▌ Gruel's StorytimeA continuing story, one chapter at a time.
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Kapitel 104 — Vier nach zehn

Das Parkdeck an der Düsseldorfer Straße machte um acht zu, und die Schranke unten stand offen, weil sie seit zwei Jahren offen stand. Auf der dritten Ebene standen neunzehn Wagen. Sechzehn davon gehörten Leuten, die am Freitagmorgen wiederkämen.

„Zwei Stellen vorher waren falsch”, sagte Kerstin. „Wer geladen hat und nicht gesehen werden will, stellt sich nicht in eine Straße. Der stellt sich zwischen Wagen, die morgens alle gleichzeitig wegfahren.”

Der Kombi stand hinten an der Brüstung, bis unter das Dach voll, und von außen war er leer.

„Sie liegt quer über den Kisten”, sagte Kerstin. „Seit Mittag. Alles andere in dem Wagen hat die Temperatur vom Beton.”

Jeck klopfte zweimal mit dem Handrücken an das Seitenblech, nicht an das Glas.

Es dauerte lange. Dann ging die Heckklappe einen Spalt auf, und Meike Ahlers sah heraus, einundvierzig Jahre alt und sechs Stunden zusammengelegt.

„Ich heiße Jeck. Ich rede zwanzig Minuten. Wenn Sie in der Mitte aufstehen und fahren, hält Sie keiner fest.” Er blieb zwei Schritte weg. „Am Sonntag hat jemand einen Zettel in einen Briefkasten in Neuss gelegt. Essen bezahlt dreißig Riesen EC dafür, dass Sie heute um zweiundzwanzig Uhr durch das Werkstor gehen und nicht wiederkommen. Zehn liegen bei uns.”

„Woher haben Sie das?”

„Vom Auftraggeber selbst, auf einer Fähre.” Jeck ließ ihr zwei Atemzüge. „Ihr Werk hat am zwölften Juli eine Düsseldorfer Firma als Lieferanten angelegt. Immermannstraße. Leistung Begleitung von Austritten, achthundert Nuyen je Vorgang, bestellt von Ihrer Personalstelle. Zwei Vorgänge stehen darunter. Der erste ist der sechzehnte März. Der zweite ist heute, einundzwanzig Uhr dreißig, und Sie stehen als Begleitung darauf, weil die zwei ohne Sie nicht durch das Lieferantentor kommen.”

Sie rutschte auf der Ladekante nach vorn und setzte die Füße auf den Beton.

„Der sechzehnte März”, sagte sie. „Wer?”

„Dennis Kampmann, Instandhaltung. Sortiert jetzt abends Schrott am Hafen. Seine Kennung ist zu, sein Betrieb in Duisburg hat schon nachmittags abgesagt, bevor er überhaupt draußen war, und die Rückzahlung wurde zum Ersten fällig. Angefasst hat ihn keiner.”

„Und das Blatt im Treppenhaus?”

„Wohnungsabnahme, Montag um neun.”

„Das habe ich gesehen.” Sie rieb sich mit dem Daumen über die Fingerknöchel. „Die Anmeldung habe ich am Dienstag an der Pforte gelesen. Mein Name stand darauf und eine Firma, die ich nicht kenne. Geprüft habe ich, wem die Lieferantennummer gehört. Weiter bin ich nicht gekommen.”

„Weiter sind wir gekommen.” Jeck zog die Jacke zu. „Wir gehen um zehn nach neun mit Ihnen hinein. Zwei Leute von der Immermannstraße, Papiere von heute Mittag, vierhundert EC. Sie melden uns an, Sie gehen Ihre Runde, und um vier nach zehn gehen wir drei wieder hinaus. Dann liegt an der Pforte der Vorgang, den Ihr Werk selbst bestellt hat. Kein Weglaufen. Montag um neun schließt einer Ihre Wohnung auf und findet sie leer. Vorher hat niemand einen Grund hinzusehen.”

„Und die zwei, die wirklich kommen?”

„Die stehen um halb zehn vor einer Pforte, in der ihr Vorgang schon läuft. Die Anmeldung trägt eine Nummer, zwei Personen und eine Begleitung. Namen trägt sie nicht, weil eine Fremdfirma schickt, wen sie will. Das Tor rechnet nicht. Es zählt.”

„Was kostet es, wenn es nicht hält?”

„Ich weiß nicht, ob Sie da wieder rauskommen. Ich verkaufe Ihnen die Arbeit und nicht den Ausgang.” Er ließ die Stimme dabei nicht anders werden. „Wenn um halb zehn einer von denen an der Pforte einen Namen nennt, sind Sie drin und wir mit.”

„Und wenn ich jetzt fahre?”

„Dann stehen sechzehntausend Nuyen auf Ihrem Namen, Ihre Kennung geht Montag zu, und die liest jedes Werkstor bis Köln. Sie hätten einen Ausweis und kämen hinter keinen Zaun mehr.” Jeck zuckte mit einer Schulter. „Fragen Sie Kampmann.”

Ahlers sah eine Weile auf ihre eigenen Hände und dann in den Wagen hinein.

„Halb neun steht der Wagen in der Chemiestraße hinter dem Kesselhaus”, sagte sie. „Ich muss vorher noch das Prüfbuch zuschreiben. Sonst fällt es am Freitag auf und nicht am Montag.”


Um sieben nach neun lag am Fremdfirmenschalter ein Klemmbrett, und hinter dem Glas saß ein Mann im blauen Kittel, der ohne aufzusehen zwei Ausweise mit Klammern herausschob. Personen: 2. Begleitung: Ahlers, M. Rieke hatte für Kerstin eine Monteurin aus Reisholz gebaut, mit Werkstattanschrift, und für Jeck einen mit Verträgen in der Tasche.

Der Hof lag unter Natriumlicht, das die Farben aus allem herauszog. Über ihnen ging eine Rohrbrücke, und darin schlug etwas tief und gleichmäßig. Ahlers ging vorn, zwei Fremde hinter sich, weil der Vorgang das so vorsah.

In der Prüfhalle machte sie kein Licht. Kerstin sah ihr im Restlicht dabei zu, wie sie sich an ein Pult setzte und mit einem Kugelschreiber neun Zeilen schrieb, Charge für Charge, jede mit Uhrzeit, und unten das Handzeichen. Dann legte sie den Schlagstempel mit ihrer Prüfnummer in die Schublade und schob sie zu.

„Der Stempel gehört dem Werk”, sagte sie.

Um einundvierzig nach neun drehte Kerstin sich auf dem Hof um und schaltete um. Durch die Wand des Pförtnerhauses saß der Kittel am Schalter und griff zum Telefon; der Anruf dauerte keine halbe Minute. Draußen vor dem Schlagbaum stand einer, aufrecht und dicht am Pfosten, und ging elf Minuten lang nicht weiter.

Um drei nach zehn legten sie die Ausweise zurück in die Klammern, und Ahlers zeichnete die Zeile ab.


Der Frittenwagen stand vierzig Meter vom Tor und machte das Geschäft des Tages, weil um vierzehn nach zehn die Schicht wechselte. Mox stand seit zehn davor, Kapuze unten, mit einer Pappschale in der Hand, und war einer von elf.

Der Mann aus der Einfahrt löste sich neben dem Pfosten aus dem Dunkeln, als sie herauskamen. Dunkle Jacke, beide Hände draußen.

„Guten Abend.”

„Ihr Vorgang ist gelaufen”, sagte Jeck. „Achthundert Nuyen, in Scheinen.” Er hielt den zweimal geknickten Umschlag flach zwischen zwei Fingern.

„Das ist nicht üblich.”

„Üblich ist auch nicht, dass Sie heute Nacht Ihrer Bestellerin erklären, Sie hätten um halb zehn vor einer Pforte gestanden. Dann steht Ihr Name in einem Vorgang.” Jeck lächelte dabei. „Nehmen Sie die achthundert und schreiben Sie die Rechnung am Montag.”

„Zweiter steht”, sagte Kerstin, ohne die Lippen weit zu bewegen. „Fünf Meter hinter dem Pfosten. Er sieht der Frau auf die linke Schulter.”

Mox setzte die Pappschale auf die Kante des Wagens und legte die Hand daneben.

Zu sehen war nichts. Die Luft blieb dieselbe, und das Fett im Wagen brutzelte weiter. Dann ging über Mox’ rechtem Wangenbein die Haut auf, ohne dass ihn etwas getroffen hätte, und das Blut lief ihm in drei Zügen in den Kragen. Er blieb stehen. Der Mann im Wagen schob ihm eine Serviette hin.

Ahlers ging an dreien vorbei zur Chemiestraße, und eine Minute später fuhr hinter dem Kesselhaus ein Wagen an.

Der Mann aus der Einfahrt sah drei Sekunden zum Frittenwagen und nahm dann den Umschlag.

„Das schreibe ich auch nicht auf”, sagte er und ging.

„Da war etwas an ihr”, sagte Mox in die Serviette. „Jetzt nicht mehr. Der, der es hingelegt hat, weiß das.”


Freitag um elf lag der Rhein grau unter einem Wind von Norden, und die Rampe der Fähre schlug zweimal auf das Blech, bevor der Radfahrer mit seinen zwei Körben drüber war. Brackhaus stand mittschiffs an der Kühlerhaube eines Lieferwagens, und er hatte die zwanzig Riesen EC in einer Bäckertüte.

„Die Pforte trägt einen Vorgang der Personalstelle”, sagte er. „Zwei Personen, eine Begleitung, ein Austritt um zweiundzwanzig Uhr vier.”

„Die Nacht war schon verkauft, als Sie sie gekauft haben”, sagte Jeck.

„Dazu ist nichts bestellt.”

Nachmittags in Weckhoven lagen die zwanzig Riesen unter der Diele, und die Frau war seit sechzehn Stunden aus Neuss weg. Mox saß am Tisch, über dem Wangenbein ein selbst geklebter Streifen Pflaster, und trank sein Wasser mit beiden Händen.

„Der Zweite hat gestanden, bevor wir draußen waren”, sagte er. „Der hat nicht gesucht. Der hat gewartet.” Er setzte das Glas ab. „Woher hat der gewusst, dass sie um vier nach zehn rauskommt?”