▌ Gruel's StorytimeA continuing story, one chapter at a time.
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Kapitel 106 — Zwei Meter sechzig

Sonntagabend stand in der Schleuse ein einziger Gast am Kicker, und Brandt spülte trotzdem.

„Eine aus Grefrath”, sagte er. „Hydraulik. Hat Freitag angerufen und gefragt, ob es jemanden gibt, der sich einen Hof ansieht.”

„Wer hat ihr die Nummer gegeben?”

„Der mit dem Kühlhaus.” Brandt stellte ein Glas kopfüber auf das Tuch. „Gefragt hat mich keiner.”

Dagegen gab es keinen Riegel. Ein bezahlter Auftraggeber, der zufrieden war, redete irgendwann mit dem Nächsten, und das war der Preis dafür, dass die Arbeit gestimmt hatte.

„Bedingungen?”

„Acht Riesen EC, vier vorweg, bar. Sie will eine Zahl und ein Datum, bevor sie sonst irgendwas will.” Er nahm das nächste Glas. „Das ist ihr Satz, nicht meiner.”

„Sonst was?”

„Sie hat zweimal gesagt, sie fragt nicht, was es ist.” Brandt drehte den Hahn zu. „Mehr will ich nicht wissen.”


Über dem Rolltor der Zwei hing am Montagmorgen ein Schlauch von acht Metern zum Trocknen, und darunter stand Pallmann Hydraulik — Schlauchkonfektion, Prüfungen in Buchstaben, die einmal gelb gewesen waren.

Gudrun Pallmann war Mitte fünfzig und hatte die Ärmel bis über die Ellenbogen geschoben. Sie ging voraus bis an die Rampenkante und blieb dort stehen.

„Bis dahin komm ich.” Sie zeigte mit dem Kinn auf die dritte Stütze der Hofüberdachung. „Mein Stapler ist zwei Meter sechzig über die Gabel. Heute Morgen hatte ich zwischen der Stütze und dem da draußen drei Meter siebzig. Am Freitag waren es fünf und ein halber.”

Quer über den Hof lief eine Linie, und sie hielt sich an nichts. Die gelbe Markierung vor Halle drei war auf halber Länge abgeschnitten; dahinter lag die Farbe noch da und war grau bis auf den Stein. Ein Gully saß mitten auf der Grenze, auf der einen Seite nass, auf der anderen mit einem weißen Rand.

„Und wenn es unter zwei sechzig geht?”

„Dann steht die Presse drin, bis jemand sie über das Dach holt. Ein Kran auf dem Hof kostet mich zweitausend EC am Tag, und ich hab am Fünfzehnten einen Lastzug an der Rampe.” Pallmann sah auf ihre eigene Zufahrt und dann auf das Graue. „Vier Kunden davon sind Molkereien. Die warten nicht.”

Kerstin ging drei Schritte nach links und maß mit den Augen nach, was die Frau gesagt hatte. Es stimmte auf einen halben Meter.

In der Halle lag ein Brief auf der Werkbank, unter einem Schraubstock, der nicht zugedreht war.

„Seit dem Neunzehnten hat der Hof einen neuen Eigentümer”, sagte Pallmann. „Wer das ist, steht da nicht. Verwaltung macht die Rheinkontor Objekt, Düsseldorf.” Sie legte die Hand flach neben das Blatt. „Pacht waren sechshundertzwanzig neue Mark. Ab Oktober sind es achthundert EC, und ab dem Ersten braucht jeder auf dem Hof eine Zutrittsberechtigung. Auf Kennung.”

Kerstin las die Zeile zweimal.

„Wie viele Leute haben Sie?”

„Mich. Und einen, der freitags kommt. Der hat eine.” Pallmann zog eine Blechkassette unter der Werkbank hervor und zählte vier Riesen EC auf das Holz. „Acht insgesamt. Ich frag Sie nicht, was das ist. Ich frag Sie, wo es am Freitag steht.”


Mittags in Weckhoven hielt Jeck das Blatt gegen das Fenster, ohne es zu brauchen.

„Rheinkontor Objekt verwaltet auch Seestern Nord”, sagte er. „Da sitzt Mitsuhama im Bestand. Und da haben wir im August eine Frage gestellt, die sie aufgeschrieben haben.” Er gab den Brief zurück. „Die geben Zufahrtsprotokolle heraus und sonst nichts. Ab dem Ersten kommen zwei von uns auf den Hof gar nicht mehr.”

„Dann ist es bis dahin gemacht.”

Mox saß an der Schmalseite und hatte das Pflaster über dem Wangenbein abgenommen; darunter war die Stelle trocken und zu schmal für einen Verband.

„Zwölf Pflasterbrocken”, sagte er. „Eine Handbreit auseinander, entlang der Kante, sechs Meter vor der Südecke von Halle drei. Die liegen noch da, wenn keiner sie weggekehrt hat.”

„Und der vierte Grenzstein?”

„Am Graben. Im Frühjahr hat einer zwei Stunden mit dem Spaten danach gesucht.”


Um halb drei brannte im Gewerbehof eine einzige Lampe, die über dem Tor der Eins. An der Loge war kein Licht, und am Seitentor hing ein Schloss, das im Restlicht noch keinen Kratzer hatte.

Kerstin schaltete um, und der Hof kam ihr als graue Zeichnung entgegen. Das Helle lag heller als alles andere und hatte keine Körnung — eine Fläche ohne Fugen in einem Pflaster, das aus nichts als Fugen bestand.

Dann ging sie auf Wärme, und das Bild hatte dort ein Loch in der Form der Fläche. Ein Pflaster, auf dem ein Septembertag gelegen hat, gibt bis Mitternacht noch Grade her. Dieses gab an seiner Kante nichts her, und die Kante saß dort, wo sie auch im Restlicht saß. Sie hielt es zwanzig Sekunden und schaltete zurück, weil das Gerät ihr nichts weiter mehr sagen konnte.

Die zwölf Brocken lagen noch da, eine Handbreit auseinander, alle hell. Vom zwölften bis zur Kante maß sie vier Meter zwanzig.

Sie ging die Kante ab, und die Kante war gerade. Sie lief auf den Graben zu, und der vierte Grenzstein lag mitten darin. Dahinter ging es noch vier Schritte weiter, ins Gras des Bankettes, und das Gras war grau bis in die Wurzel.

Kerstin nahm die kurze Brechstange aus dem Gürtel. Der Stein lag eine Armlänge im Hellen, und auf dem Kopf war etwas eingeschlagen, das sie von außen nicht las.

Sie machte zwei Schritte und setzte an.

Was dann kam, kam vor ihr. Der Körper war zurück, bevor die Entscheidung ankam, drei Schritte auf einmal, und sie saß im nassen Gras des Grabens und hielt die Stange noch in der Faust.

Das Eisen war unten hell. Auf den letzten zwei Handbreit hatte es keine Kanten mehr, und als sie den Daumen darüberzog, blieb Pulver daran. Der Rest der Stange war kalt und schwer und in Ordnung. Die Sohle ihres linken Stiefels war bis auf die Zwischenlage weg, und der Fuß darin war trocken und unverletzt.

Sie blieb sitzen, bis ihr Puls wieder zu ihr gehörte, und stand dann auf. Von der geraden Kante war nichts anders geworden. Vierzig Zentimeter vor ihren Stiefeln hörte das Gras auf zu leben, und dort, wo sie gestanden hatte, lag jetzt ein Abdruck aus Pulver.

Sie schrieb die vier Meter zwanzig auf den Handrücken und ging.


Um zwanzig vor fünf ging bei Pallmann das Rolltor hoch. Sie fing um fünf an und machte vorher Licht.

Kerstin legte die Brechstange auf die Werkbank, mit dem hellen Ende nach oben. Pallmann sah sie an, und sie sah den Stiefel an, und sie fragte nach keinem von beidem.

„Wie weit?”

„Sechzig Zentimeter pro Nacht, gleichmäßig. Ihre Zahl von Freitag sagt sechzig, und eine zweite Messreihe auf dem Hof sagt dasselbe.” Kerstin legte das Maßband daneben. „Ihre drei Meter siebzig von gestern sind jetzt drei Meter zehn. Heute Nacht werden zwei Meter fünfzig daraus. Der Stapler kommt heute noch durch und morgen nicht mehr.”

Pallmann rechnete es nicht nach. Sie nahm einen Schlauchnippel aus der Kiste und drehte ihn zwischen zwei Fingern.

„Und Freitag?”

„Freitag steht es einen Meter dreißig vor Ihrer Stütze, und Ihr Lastzug am Fünfzehnten findet einen Hof, auf dem er nicht wenden kann.” Kerstin ließ ihr einen Atemzug. „Wegnehmen kann ich es nicht. Ich kann den suchen, der es hingelegt hat. Der hat im März gewusst, dass ihm der Hof gehört, und er hat einen Vermesser bezahlt, damit die Grenze da liegt, wo er sie braucht.”

„Und wenn der nicht will?”

„Dann will er es auch nicht vier Schritte hinter seinem eigenen Grenzstein haben.”