Kapitel 108 — Auf dem Grauen
Auf dem Tisch in Weckhoven lag am Mittwochmorgen ein Streifen Packpapier, und darauf stand dreimal derselbe Haken mit dem Aufstrich hinten. Dobs hatte ihn aus dem Kopf gemalt, bis er saß, und war danach schlafen gegangen.
Mox sah sich den dritten an. Der war der beste.
„Und damit soll was gehen?“, fragte Kerstin.
„Das Graue frisst Eisen und Leder. Haut lässt es liegen.” Er drehte das Papier so, dass der Haken zu ihm zeigte. „Deinen Fuß hat es dagelassen und deine Sohle genommen. Es fragt nicht, wer da steht. Es fragt, was der mitbringt.”
„Und der Hausmeister bringt einen Haken mit.”
„Dreimal am zehnten März, in sechs Minuten, für drei Leute, die nicht selbst am Fenster waren.” Mox legte den Daumennagel neben den Aufstrich. „Wer geladen ist und quittiert, hat anerkannt. Und was anerkannt hat, steht dem Verfahren nicht im Weg.”
Kerstin sah auf seine rechte Hand. Der Handrücken war offen, seit zwei Wochen jetzt, und die Ränder standen hoch. Sie ließ es stehen.
Jeck saß seit acht beim Kataster und wartete auf eine Abschrift der Grenzniederschrift vom sechzehnten März. Achtzehn neue Mark, drei Werktage, Abholung persönlich. Drei Werktage waren einer zu viel.
Pallmann hatte das Rolltor der Zwei halb offen und schob eine Palette Nippel so weit nach innen, dass die Gabel noch drehen konnte.
„Zwei Meter fünfzig war heute Nacht”, sagte sie. „Ich hab von innen gemessen. Morgen komm ich mit der Presse nicht mehr raus und mit dem Stapler nicht mehr rein.”
„Wir brauchen zwei Nägel aus Ihrer Kiste.”
„Nehmen Sie vier.” Sie richtete sich auf. „Und die vier Riesen EC, die noch offen sind, kriegen Sie, wenn ich am Fünfzehnten eine Rampe habe, an der ein Lastzug steht. Nicht vorher, und nicht dafür, dass Sie es interessant finden.”
Mox arbeitete die nächsten zwei Stunden auf dem Bauch im Bankett, vier Meter von der Kante, mit einer Dachlatte in der Linken. Er schob hinüber, was er dabeihatte, und schrieb auf, wie lange es brauchte.
Der Nagel war in vier Sekunden weg. Er lag hell und pulvrig auf dem Grau und dann war er das Grau. Der Lederriemen dauerte länger, fast eine halbe Minute, und ging von den Kanten nach innen. Eine Handvoll von dem Hellen, die Mox mit der Latte zurückschob, blieb liegen, wie sie war, und die Latte selbst kam trocken wieder heraus, solange nur ihr Kopf darüber stand. Ein Büschel Gras aus dem Bankett, mit Wurzel, wurde an der Kante grau und lag danach ruhig.
Was schon durch war, war durch. Zweimal häuten ließ sich nichts, und was abgelegt war, gehörte niemandem mehr. Das war der Teil, den Mox ohne den Blick verstand, weil seine ganze Tradition darauf lag.
Er riss den Streifen mit dem dritten Haken ab, wickelte ihn um den zweiten Nagel und nahm die kleinste Kraftstufe, die noch etwas hielt.
Der Drain kam sofort und ging dorthin, wo es billig war. Auf dem Handrücken sprang die Stelle auf, die nie zugegangen war, und Mox wartete, bis das Rauschen unter dem Scheitel abzog. Nichts Neues riss. Das war die ganze Abmachung, die er mit sich hatte.
Der gewickelte Nagel lag zwei Minuten im Hellen und blieb ein Nagel.
Mox stand auf, wickelte einen zweiten Streifen um seinen rechten Unterarm und ging drei Schritte hinein.
Nichts kam. Das Gras unter den Sohlen war grau und knirschte nicht. Beim vierten Schritt ging der Ärmel oberhalb des Papiers auf, in der Breite eines Daumens, und dann noch eine Handbreit weiter den Arm hinauf, und Mox hielt still und sah zu, wie die Jacke aufhörte, eine Jacke zu sein. Die Haut darunter blieb trocken.
Beim fünften Schritt war das Papier nicht mehr trocken. Aus dem Handrücken lief es über den Unterarm in den Streifen, der Haken lief mit, und aus dem Aufstrich wurde ein Fleck.
Mox ging rückwärts heraus, fünf Schritte, und behielt den Streifen im Blick statt den Boden. Auf dem Bankett setzte er sich hin und sah sich die Hand an. Sie taugte für heute nichts mehr.
„Nasses Papier zählt nicht”, sagte er. „Und ich blute auf alles, was ich anfasse.”
Kerstin nahm den vierten Streifen, klebte ihn mit zwei Ringen Gewebeband über den linken Unterarm, oben, wo der Spornkanal lag, und ging bei Dämmerung hinein.
Neun Schritte bis zum Graben. Sie schaltete auf Wärme. Im Boden war kein Grad, keiner in der Kante, keiner in den Steinen. Das Hellste darin war ihr eigener Atem. Hinter ihr standen ihre Abdrücke eine Sekunde lang warm im Nichts und gingen dann einer nach dem anderen aus, von den ältesten nach vorn, und als sie am Graben war, lag hinter ihr keine Spur mehr, dass jemand hier gegangen wäre.
Der vierte Grenzstein lag eine Armlänge im Hellen. Sie fasste mit der rechten Hand in das Grau und um den Stein herum, und die Erde kam trocken und pulvrig mit. Der Kopf war eine Handbreit tief, und auf dem Kopf standen eingeschlagene Zeichen.
Zwei Buchstaben, ein I und ein S, und dahinter eine Vier.
Sie merkte sich die Tiefe der Schläge und die Reihenfolge und ließ den Stein liegen, wie er lag, weil ein umgelegter Grenzstein eine eigene Straftat ist und weil sie nichts mitzunehmen brauchte.
Beim Aufstehen schaltete sie noch nicht zurück, und deshalb sah sie ihn.
Achtzig Meter die Kante hinunter, weit drinnen, stand ein Mensch. Er hatte Wärme, er hatte sie in den Schultern und im Gesicht und in den Händen, und unter seinen Füßen gab der Boden nichts davon her. Er stand still. Er sah zu ihr her.
Kerstin ging nicht auf ihn zu. Sie ging zurück, neun Schritte, in ihre eigenen ausgegangenen Abdrücke, und nahm an der Kante das Band ab.
Er kam eine halbe Stunde später, von innen, und blieb vier Schritte vor der Kante stehen.
Ein Mann um die sechzig in einem grauen Kittel, an dem der Staub eine Farbe war und kein Fleck. Die Hände hingen ihm leer herunter, und in der Brusttasche steckte ein Kugelschreiber mit der Kappe nach außen.
„Die Zwei hat wieder Licht”, sagte Lövenich. „Die Frau fängt um fünf an.”
Mox saß im Bankett am Graben und hielt die rechte Hand hoch, damit sie aufhörte. Kerstin stand zwei Meter weiter und blieb dort.
„Sie werden gesucht”, sagte Mox.
„Von wem denn.” Es war keine Frage. Lövenich sah an ihm vorbei auf die Kante, und die Kante war dort, wo sie vor einer Stunde noch nicht gewesen war. „Der Hof ist von achtundfünfzig. Das Pflaster ist zweimal aufgenommen worden, einmal für die Leitung und einmal, weil die Drei einen schwereren Kran brauchte. Beim zweiten Mal hat keiner mehr gewusst, wo die Steine liegen.”
„Und im März hat einer nachgesehen.”
„Im März hat einer gemessen, und am Fenster hat einer quittiert.” Lövenich redete im selben Tempo weiter. „Das Fenster in der Loge ist von neunundsechzig. Unten war eine Klappe drin, mit einem Riegel von innen. Wer durch die Klappe quittiert, muss nicht rauskommen.”
Kerstin bewegte sich einen halben Schritt, und Mox hob zwei Finger, und sie blieb.
„Warum gehen Sie nicht raus?”
„Das fragen Sie jetzt zum dritten Mal auf einmal.” Lövenich sah auf seine Hände und dann wieder hoch, und die Antwort blieb bei den Händen. „Gestern lag wieder eine im Kasten. Urkunde dran, Termin am Fünften, vier Ladungen auf einer Einlieferung. Drei sind quittiert. Die Frau aus der Zwei steht auf keiner davon.”