, die Ecken sauber, das Papier noch weiß.

Er las es zweimal. Beim zweiten Mal las er nur noch das Datum.

Wohnungsabnahme 3. OG rechts: Montag, 26. September, 9:00 Uhr. Schlüssel bitte vollzählig. Das Treppenhaus ist ab 8:30 Uhr belegt. Wir bitten um Verständnis.

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