▌ Gruel's StorytimeA continuing story, one chapter at a time.
← All chapters

Kapitel 107 — Das Handzeichen

Auf dem Hof des Ingenieurbüros Sassen in Nievenheim stand der Messwagen mit offener Heckklappe, und Wilms zog die Stative einzeln heraus, um sie abzuwischen, obwohl sie trocken waren.

„Herr Kessels!” Er ließ das Tuch fallen und gab die Hand, beide Male zu fest. „Zur Erörterung? Das ist der Zwölfte, nicht diese Woche.”

„Deswegen komm ich vorher.” Jeck hatte die Mappe unter dem Arm, in der nichts lag, was mit Nierst zu tun hatte. „Ich hab eine Frage, die nicht in mein Fach gehört. Grenzen.”

„Grenzen macht bei uns keiner.” Wilms sagte es beinahe stolz. „Dafür brauchen Sie einen öffentlich bestellten. Wir messen, was da ist. Grenzen sind Recht, kein Messen.”

„Und wenn einer im März vier Grenzsteine neu sucht, mit zwei Leuten und einem Spaten?”

„Dann ist das eine Grenzfeststellung, und dann hat das einen Ablauf.” Wilms stellte ein Stativ zurück und zählte an den Fingern ab, und bei Zahlen wurde er genau. „Antrag. Ladung an alle Beteiligten, mit Urkunde, elf Mark fünfzig das Stück, neue. Sieben Tage dazwischen, mindestens. Termin vor Ort, Grenzniederschrift, und die unterschreiben die Beteiligten. Kostet nach Tabelle, bei vier Punkten vierzehnhundert neue Mark aufwärts, plus Anfahrt.”

„Und wer nicht kommt?”

„Der ist geladen.” Wilms wischte an einer Libelle, die nichts hatte. „Das ist die ganze Kunst an der Sache, Herr Kessels. Wer nicht kommt, widerspricht nicht. Und wer nicht widerspricht, hat die Grenze anerkannt, und in zwei Jahren erzählt ihm das kein Gericht mehr anders.”

Jeck ließ es einen Moment stehen. Die Frau in Halle zwei hatte seit zwölf Jahren dieselbe Anschrift und hatte im März keinen Brief bekommen. Sie war Mieterin, und Mieter lädt keiner. Aber drei andere waren geladen worden, und irgendwo lag eine Niederschrift mit Unterschriften darauf.

„Kann man sehen, welches Büro gemessen hat?”

„Am Stein.” Wilms wurde laut, weil ihm die Frage gefiel. „Jedes Büro schlägt sein Zeichen in den Kopf. Zwei Buchstaben, manchmal eine Zahl dahinter. Das ist Vorschrift und das ist auch Handwerksehre, wenn Sie mich fragen.” Er hob die Schultern. „Sagen Sie mir das Zeichen, sag ich Ihnen das Büro. Da gibt es zwischen hier und Krefeld keine vierzig.”

„Ich komm an den Kopf nicht ran.”

„Dann graben Sie ihn aus, der sitzt keine Handbreit tief.” Wilms lachte, klappte die Heckklappe zu und wurde dabei großzügiger, als er hätte sein müssen. „Und wenn Sie’s ganz schnell wollen: die Niederschrift geht immer ans Kataster. Dann steht das Zeichen auf Papier, und auf demselben Papier steht, wer bezahlt hat. Antragsteller heißt das Feld.”

„Danke.”

„Wie heißen Sie eigentlich mit Vornamen?” Wilms hatte das Tuch wieder in der Hand. „Ich sag seit dem Sommer Herr Kessels, und dabei duze ich sonst alles, was auf einen Hof kommt.”

Die Pause war kurz und stand trotzdem im Raum.

„Bei mir bleiben Sie besser beim Nachnamen”, sagte Jeck. „Den kann ich mir merken.”


Kerstins Wagen stand nicht vor der Bude. Sie war um halb acht mit Odenthal nach Düsseldorf gefahren, und wer in Weckhoven warten wollte, wartete auf Mox, der am Tisch saß und die Zahl aufschrieb, die für diese Nacht galt: zwei Meter fünfzig, wenn die Fläche sich nicht verrechnete, und sie hatte sich noch nie verrechnet.

In der Halle am Hafen nahm Gesa fünfzig EC für den Abend, legte sie in die Blechdose und schob den zweiten Platz mit dem Fuß gerade.

„Er geht nicht allein rein”, sagte sie. „Das gilt auch, wenn du zahlst.”

„Deswegen setz ich mich ja.”


Was Jeck von einer Zustellbasis wusste, war, dass Post morgens sortiert und mittags getragen wird. Der Ort, in den Dobs ihn mitnahm, hatte davon nichts, und trotzdem war es derselbe Beruf.

Es war eine Straße. Sie fing an einer Ecke an, die es in Neuss so nicht gab, und sie lief in der Reihenfolge, in der einer sie geht. Die Hausnummern hatten damit nichts zu tun. Erst die ungerade Seite bis zur Kreuzung, dann zurück auf der geraden, dann der Stich in den Hof, weil es sich sonst nicht lohnt. An jeder Tür hing, was dort hingehörte: das Laufende, und darunter die Urkunden, die ein Zusteller einmal hat quittieren lassen und die keiner wegwirft, weil sie der Beweis sind. Das meiste war Papier ohne Interesse.

„Wir haben einen Durchlauf”, sagte Dobs neben ihm, und seine Stimme kam von überall. „Der Bezirk läuft einmal. Vorwärts. Wenn wir am Hof vorbei sind, sind wir vorbei.”

„Und zurück?”

„Dann fängt er neu an, und beim zweiten Mal schreibt er auf, wer fragt.” Eine Pause. „Sag mir, wo ich langsam gehen soll.”

Das war der Teil, den Jeck konnte. Er verstand nichts von dem, worin sie standen, aber eine Reihenfolge war eine Reihenfolge, und eine Reihenfolge gehörte immer jemandem. Die Reihenfolge legte den Gewerbehof ans Ende. Wer dort saß, bekam alles, was für den Hof gedacht war, in einem Griff, kurz vor Schluss, wenn ein Mensch mit einer Tasche nur noch nach Hause will.

„Ganz hinten”, sagte Jeck. „An der Loge.”

Dann kam die Einfahrt, und unter dem Laufenden hingen an der Loge drei Urkunden vom Neunten März, für einen Termin am Sechzehnten.

Eigentümer der Parzelle, Eigentümer der Nachbarparzelle, Verwaltung. Drei Beteiligte, drei Anschriften, ein Fenster. Quittiert waren sie alle drei am Zehnten, innerhalb von sechs Minuten.

Und quittiert waren sie nicht auf Kennung. In dem Feld, in dem eine Kennung steht, stand dreimal derselbe Haken mit einem Aufstrich hinten — das, was einer hinschreibt, der keine Kennung hat und trotzdem unterschreiben soll.

„Das sind drei”, sagte Jeck. „Wilms hat vier gesagt.”

Die vierte war nicht in Neuss zugestellt worden. Sie stand auf derselben Einlieferung, vier Stücke in einem Auftrag, und das letzte davon war nach Düsseldorf-Niederkassel gegangen und dort auf Kennung quittiert, mit Firmenstempel, um kurz nach acht. Die Firma hieß Yano-Rhein Industrieleasing, und Jeck kannte sie aus einem anderen September und aus einer Akte über vierzehn Spritzgussformen. Zweihundertzwanzigtausend EC, offen bei einem Mieter, der nicht mehr existierte. Im Milieu hängte man an diese Adresse gern das Wort Yakuza und konnte es nie belegen.

„Antragsteller”, sagte Jeck. „Der Vierte ist der, der bestellt hat.”

„Dann haben die drei, die widersprechen konnten, ihren Brief am selben Fenster bekommen.”

„Und einer hat für alle drei den Stift gehalten.” Jeck sah auf die sechs Minuten. „Und der ist über das Graue gegangen, ohne dass es ihm was getan hat.”

Dobs sagte etwas von zwei Minuten, und Jeck hörte es halb, weil an der Loge noch etwas hing, das nicht zum März gehörte.

Ein Stück mit Urkunde, Zustellung für Mittwoch, den Achtundzwanzigsten. Es war noch nicht heraus, es lag noch in der Basis, es war auf dem Bezirk nur vorgemerkt.

Im Quittungsfeld stand der Haken mit dem Aufstrich hinten, und er stand dort seit dem Vormittag.