▌ Gruel's StorytimeA continuing story, one chapter at a time.
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Kapitel 105 — Einmal im Jahr

Samstags roch die Halle am Hafen nach heißem Kunststoff, weil Krey vor acht anfing und den Kolben erst ausmachte, wenn das Brett leer war. Er war einer von den Ältesten, gefadet seit Jahren, und er baute die Decks für die, die eins brauchten. Dobs brauchte keins. Darüber war zwischen ihnen nie ein Wort gefallen.

„Zwölf”, sagte Gesa vom anderen Ende. „EC.”

Dobs legte die zwölf EC auf die Tischkante, und Krey schob sie mit dem Ellenbogen weg, ohne sie anzusehen.

„Guck dir das an.” Er hielt den alten Ring hoch, schwarz, an einer Stelle hell und matt. „Der bröselt. Siebzehn Monate hat der gehalten, und die letzten drei davon hat er nur noch so getan.” Er setzte den neuen in die Nut und drückte ihn mit dem Daumen rund. „Der neue ist aus dem, was sie für Kältemaschinen nehmen. Der friert, bevor er reißt.”

Das Gestell stand quer, das Kopfteil aufgeklappt, zwei Kabel mit Isolierband an derselben Stelle. Für Dobs war das Gestell ein Möbel. Er ging ohne Gerät hinein, seit er denken konnte; in der Halle stand das Ding wegen des zweiten Platzes.

„Wann?“, fragte Krey.

„Nachmittags.”

„Dann sitz ich um drei hier.”

Gesa sah einmal her und wieder weg. „Zweiter Platz besetzt, oder gar nicht. Das gilt auch samstags, Kind.”


Der Hof von Metallbau Pesch an der Hafenstraße lag voll Regenwasser, und aus der Halle kam das Klopfen, mit dem jemand Zunder von einer Naht schlug. Kappes stand draußen an einem Bock und zog Winkel an, die schon angezogen waren.

„Zwanzig EC krieg ich samstags”, sagte er, als Dobs fragte. „In die Hand. Das ist kein Lohn. Das ist Mitfahren.”

Er holte das Blatt aus der Brusttasche, weich an den Falzen, und machte es auf dem Bock flach. Berufsausbildungsvertrag. Oben Betrieb, Beruf, Beginn, unten sechs Zeilen mehr.

„Ausfüllen kann ich das Obere. Metallbau Pesch, Metallbauer, erster August.” Kappes fuhr mit dem Handschuh über die untere Hälfte, wo jemand mit Kugelschreiber zwei Zeilen angestrichen hatte. „Das hat der Alte angestrichen. Kennung des Auszubildenden. Und der, der für mich unterschreibt.” Er sah auf seine Schuhe. „Der Alte sagt, du kennst dich aus mit Papier. Bis Frühjahr muss das bei der Kammer sein. Vierzig Mark kostet das, sagt er. Neue.”

Dobs faltete das Blatt auf zwei Finger Breite und steckte es ein.

„Wer hat dir gesagt, dass du am ersten August anfängst?”

„Der Alte.” Kappes hob die Schultern. „Angefangen hab ich schon.”


Um drei saß Krey auf dem zweiten Platz, den Daumen an der Nut, weil der neue Ring noch nicht saß, und sagte: „Zwanzig Minuten. Dann zieh ich, egal wo du stehst.” Dann ging die Halle weg.

Das Einwohnerwesen der Stadt Neuss war billig gebaut. Boden, Decke, drei Tresen an drei Wänden, eine Tür. Jemand hatte gebaut, was ein Schalterraum mindestens braucht, und dann aufgehört. Neben der Tür stand eine Schranke, halbhoch, und dahinter arbeitete etwas, das keine Gestalt hatte und trotzdem hinsah.

Auf den Tresen lag nichts. Erst wenn man fragte, kam ein Blatt hoch, und solange es oben lag, stand es offen. Lesen war frei. Mitnehmen kostete acht neue Mark an der Schranke, und dann stand die Kennung dessen darauf, der gezahlt hatte.

Holzheim, die Straße, die Hausnummer. Das Blatt kam hoch.

Die Anschrift gab es, und es wohnten vier Menschen darin, ein Familienname über allen vieren, die älteste Meldung von einundfünfzig, die jüngste ein Kind von sieben. Ein fünfter Eintrag stand nicht darunter. Wo er gestanden hätte, hörte das Blatt auf.

Zweiter Tresen. Die Kennung, die Jeck gebaut hatte, Ziffer für Ziffer.

Das Blatt kam hoch und blieb leer. Nicht gesperrt. Nicht unbekannt, nicht in Prüfung, nicht an eine andere Behörde abgegeben — leer, und in diesem Raum hieß leer: war nie hier. Jecks Papier war gut. Es war so gut, dass ein Mensch, der es in der Hand hielt, nichts dagegen sagen konnte. Dieser Raum hielt nichts in der Hand. Dieser Raum verglich.

Dobs ging zum dritten Tresen, und er wusste beim Gehen, dass er das nicht mehr brauchte.

Vorgangsarten, wiederkehrend. Das Blatt kam hoch, zwei Spalten, Turnus und letzter Lauf. Meldedatenabgleich Rundfunk. Abgleich Wahlberechtigte. Und in der Mitte, zwischen zwei Dingen, die niemanden etwas angingen: Bestandsabgleich Ausbildungsverhältnisse, Empfänger die Handwerkskammer Düsseldorf, Turnus jährlich, Monat März. Letzter Lauf im März dieses Jahres. Der nächste stand daneben, mit Tag.

Drei Jahre stillhalten reichte nicht. Das Papier musste jeden März gegen diesen Raum bestehen, und dieser Raum ließ sich nicht überreden.

Von der Schranke her fragte etwas nach seiner Kennung. Höflich, einmal, ohne Wiederholung. Dobs stand zwei Sekunden und sah auf die drei Blätter, die auf drei Tresen offen lagen.

Dann riss ihn Krey heraus.

Die Halle kam zurück mit Lötgeruch und dem Kolben auf der Ablage, und Krey hatte den Daumen immer noch an der Nut.

„Zwanzig”, sagte er. „Punkt.”

„Ich weiß.”

„Was liegt da noch?”

„Drei Blätter.” Dobs setzte sich auf und wartete, bis der Boden aufhörte zu kippen. „Offen. Mit dem Datum von heute.”

Krey nahm den Daumen weg und sah nach, ob der Ring saß.


In Weckhoven brannte Licht, und auf dem Tisch stand der Rest von etwas, das mittags warm gewesen war. Kerstin war bei Halm, zwölf Tage waren um. Mox saß an der Schmalseite mit dem Pflaster über dem Wangenbein und trank Wasser.

Dobs legte das Blatt hin und erzählte es der Reihe nach: die Anschrift, die leere Kennung, den März.

Jeck hörte es bis zum Ende an und zog sich dabei nicht die Jacke aus.

„Dann taugt es nicht”, sagte er. „Was ich baue, hält zwei Stunden. Dafür ist es gemacht. Ein Mensch liest es, und der Mensch hat einen Termin und will nach Hause.” Er setzte sich doch. „Zwei Stunden kann ich. Jeden März gegen ein Register kann ich nicht, und dreimal hintereinander erst recht nicht.”

„Und wenn das Papier hielte”, sagte Dobs, „steht er im zweiten Jahr am Werkstor bei Komatsu. Pesch liefert da seit elf Jahren hin. Der Werksausweis geht auf die Kennung. Das ist das dritte Tor.”

„Wer wohnt in Holzheim?“, fragte Mox.

„Vier. Ein Name über allen vieren. Das Kind ist sieben.”

Jeck stand nach einer Weile auf und ging telefonieren, wegen der Pension am Bahnhof, deren Woche am Freitag auslief.

Dobs holte den Kugelschreiber aus der Küchenschublade, zog das Blatt zu sich heran und füllte die obere Hälfte aus. Metallbau Pesch. Metallbauer. Erster August. Die zwei angestrichenen Zeilen ließ er, wie sie waren. Dann schrieb er oben an den Rand, wo kein Feld war, den Tag aus dem dritten Blatt, legte den Stift zurück in die Schublade und ging schlafen.